{"id":577,"date":"2022-11-12T17:21:40","date_gmt":"2022-11-12T16:21:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/?page_id=577"},"modified":"2023-01-23T13:51:02","modified_gmt":"2023-01-23T12:51:02","slug":"leipzig-nach-h-f-von-criegern","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/koenigreich-sachsen\/geografie\/staedte-und-gemeinden\/leipzig-nach-h-f-von-criegern\/","title":{"rendered":"Leipzig nach H. F. von Criegern."},"content":{"rendered":"\n<p>Ein wesentlich andres Bild entwerfen die Fremden von Leipzig. Was die sprichw\u00f6rtlichen Redensarten \u00fcber Leipzig sagen, n\u00e4mlich: \u201eWenn Leipzig meine w\u00e4re, m\u00f6cht\u2019 ich&#8217;s in Freiberg, verzehren\u201c (aus dem Munde eines s\u00e4chsischen F\u00fcrsten). \u201eZu thun haben, wie der Leipziger Rat.\u201c \u201eEs ist richtig mit Leipzig\u201c; Lipsia vult exspectari (Kanzleitrost f\u00fcr Anstellung Suchende), Lipsia lipsiscit (Luther) l\u00e4\u00dft darauf schlie\u00dfen, da\u00df man diese Stadt f\u00fcr eine wohlhabende, weil flei\u00dfige, und an ihrer Eigenart mit Selbstbewu\u00dftsein festhaltende gehalten hat. Dies Urteil ist im ganzen richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier findet man Reichtum und Bildung, wie kaum sonst irgendwo in der Welt vereinigt. Denn das kaufm\u00e4nnische Leben hat hier einen seiner Mittelpunkte; nicht minder der Buchhandel, welcher noch bis in dies Jahrhundert hinein, auch in geselliger Hinsicht, als ein von der Kaufmannschaft v\u00f6llig getrennter Berufszweig angesehen ward. Der Handel Leipzigs ist auch in den Drangsalen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges nicht ganz untergegangen, da selbst Torstenson in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung f\u00fcr das eigne Interesse ihn gegen die nachteiligen Folgen des Krieges zu sch\u00fctzen suchte, so da\u00df die Stadt auch in der Zeit des Krieges \u201edes Landes bestes Asylum und armer Verjagter, D\u00fcrftiger und Kranker Apothek und Brotkammer\u201c genannt werden konnte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei konnte es nicht ausbleiben, da\u00df mit der Wohlhabenheit auch Prachtliebe einri\u00df. Die Leipziger B\u00fcrgersfrauen trugen sich, wie die Kleiderordnung von 1626 r\u00fcgt, \u201enicht auf ehrbare deutsche, sondern auf ausl\u00e4ndische Manier mit mehrfachen goldenen Ketten, Handschuhen mit Gold und Perlen gestickt, goldenen Dolchen durchs Haar, in Summa so, da\u00df es nicht adligen, sondern gr\u00e4flichen und h\u00f6heren Standespersonen gleich ist.\u201c Und \u00fcber die 1651 beim Herannahen der Schweden nach Dresden gefl\u00fcchteten Leipzigerinnen sagt die Kurf\u00fcrstin: \u201eDas Weibsvolk von Leipzig thut nichts, denn Hoffart und Pracht in Kleidung herein nach Dresden bringen, damit hier unsre Dresdener Schlappen vollends in ihrem halsstarrigen Sinne wegen \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Hoffart in Kleidung verst\u00e4rkt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hinsichtlich seiner Bedeutung in geistiger Hinsicht galt Leipzig damals f\u00fcr den Mittelpunkt deutscher Wissenschaft und Bildung, auch im Auslande war es daf\u00fcr bekannt. Der starke Besuch der Universit\u00e4t, \u00fcber 3000 Studierende, ist das beste Zeugnis daf\u00fcr, was f\u00fcr eine Meinung man von derselben hatte. Dieser zahlreiche Besuch ist, ganz abgesehen von der Anziehungskraft, welche die Namen einzelner Lehrer aus\u00fcbten, dem Umstande