{"id":528,"date":"2022-11-12T12:31:47","date_gmt":"2022-11-12T11:31:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/?page_id=528"},"modified":"2022-11-16T10:45:13","modified_gmt":"2022-11-16T09:45:13","slug":"die-leute","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/land-und-leute\/die-leute\/","title":{"rendered":"Die Leute."},"content":{"rendered":"\n<p>Auf dem Boden nun, den wir jetzt im Lichte fremden Urteils betrachtet haben, lebt ein Volk, welchem von Fremden, die es zu beobachten und kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben, nachger\u00fchmt wird, da\u00df es einen friedlichen und gutm\u00fctigen Charakter habe, der sich auch in seiner h\u00f6flichen Art und Weise des Verkehrs und in seiner gem\u00fctlichen Sprache kund thue.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr g\u00fcnstiges Bild vom Charakter des s\u00e4chsischen Volkes entwirft die franz\u00f6sische Schriftstellerin Baronin de Sta\u00ebl in ihrem heute noch lesenswerten Buche: \u201eDe l\u2019Allemagne\u201c, welches, wenn es auch dem deutschen Wesen nicht ganz gerecht wird, doch von einem wirklich tiefen Singehen, namentlich auf die deutsche Literatur, Zeugnis ablegt, in welche sie A. W. und J. Schlegel, Werner und \u00d6hlenschl\u00e4ger eingef\u00fchrt haben, nachdem schon W. von Humboldt, Jakobi, Ramdohr, Stapfer u. a. sie f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit derselben vorbereitet hatten. Sie also findet, da\u00df, wie in ganz Norddeutschland, so besonders in Sachsen ein lebendiger Glaube an das Evangelium das ganze Volksbewu\u00dftsein durchdringe, und f\u00fchrt davon in dem Abschnitt du protestantisme folgendes Beispiel an:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls ich einst (im Jahre 1803 wahrscheinlich) von Dresden nach Leipzig reiste, machte ich am Abend in Mei\u00dfen Halt, einer kleinen, auf einer H\u00f6he am Ufer eines Flusses gelegenen Stadt, deren Kirche Gr\u00e4ber einschlie\u00dft, die heiligen Erinnerungen gewidmet sind. Ich ging auf einem freien Platze auf und ab und gab mich jener Tr\u00e4umerei hin, welche der Sonnenuntergang, der Blick auf die Landschaft und das Rauschen der Wogen zu unsern F\u00fc\u00dfen so leicht in unsrer Seele wachrufen. Da h\u00f6rte ich die Stimmen einiger Leute aus dem Volke; ich f\u00fcrchtete, unpassende Worte zu h\u00f6ren, wie man sie anderw\u00e4rts auf den Stra\u00dfen singt, aber wie gro\u00df war meine Verwunderung, als ich folgenden Rundreim h\u00f6rte: Sie haben sich geliebt und sie sind mit der Hoffnung gestorben, einander wiederzusehen. Gl\u00fcckliches Land, wo solche Gef\u00fchle volkst\u00fcmlich sind, wo sie selbst durch die Luft, welche man einatmet, ein gewisses religi\u00f6ses Gemeinschaftsleben verbreiten, dessen zartes Band die Liebe zum Himmel und das Mitleid mit der Menschheit sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Um sodann einen Beweis von dem vortrefflichen Zustande der \u00f6ffentlichen Sittlichkeit zu geben, erz\u00e4hlt sie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Vertrauen ist so gro\u00df, da\u00df in Leipzig der Besitzer eines Apfelbaumes, welchen er an einem \u00f6ffentlichen Spaziergange gepflanzt hat, denselben nur durch einen Anschlag zu sch\u00fctzen braucht, in welchem er bittet, ihm keine Fr\u00fcchte zu nehmen. In zehn Jahren hat man ihm nicht einen Apfel gestohlen! Ich habe diesen Apfelbaum mit Hochachtung betrachtet. Den Baum der Hesperiden h\u00e4tte man nicht besser