{"id":542,"date":"2022-11-12T13:14:22","date_gmt":"2022-11-12T12:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/?page_id=542"},"modified":"2022-11-16T10:42:42","modified_gmt":"2022-11-16T09:42:42","slug":"die-mundart-nach-h-f-von-criegern","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/land-und-leute\/kultur\/mundart\/die-mundart-nach-h-f-von-criegern\/","title":{"rendered":"Die Mundart nach H. F. von Criegern."},"content":{"rendered":"\n<p>Im genauesten Zusammenhange mit dem Charakter eines Volkes steht seine Mundart. Unsre s\u00e4chsische soll, wie man allgemein h\u00f6rt, einerseits den Stempel der Gem\u00fctlichkeit an sich tragen, anderseits unter allen deutschen Mundarten die verst\u00e4ndlichste sein. Beides ist richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erstere ist der nat\u00fcrliche Ausflu\u00df der in der That vorhandenen gutherzigen und freundlichen Art unsres Stammes; das andre daraus erkl\u00e4rlich, da\u00df bei der allgemeinen Bildung, welche unser gesamtes Volk durchdringt, eine Abschleifung und Verwischung des Volksdialekts eintreten mu\u00dfte. Wenn diese Vorz\u00fcge vielfach nicht nur nicht so, wie sie es verdienen, anerkannt werden, sondern ein Gegenstand fortw\u00e4hrender Neckereien sind, wie man es bei jeder Reise durch andre deutsche Lande erleben kann, und wenn infolge davon unter den Sachsen selbst viele, an der Berechtigung ihrer Mundart irre geworden, sich M\u00fche geben, dieselbe abzulegen, so sei dagegen darauf aufmerksam gemacht, da\u00df wir von ma\u00dfgebender Seite h\u00f6chst ehrenvolle Zeugnisse \u00fcber unsre Sprache anf\u00fchren k\u00f6nnen. Der Minnes\u00e4nger Hugo von Trimberg (Anfang des 14. Jahrhunderts) erteilt in seinem \u201eRenner&#8220; den Mei\u00dfnern das Lob einer sorgf\u00e4ltigen Aussprache, und eine alte Priamel des 15. Jahrhunderts sagt: \u201eIn Mei\u00dfen teutsche Sprache gar gut.\u201c Als sodann Luther, der Sch\u00f6pfer der neuhochdeutschen Schriftsprache auftrat, fand er an der Sprache, wie sie sich in der s\u00e4chsischen Kanzlei ausgebildet hatte, eine Schriftsprache vor, in welcher er sich jedem Deutschen verst\u00e4ndlich machen konnte. Er selbst sagt dar\u00fcber: \u201eIch habe keine sonderliche eigne Sprache im Deutschen, sondern gebrauche der gemeinen deutschen Sprache, da\u00df mich beide, Ober- und Niederdeutsche, verstehen m\u00f6gen. Ich rede nach der s\u00e4chsischen Kanzlei, welcher nachfolgen alle F\u00fcrsten und K\u00f6nige in Deutschland. Alle Reichsst\u00e4dte und F\u00fcrsten schreiben nach der s\u00e4chsischen und unsres F\u00fcrsten Kanzlei. Darum ist es auch die gemeinste deutsche Sprache. Kaiser Max und Kurf\u00fcrst Friedrich, Herzog zu Sachsen, haben im r\u00f6mischen Reiche die deutschen Sprachen also in eine gewisse Sprache gezogen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn auch unser Luther hiermit die Ehre, Sch\u00f6pfer einer neuen deutschen Sprache zu sein, bescheidentlich ablehnt, so ist er es doch! Man vergleiche nur den von ihm als seine Norm angef\u00fchrten Kanzleistil mit seiner eignen Sprache! Mit Recht nennt daher bereits 1551 der Grammatiker Fabian Franck neben der kaiserlichen Kanzlei Luthers Schriften als Richtschnur der Sprache. In sp\u00e4terer Zeit wird von dem Baron von Loen, den wir bereits erw\u00e4hnten, den s\u00e4chsischen Frauen nachger\u00fchmt, da\u00df man unter ihnen die besten Sprechmeisterinnen finde: \u201eDer liebliche Klang ihrer Stimme macht auch selbst unsre rauhen T\u00f6ne z\u00e4rtlich und angenehm.