zuzuschreiben, da\u00df die Stadt mehr als irgend eine andre dem studierenden J\u00fcngling Gelegenheit bot, sich eine allgemeine Bildung anzueignen. Daher sagt Lessing, da\u00df man auf der Universit\u00e4t Leipzigs beinahe nichts so zeitig gelernt habe, als ein Schriftsteller werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr Goethe ist der allgemeine Einflu\u00df des Leipziger Lebens auf sein Denken und Empfinden mindestens ebenso merkbar als der einzelner Lehrer. Was ihm Leipzig gewesen, ist hinl\u00e4nglich bekannt. Er hat f\u00fcr diese Stadt das zum gefl\u00fcgelten Worte gewordene Lob im Faust niedergelegt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mein Leipzig lob&#8216; ich mir, Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dies Lob ist nun freilich nicht nach unserm Geschmack, denn es verr\u00e4t zu deutlich, da\u00df Goethe, als er es schrieb, immer noch unter dem im Elternhause empfangenen und sp\u00e4ter auch noch best\u00e4rkten Eindrucke stand, als ob die franz\u00f6sische Bildung, die sei, die auch die Deutschen nachahmen m\u00fc\u00dften. Allein von dieser Befangenheit, welche der ersten Periode seines dichterischen Wirkens ihren allgemeinen Charakter gegeben hat, ihn zu heilen, ist ihm gerade in Leipzig der Popularphilosoph Clodius behilflich gewesen, welcher ihm wenigstens zum Bewu\u00dftsein brachte, welchen Mi\u00dfbrauch die deutschen Dichter mit der griechischen G\u00f6tterlehre trieben. Nachdem Clodius eines seiner Gedichte von diesem Gesichtspunkte aus scharf angegriffen hatte, so verw\u00fcnschte er, wie er selbst sagt, von der Richtigkeit der Clodiusschen Kritik \u00fcberzeugt, den ganzen Olymp, warf das ganze mythische Pantheon weg und lie\u00df seit jener Zeit h\u00f6chstens noch Luna und Amor in seinen kleinen Gedichten auftreten. Clodius selbst war begeistert f\u00fcr Leipzig, das ja \u00fcberhaupt seinen akademischen Lehrern in jeder Hinsicht stets geboten hat, was ihr Herz nur w\u00fcnschen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr g\u00fcnstiges Zeugnis stellt eine aus Norddeutschland nach Leipzig gezogene Dame der Leipziger Stra\u00dfenjugend aus, im Leipziger Tageblatt vom 17. M\u00e4rz 1889, IV. Beilage. Sie sagt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinen Beweis von H\u00f6flichkeit, ja selbst von ritterlicher Gesinnung bei einem Stra\u00dfenjungen \u2013 jenes Wort hier angewendet, mag seltsam scheinen, und ist doch vollauf berechtigt \u2013 fand ich in einem kleinen Vorgange, der mir wohl nie aus dem Ged\u00e4chtnis schwinden wird. Auf einem Spaziergange im Rosenthale traf ich zwei vielleicht zehn- und zw\u00f6lfj\u00e4hrige Knaben, denen die Armut nicht nur an den blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen abzulesen war, sondern aus jeder verschlissenen Naht ihrer d\u00fcrftigen Kleidung, aus jedem Zuge ihrer kr\u00e4nklichen, fahlen Gesichter sprach. Der eine von ihnen trug am Arme einen Korb mit Rosen, die er wohl den Spazierg\u00e4ngern zum Kauf anbot, des zweiten Hand umspannte ein B\u00fcndel Schilfstengel mit den daran haftenden braunen Bl\u00fctenkolben. Ich hatte dies phantastische Gew\u00e4chs seit langen, langen Jahren nicht gesehen, und eine pl\u00f6tzlich auftauchende Erinnerung an selige Kindertage, denen jede der kleinen Hand nur irgend erreichbare Gabe der Natur, jede seltene Pflanze, jeder absonderliche Stein zum froh begr\u00fc\u00dften Spielzeuge wird, erweckte in mir den Wunsch nach einem solchen Kolben. Ich sprach den Knaben darum an, und er reichte mir gleich deren eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl hin: \u201eJa, nehmen Sie nur, ich habe noch genug, kriege auch wieder mehr.