schonen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen dies Lob insofern annehmen, als in der That ein guter Kern von wahrhafter Fr\u00f6mmigkeit in dem Charakter unsres Volkes enthalten ist. Zun\u00e4chst wei\u00df jeder, da\u00df in den Volksliedern, an denen die singende Welt bei uns ihr Wohlgefallen hat, der Gedanke an das Wiedersehen, und zwar nicht nur an das nach langer Trennung auf Erden, sondern auch das ewige im Himmel, sehr oft ausgesprochen wird. Ja, man versenkt sich in denselben gern mit jener Schwermut, die, wenn sie gleich an und f\u00fcr sich schmerzlich ist, doch dem Herzen wohl thut. Man legt sogar diesen Gedanken in Lieder hinein, die ihn an und f\u00fcr sich gar nicht enthalten, wie z. B. das bekannte: \u201eEs ist bestimmt in Gottes Rat\u201c, dessen Schlu\u00df: \u201eWenn Menschen auseinander geh&#8217;n, so sagen sie auf Wiederseh&#8217;n\u201c dem Sinne des ganzen Gedichts zuwider mit einer solchen Beharrlichkeit vom Wiedersehen nach dem Tode ausgelegt worden ist, da\u00df es sehr gern von Gesangvereinen an Gr\u00e4bern vorgetragen wird und immer eine gute Wirkung hervorbringt. Allein die Fr\u00f6mmigkeit unsres Volkes ist darum nicht etwa eine blo\u00df allgemein gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige, sondern sie ist eine festgegr\u00fcndete kirchliche. Dies bezeugt unter andern Tholuck, der gro\u00dfe hallische Gottesgelehrte, welcher im Gegensatz zu dem unkirchlichen Wesen ganzer St\u00e4nde und ganzer Landstriche in Deutschland hervorhebt, da\u00df es noch ganze Gegenden des protestantischen Deutschlands gibt, wo aus alter, angestammter Sitte der Kirchenbesuch \u00fcberhaupt noch jetzt wie fr\u00fcher zahlreich ist, so z. B. W\u00fcrttemberg und manche Gegenden Sachsens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen, Gott sei Dank, hinzuf\u00fcgen, da\u00df gegenw\u00e4rtig der Besuch des Gottesdienstes immer mehr gute Sitte geworden ist, nicht nur bei uns in Sachsen, sondern allerw\u00e4rts. Der Besuch des heiligen Abendmahls ist bei uns nicht so bedeutend wie anderw\u00e4rts; denn der neueste amtliche Bericht dar\u00fcber gibt an, da\u00df 18,2 % der evangelischen Gesamtbev\u00f6lkerung daran teilnehmen, das ist noch nicht die H\u00e4lfte, w\u00e4hrend man in \u00d6sterreich bei den Evangelischen Augsburgischen Bekenntnisses 110,78, bei denen helvetischen Bekenntnisses 104,76% der Gemeindeglieder an Kommunikanten rechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen steht nicht nur Sachsen, sondern \u00fcberhaupt jedes Land, in welchem so gut wie alle Einwohner einem Bekenntnisse angeh\u00f6ren, in Bezug auf die Kirchlichkeitsziffer hinter der Diaspora, d. h. den L\u00e4ndern, wo ein Bekenntnis nur ganz wenige, vereinzelte Anh\u00e4nger hat, zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch wir wollen uns nicht besser machen als wir sind, sondern auch h\u00f6ren, was der Leumund Schlechtes von uns zu sagen hat. Da spricht uns denn der zwar strenge, aber gerechte Mund der Statistik folgendes Urteil. An unehelichen Geburten kamen laut der angef\u00fchrten amtlichen Zusammenstellung 16 456 auf 154 206 Geburten im ganzen, d. i. 12%, also steht Sachsen leider in diesem Punkte nur unter Frankreich und Bayern, sonst aber \u00fcber allen L\u00e4ndern, aus welchen statistische Nachrichten vorliegen. Die Zahl der Ehescheidungen betrug w\u00e4hrend der Jahre 1840\u201349 im Mittel 377 auf 15 114 Trauungen, also 2,49%, w\u00e4hrend in Schweden auf 25 406 Trauungen 115 gerichtliche Scheidungen, also 0,45% und in Belgien auf 50 504 Trauungen 50 gerichtliche Scheidungen, also 0,098% kamen. Im vergangenen Jahre betrug die Zahl der Ehescheidungen bei 27 470 evangelischen Trauungen 754, also 2,74%.