\u201c Schlie\u00dflich l\u00e4\u00dft Schiller in seinen \u201eFl\u00fcssen\u201c die Elbe sagen: All ihr andern, ihr sprecht nur ein Kauderwelsch; unter den Fl\u00fcssen Deutschlands rede nur ich und auch in Mei\u00dfen nur deutsch. Wenn in diesen Worten eine leise Ironie liegt, so enthalten sie doch eine Anerkennung dessen, was in Sachsen durch die Gottschedsche Schule f\u00fcr die deutsche Sprache gethan worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen diese Herrschaft des mei\u00dfnischen Dialekts hat sich zwar auch Goethe anf\u00e4nglich erkl\u00e4rt, da er jedem deutschen Dialekt dasselbe Recht darauf, sich in der Literatur geltend zu machen, zuspricht. Allein je mehr und mehr hat auch er sich ihr gef\u00fcgt, wie aus der Vergleichung seiner von Erich Schmidt heraus gegebenen ersten Faustbearbeitung mit der in seine gesammelten Werke aufgenommenen hervorgeht; und nachweisbar hat der Aufenthalt in Leipzig, vor allem der Umgang mit den Leipzigerinnen, ma\u00dfgebend auf sein Deutsch eingewirkt. Sein Zeugnis gegen die Mei\u00dfner Mundart ist ein sehr geharnischtes, es lautet folgenderma\u00dfen: \u201eMit welchem Eigensinne die Mei\u00dfner Mundart die \u00fcbrigen zu beherrschen, ja eine zeitlang auszuschlie\u00dfen gewu\u00dft hat, ist jedermann bekannt. Wir haben viele Jahre unter diesem pedantischen Regiment gelitten, und nur durch vielfachen Widerstreit haben sich die s\u00e4mtlichen Provinzen in ihre alten Rechte wieder eingesetzt. Was ein junger lebhafter Mensch unter diesem best\u00e4ndigen Hofmeistern ausgestanden habe, wird derjenige leicht ermessen, der bedenkt, da\u00df nun mit der Aussprache, in deren Ver\u00e4nderung man sich endlich wohl erg\u00e4be, zugleich Denkweise, Einbildungskraft, Gef\u00fchl, vaterl\u00e4ndischer Charakter sollten aufgeopfert werden. Und diese unertr\u00e4gliche Forderung wurde von gebildeten M\u00e4nnern und Frauen gemacht, deren \u00dcberzeugung ich mir nicht zueignen konnte. Mir sollten die Anspielungen auf biblische Kernstellen untersagt sein, sowie die Benutzung treuherziger Chronikenausdr\u00fccke. Ich sollte vergessen, da\u00df ich den Geiler von Kaisersberg gelesen hatte, und des Gebrauchs der Sprichw\u00f6rter entbehren, die doch statt vieles hin- und herfackelns den Nagel gleich auf den Kopf treffen; alles dies, was ich mir mit jugendlicher Heftigkeit angeeignet, sollte ich missen, ich f\u00fchlte mich in meinem Innern paralysiert und wu\u00dfte kaum mehr, wie ich mich \u00fcber die gemeinsten Dinge zu \u00e4u\u00dfern hatte.\u201c (Aus meinem Leben, Wahrheit und Dichtung, Band IV. der sechsb\u00e4ndigen Cottaschen Ausgabe, S. 92.)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verst\u00e4ndlichkeit der s\u00e4chsischen Mundart gibt ein sehr vorteilhaftes Zeugnis ein Franzose in dem zwar nicht unbedingt, aber in vielen St\u00fccken als Duelle f\u00fcr Kenntnis der damaligen Zust\u00e4nde in den verschiedenen Teilen unsres Vaterlandes brauchbaren Werke: \u201eBriefe eines reisenden Franzosen \u00fcber Deutschland an seinen Bruder in Paris\u201c (1786). Er sagt daselbst im 41. Briefe: \u201eSowie man \u00fcber die b\u00f6hmische Grenze ist, h\u00f6rt man eine ganz andre Sprache. Zum erstenmal h\u00f6rte ich nun das gemeine Volk verst\u00e4ndig deutsch sprechen; denn durch ganz Schwaben, Bayern und \u00d6sterreich spricht man einen Jargon, den einer, der das Deutsche von einem Sprachmeister gelernt hat, ohne besondere \u00dcbung unm\u00f6glich verstehen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Aus: Der Leumund der Sachsen. Festschrift zur Jubelfeier der 800 j\u00e4hrigen Regierung des Hauses Wettin \u00fcber das gegenw\u00e4rtige K\u00f6nigreich Sachsen, verfa\u00dft von Hermann Ferdinand von Criegern, Leipzig 1889, Verlag und Druck von Otto Spamer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: <a href=\"https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/criegern_leumund_sachsen_1889\/26\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/criegern_leumund_sachsen_1889\/26\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im genauesten Zusammenhange mit dem Charakter eines Volkes steht seine Mundart. Unsre s\u00e4chsische soll, wie man allgemein h\u00f6rt, einerseits den Stempel der Gem\u00fctlichkeit an sich tragen, anderseits unter allen deutschen Mundarten die verst\u00e4ndlichste sein. Beides ist richtig. 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