\u201c Mit zweien war ich zufrieden und zog dann mein Portemonnaie, um ihm eine kleine Spende daf\u00fcr zu geben. F\u00fcnfundzwanzig Pfennig waren&#8217;s, der Knabe aber weigerte sich, sie zu nehmen, und verstand sich erst dazu, als ich ihm sagte: Nun ich schenke dir ja nichts, du bist ein kleiner Kaufmann, gabst mir deine Ware und nimmst daf\u00fcr mein Geld. Damit ging ich weiter, doch wenige Schritte nur, da kam mir das Kind schon nachgelaufen, in der Hand eine pr\u00e4chtige rote Rose, wohl die sch\u00f6nste aus seines Kameraden oder auch Bruders Korbe, und bot sie mir mit den Worten dar: \u201eNa, dann nehmen Sie wenigstens noch die Rose\u201c, sprach es und sprang, leichtf\u00fc\u00dfig wieder fort. So manche Rose ward mir in meinem Leben freundlich dargebracht, keine aber hat mich so tief bewegt als diese aus des armen Stra\u00dfenkindes schmutziger Hand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So hat denn Leipzig im allgemeinen, seit es einen s\u00e4chsischen Staat gibt, mit Recht f\u00fcr eine ganz besonders wertvolle Perle in der Krone der Wettiner gegolten. Selbstverst\u00e4ndlich aber mu\u00df es da, wo viel Licht ist, auch Schatten geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man an Leipzig zu tadeln gehabt hat, steht im Zusammenhange mit seinem Wohlstande. Zuerst ist dies n\u00e4mlich der Luxus; doch mu\u00df in Bezug hierauf sehr viel auf Kosten des Neides geschrieben werden, mit dem andre \u00e4rmere St\u00e4dte diese Stadt immer betrachtet haben. Sodann wird von vielen Reisenden seit den Tagen der Reformation, wo die \u201eBriefe der Dunkelm\u00e4nner\u201c den geistigen und sittlichen Zustand dieser Stadt in einem \u00fcberaus tr\u00fcben Lichte erscheinen lassen, sehr viel nicht wieder zu Erz\u00e4hlendes \u00fcber das \u201eLeipziger Leben\u201c erz\u00e4hlt; allein wer die Messe kennt, von welcher diese d\u00fcsteren Sittenbilder meist genommen sind, wei\u00df, da\u00df nicht die Leipziger B\u00fcrger, sondern die Fremden es sind, welche das sogenannte \u201eLeipziger Leben\u201c machen. Desgleichen steht im Zusammenhange mit dem Wohlstande der Stadt der viel beseufzte Umstand, da\u00df Leipzig eine teure Stadt ist, was nicht in Abrede gestellt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen sehr ung\u00fcnstigen Leumund hat unsre gute Stadt bei Luther, welcher bekanntlich zuerst zur Disputation mit Eck in der Plei\u00dfenburg hier gewesen ist. Es mag vor allem die bei dieser Veranlassung von der Universit\u00e4t ihm entgegengebrachte g\u00e4nzlich ablehnende Haltung gewesen sein, durch welche sich in seinem herzen eine so tiefe Abneigung gegen diese Stadt festgesetzt hat, da\u00df er auch sp\u00e4ter, als sie sich mit Begeisterung ihm anschlo\u00df, ihr doch keine Gegenliebe schenken konnte. Daher ist die durch ihre gro\u00dfartigen Messen immer mehr emporkommende Handelsstadt f\u00fcr ihn nur der Typus schn\u00f6der Gewinn- und Genu\u00dfsucht.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem seiner Tischgespr\u00e4che sagt er: \u201eWelch ein Wust ist zu Leipzig! Die ist doch gar im Geize ersoffen!