Heute vor 138 Jahren, am 15. Juni 1888, starb in Potsdam ein Kaiser nach nur 99 Tagen auf dem Thron. Friedrich III., preußischer Kronprinz und Feldherr, Sohn Wilhelms I., Vater Wilhelms II. Sein Tod veränderte den Lauf der deutschen Geschichte.
Der Kronprinz, der sich wandelte.
Um Friedrich III. rankt sich eine Legende: der liberale Kaiser, der alles anders gemacht hätte. Die Wahrheit ist komplizierter.
In jungen Jahren stand Friedrich auf der Seite der Reformer. Als Kronprinz in den 1860er Jahren sympathisierte er mit dem liberalen Lager, geriet darüber in Konflikt mit Bismarck und seinem Vater. Seine Ehe mit Victoria, der Tochter Queen Victorias, zog ihn zeitweise in die Nähe britischer Verfassungsvorstellungen. Es ging ihm nie um das Kopieren englischer Institutionen, sondern um die Frage, wie ein starker Staat seine Bürger beteiligt.
Mit den Jahren änderte sich das. Unter dem Gewicht der Realpolitik, unter dem Einfluß Bismarcks, unter den Zwängen des Amtes näherte sich der Kronprinz dem Kurs an, den der Kanzler vorgab. Bei seinem Thronantritt am 9. März 1888 war Friedrich III. nicht mehr der liberale Hoffnungsträger seiner Jugend. Er hatte gelernt, daß Regieren etwas anderes ist als Opponieren. Er war 57 Jahre alt und kannte den Krieg aus eigener Anschauung: 1866 bei Königgrätz kommandierte er die 2. Armee, 1870/71 führte er preußische und deutsche Truppen gegen Frankreich. Jahrzehntelang hatte er zugesehen, wie Bismarck das Reich zusammenhielt, wie sein Vater regierte. Er wußte, worauf es ankam. Und worauf nicht.
Doch er war bereits todkrank. Kehlkopfkrebs, diagnostiziert 1887, hatte ihm die Stimme geraubt. Der Kaiser konnte nicht sprechen. Er regierte mit Zetteln, geschriebenen Notizen, kurzen Anordnungen. Seine Frau Victoria hielt den Betrieb aufrecht. 99 Tage lang.
Am 15. Juni 1888 erlag er der Krankheit. Sein Sohn Wilhelm, 29 Jahre alt und auf den Thron nicht vorbereitet, folgte ihm nach. Drei Jahrzehnte als Kronprinz, mit Zeit zum Reifen, hätten ihm gut getan. Stattdessen wurde er Kaiser, bevor er bereit war.
Der Kaiser, der den Krieg verhindert hätte.
Ein radikaler Kurswechsel gegenüber seinem Vater wäre von Friedrich kaum zu erwarten gewesen. Dazu war er zu sehr Preuße, zu sehr Soldat, zu sehr in der Tradition des Hauses Hohenzollern verwurzelt.
Was ihn auszeichnete, war die Person. Friedrich III. war ein stattlicher Mann, überall im Reich beliebt, weil er Präsenz zeigte. Er kannte seine Stärken und die Schwächen der gegnerischen Mächte. Er war kein Hasardeur, sondern ein Diplomat, der aus Urteilskraft auf Ausgleich setzte.
Einige Historiker sehen in ihm den verhinderten Reformer. Andere halten den Gegensatz zu Wilhelm II. für überschätzt. Die 99 Tage geben keine sichere Antwort. Die entscheidende Frage ist ohnehin eine andere: Wäre unter Friedrichs Führung der Erste Weltkrieg ausgebrochen? Vieles spricht dagegen. Ein Kaiser, der Krieg aus eigener Erfahrung kannte. Ein Kaiser, der mit Großbritannien familiär verbunden war. Ein Kaiser, den das Reich respektierte und dem Europa vertraute: unter diesem Mann hätte Europa den Krieg von 1914 so nicht gesehen.
Hätte Friedrich zwanzig Jahre regiert, kein Mensch kann sagen, wie Europa dann aussähe. Vielleicht gäbe es den Bruch von 1918 nicht. Vielleicht stünde das Deutsche Reich heute anders da.
Der Lotse, der nie steuern durfte.
Friedrich III. starb am 15. Juni 1888. Wer genauer hinsieht, erkennt einen Mann, der in der Jugend reformieren wollte und im Alter begriffen hatte, wie der Staat funktioniert — diese Mischung aus Idealismus und Erfahrung ist selten. Daß er starb, bevor er sie einsetzen konnte, ist eine stille Katastrophe der deutschen Geschichte.
Sein Todestag erinnert an eine Einsicht, die über den Einzelfall hinausgeht: Geschichte hängt an Menschen. Ein früher Tod, ein unerfahrener Nachfolger, und der Kurs eines ganzen Volkes ändert sich.