\u201c und in seiner Schrift an die Pfarrherren, wider den Wucher zu predigen (1540), \u201eIch lasse mir sagen, da\u00df man itzt j\u00e4hrlich auf einem jeglichen Leipziger Markt zehn Gulden, das ist drei\u00dfig aufs Hundert, nimmt; etliche setzen hinzu auch den Naumburgischen Markt, da\u00df es vierzig aufs Hundert werden. Pfui doch! Wo zum Teufel will denn zuletzt das hinaus? Das hei\u00dfen nicht Jahrzinse, auch nicht Mondzinse, sondern Mordzinse, rechter j\u00fcdischer t\u00e4glicher Wucher. Wer nun itzt zu Leipzig hundert Floren hat, der nimmt j\u00e4hrlich vierzig; das hei\u00dft, einen Bauer oder B\u00fcrger in einem Jahre gefressen. Hat er tausend Floren, so nimmt er j\u00e4hrlich vierhundert, das hei\u00dft, einen Ritter oder reichen Edelmann in einem Jahre gefressen. Hat er zehntausend, so nimmt er j\u00e4hrlich viertausend, das hei\u00dft einen reichen Grafen in einem Jahre gefressen. Und leidet dar\u00fcber keine Fahr weder an Leib noch an Ware, arbeit nichts, sitzt hinter dem Ofen und br\u00e4t Apfel.\u201c Endlich ist in einer auf der Leipziger Stadtbibliothek vorhandenen handschriftlichen Sammlung von Tischgespr\u00e4chen Luthers, die sich 1546 ein Pfarrer in Marienberg oder ein Lehrer der dortigen Lateinschule nach dem Exemplare des Johann Matthesius in Joachimsthal angelegt hat, folgende harte Prophezeiung aus Luthers Munde \u00fcber Leipzig enthalten: \u201eO Leipzig, du bist ein b\u00f6ser Wurm, Gott wird dich strafen, dich wird ein gro\u00df Ungl\u00fcck \u00fcbergehen. Ich werde es aber nicht erleben, aber die Sch\u00fcler, die auf der Gassen gehen, werden&#8217;s erleben, denn Finanzerei, Hoffart und Pracht straft Gott mit aller Macht. Es w\u00e4hrt alles seine Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel solcher bestraften Gewinnsucht erblickt er in dem Schicksale seines ehemaligen Buchdruckers Melchior Lotter, der ein paar Jahre lang in Wittenberg gl\u00e4nzende Gesch\u00e4fte mit Luthers Flei\u00df und Schwei\u00df gemacht hatte, dann aber, vom Kurf\u00fcrsten nach Leipzig zur\u00fcckgewiesen, zu einem unbedeutenden Drucker herabsank.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem ernsten Zeugnisse gegen die Stadt Leipzig soll noch ein erheiterndes angef\u00fchrt werden, n\u00e4mlich das des Franzosen Tissot aus dem Jahre 1878: \u201eIch habe\u201c, so schreibt er, \u201ewieder einmal wie sonst (vor 1870) einen Tag auf studentische Weise zugebracht, aber ach! wie ganz anders ist es seitdem geworden. Lachende Erinnerungen meiner Jugendjahre, ich habe euch durch die Wolken des deutschen Tabaks und der deutschen Wissenschaft hindurch wiedergesehen. Damals klang die franz\u00f6sische Sprache f\u00fcr germanische Uhren wie Musik; sie war der Sesam, welcher dir alle Th\u00fcren \u00f6ffnete; man suchte dich auf, man begegnete dir mit der ausgesuchtesten Artigkeit, man umgab dich mit tausend Aufmerksamkeiten. Sobald der Name Paris genannt ward, drehten sich die deutschen Dickk\u00f6pfe um, wie die Fl\u00fcgel einer Windm\u00fchle, wenn sich der Wind erhebt. Frankreich war das Traumland, das mit Weinreben umkr\u00e4nzte, mit einem goldenen Kleide angethane, auf ein Blumenbeet hingestreckte Wunderland, es war das Morgenland f\u00fcr diese nordischen V\u00f6lker. Paris sehen und sterben! so klang es von deutschen Lippen! Jetzt ich will lieber schweigen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr unzufrieden \u00e4u\u00dfert er sich \u00fcber die Leipziger Gasth\u00e4user. \u201eSelbst in denen ersten Ranges bekommst du Betten ohne Bettt\u00fccher (Anm.: Wahrscheinlich ist da, wo er eingekehrt ist, das Bett noch nicht \u00fcberzogen gewesen); wenn du ein Betttuch verlangst, bringt man dir eine Serviette. Die Reisedecke ist f\u00fcr den, der in Preu\u00dfen reist, unentbehrlich (weil er n\u00e4mlich glaubt, Leipzig liege in Preu\u00dfen, ist er von einem solchen Hasse gegen diese Stadt erf\u00fcllt). Die K\u00fcche steht im Einklange mit dem \u00dcbrigen. Sage mir, wie du i\u00dft, und ich will dir sagen, wer du bist. Man mu\u00df drei wesentliche Eigenschaften besitzen, um dem Restaurants- und Gasthofsessen in Leipzig Trotz bieten zu k\u00f6nnen, n\u00e4mlich keinen allzu peinlichen Begriff von Reinlichkeit, eine jeder Probe gewachsene Geduld und einen Magen wie ein Schiffsbauch. Man m\u00f6chte schw\u00f6ren, da\u00df alle ber\u00fchmten Giftmischer sich in Preu\u00dfen (!) zusammengefunden haben, um daselbst ungestraft ihr Handwerk auszu\u00fcben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schrecklicher noch als in den Gasth\u00e4usern sieht es f\u00fcr ihn in den Familien aus:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNirgends ist das Familienleben \u00f6der als in den preu\u00dfischen Provinzen, durch welche ich gekommen bin (von ganz Preu\u00dfen hat er aber, abgesehen von Berlin, nur die Bahnstrecke zwischen Rackwitz und Berlin kennen gelernt). Abends ist der Mann immer ausw\u00e4rts; von 5 Uhr an sitzt er in der Brauerei oder im Klub, wo er bis 10 Uhr bleibt. Er sucht sich auf der Speisenkarte die besten Gerichte aus, w\u00e4hrend seine Frau und seine Kinder unter dem Zepter des ewigen Kaffees dahinleben, au\u00dfer Sonntags, wo man gew\u00f6hnlich eine Landpartie unternimmt und ein vergn\u00fcgtes Mahl im Freien h\u00e4lt. In den St\u00e4dten sind die Familienbande derma\u00dfen gelockert, da\u00df nicht selten Herren in der Gesellschaft drei oder vier ihrer fr\u00fcheren Frauen wiederfinden, die infolge h\u00e4uslicher Umw\u00e4lzungen zur Th\u00fcr hinausgeworfen worden sind. Wenn es in der franz\u00f6sischen Unterhaltung einen stehenden Gegenstand gibt, so sind es diese Sittenbilder aus Deutschland; aber wieviel falsche Urteile f\u00e4llen wir immer noch \u00fcber dieses Land!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sodann fehlt den Leipzigern sogar die allereinfachste gesch\u00e4ftliche Ehrlichkeit:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlle Erinnerungen daselbst, die Denkm\u00e4ler, die Volksfeste, alles n\u00e4hrt den Ha\u00df gegen den Erbfeind! Wenn du nicht Deutsch kannst, sprich leise! Drohend spitzt man die Ohren bei den wohllautenden Kl\u00e4ngen der gallischen Zunge, und die Kaufleute ermangeln nicht, dich zu behandeln wie die Mauren einen Christen, sie geben dir nicht richtig wieder, sondern brandschatzen dich auch noch auf andre Weise, indem sie n\u00e4mlich den Preis ihrer Waren verdoppeln. Studenten aus Genf und aus Lausanne sagten mir in dieser Hinsicht: Wir wurden die erste Zeit dergestalt bestohlen und ausgepl\u00fcndert, da\u00df wir gen\u00f6tigt waren, beim Eintritt in ein Gesch\u00e4ft oder eine Restauration zu erkl\u00e4ren, da\u00df wir, obgleich wir franz\u00f6sisch sprechen, doch Schweizer seien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die alte Redlichkeit, so ist auch der Glanz der Messe dahin. Tissot sieht auf derselben nur noch einige Verk\u00e4ufer unter gro\u00dfen roten Schirmen, barf\u00fc\u00dfige Kinder, welche Hundewagen lenken, einige B\u00fccklingsfrauen, Verk\u00e4ufer von Wiener W\u00fcrstchen und Sargh\u00e4ndler, welche Reklame machen, indem sie mit den Fingern einen Trauermarsch auf dem leeren Kasten trommeln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe\u201c, sagt er, \u201eeinen Greis gesehen, welcher einen Knoten im Ende seines Schnupftuchs aufband, drei Thaler in die Hand des Sargh\u00e4ndlers fallen lie\u00df und mit seinem Sarge auf dem R\u00fccken davonging.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu bringt er ein aus einer deutschen Zeitschrift entlehntes, das Jahrmarktsleben einer kleinen s\u00fcddeutschen Stadt darstellendes Bild, durch welches dieser, jedem Kenner Leipzigs v\u00f6llig unbekannte Sarghandel anschaulich gemacht werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn demselben Zustande des g\u00e4nzlichen Verfalls wie der Handel befindet sich auch die Universit\u00e4t. Zwar sind die Studenten hier etwas gesitteter als in Heidelberg, wo zuk\u00fcnftige Pastoren, \u00c4rzte und Richter wankenden Schritts aus der Kneipe herauskommen, indem sie singen: \u201eGrad&#8216; aus dem Wirtshaus komm&#8216; ich heraus\u201c, oder in Jena, wo sie einander im Schlafrock und Hausschuhen Besuche abstatten; auch sind das Augusteum und die daran ansto\u00dfenden, der Wissenschaft gewidmeten Geb\u00e4ude Achtung gebietend; um so weniger aber sind es in seinen Augen die Professoren! Ihre Vorlesungen, welche bereits fr\u00fch 6 Uhr beginnen (?), sind \u00fcber alle Begriffe langweilig, obgleich Leipzig die besten Professoren in Deutschland hat, da es sie am besten bezahlen kann. Inhaltlich sind diese Vorlesungen eine Anh\u00e4ufung von gelehrten Einzelheiten, hinsichtlich der Form das Formloseste, was es gibt. Denn der Professor gibt sich nicht die geringste M\u00fche, durch eine gew\u00e4hlte klare Sprache zu fesseln, oder den Stoff interessant zu gruppieren; der deutsche Student will es nicht besser haben; er ist zufrieden, wenn ihm der Marmorblock unbehauen, wie er aus dem Steinbruche kommt, dargeboten wird. Sehr gut aber scheint der Appetit der Leipziger Gelehrten zu sein, wenn man sieht, wie sie mit strengen Blicken, einen Haufen B\u00fccher unter dem Arme, im Hofe des Augusteums die fragw\u00fcrdige Fleischware verschlingen, welche dort unter dem Namen Wurst angeboten wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Tone geht es fort. Zwar halten wir den Franzosen jetzt sehr viel zu gute in dieser Hinsicht, da wir sie nach gutem Brauche unsrer Vorfahren behandeln, welche dem verurteilten das Recht zugestanden, zwei Stunden lang \u00fcber seine Richter zu schimpfen. Allein, wenn man mit dem, was der Mann Tissot schreibt, das vergleicht, was 70 Jahre fr\u00fcher die Frau von Sta\u00ebl geschrieben hat, aus deren Feder wir Verschiedenes angef\u00fchrt haben, dann merkt man mit erschreckender Klarheit, da\u00df Frankreich ungeheuer zur\u00fcckgegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Aus: Der Leumund der Sachsen. Festschrift zur Jubelfeier der 800 j\u00e4hrigen Regierung des Hauses Wettin \u00fcber das gegenw\u00e4rtige K\u00f6nigreich Sachsen, verfa\u00dft von Hermann Ferdinand von Criegern, Leipzig 1889, Verlag und Druck von Otto Spamer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: <a href=\"https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/criegern_leumund_sachsen_1889\/40\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/criegern_leumund_sachsen_1889\/40\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wesentlich andres Bild entwerfen die Fremden von Leipzig. 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