<\/p>\n\n\n\n<p>Am schlimmsten steht es in Bezug auf die Selbstmorde, denn da m\u00fcssen wir uns ziffernm\u00e4\u00dfig nachweisen lassen, da\u00df in Sachsen die Selbstmorde fast am h\u00e4ufigsten in der ganzen Welt vorkommen! Der Italiener Bodio gibt an, da\u00df im Jahre 1871 in Sachsen 1114 Selbstmorde vorgekommen sind, also 391 auf 1 Million Einwohner, in Preu\u00dfen 4563, also 174 auf 1 Million, in Schweden 430, also 96 auf 1 Million, in Irland 75, also 16,2 auf 1 Million. So steht also ein Land, in welchem Mordthaten an andern in der letzten Zeit mit leichtem Gewissen ver\u00fcbt, ja von gewissen Kreisen gar nicht mehr als Verbrechen angesehen worden sind, hinsichtlich der Selbstmorde auf der niedrigsten Stufe der schauerlichen Leiter, auf welcher unser doch sonst gut beleumundetes Sachsen die h\u00f6chste Stufe einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den traurigen Vorrang hierin scheint sich mit ihm D\u00e4nemark zu streiten, wo nach Block f\u00fcr die Zeit von 1856 bis 1865 auf 1 Million Einwohner 288 Selbstmorde kamen, w\u00e4hrend Sachsen bei ihm erst an zweiter Stelle kommt mit 251 auf 1 Million; an letzter Stelle steht bei ihm Spanien mit 14 auf 1 Million.<\/p>\n\n\n\n<p>Brierre hat noch eine andre Reihenfolge, n\u00e4mlich an erster Stelle Sachsen-Altenburg mit 303 auf 1 Million, K\u00f6nigreich Sachsen mit 251 auf 1 Million (wie Block), und an letzter Stelle wieder Spanien mit 14 auf 1 Million. In Sachsen wieder hat Leipzig die h\u00f6chste Zahl, n\u00e4mlich 4,87 auf 10 000 Einwohner; Breslau hat 3,69; Dresden 3,65; an letzter Stelle steht bei ihm London mit 0,84.<\/p>\n\n\n\n<p>Der bereits angef\u00fchrte statistische Bericht des Landeskonsistoriums gibt die Zahl der Selbstmorde f\u00fcr 1887 auf 1042 bei 3 075 931 evangelischen Bewohnern an, gegen das Vorjahr wieder eine Steigerung um 35. Dies ist eine traurige Thatsache, welche wir auch im Jubeljahre 1880 uns nicht verschweigen d\u00fcrfen. Man setzt sie wohl nicht mit Unrecht in innere Verbindung mit dem hohen Grade der Civilisation in unserm Sachsen, von welcher an anderm Orte die Rede sein wird. Endlich sei hier noch angef\u00fchrt, da\u00df den Sachsen etwas Mangel an Wahrheitsliebe vorgeworfen wird. Ein Sprichwort sagt: Mei\u00dfner, Glei\u00dfner; doch ist dies Wort wohl nur dadurch entstanden, da\u00df der Sachse im Vergleich zu andern Deutschen sehr h\u00f6flich, zuvorkommend und verbindlich ist. So hat der Sachse denn f\u00fcr seinen guten Willen hier, wie auch sonst oftmals, \u00fcblen Dank. Loen fa\u00dft sein Urteil \u00fcber unsern Volkscharakter also zusammen: \u201eDas s\u00e4chsische Blut ist das sch\u00f6nste in Deutschland, es ist feurig und \u00fcberaus z\u00e4rtlich. Der Sinn f\u00fcr Genu\u00df macht die Einwohner in diesem Lande sinnreich, angenehm, h\u00f6flich und schmeichlerisch, aber zugleich auch wankelm\u00fctig, weichlich, plauderhaft, schwelgerisch. Weil die Sachsen mit einer gl\u00fccklichen Erfindungsgabe begabt sind, so findet man unter ihnen die meisten Poeten und Romanschreiber; sie sind die ersten, welche sich erk\u00fchnt haben, deutsche Schauspiele nach dem Muster der Franzosen zu verfertigen u. s. w.\u201c (man vergl. F\u00f6rster, \u201eFriedrich August II., K\u00f6nig von Polen und Kurf\u00fcrst von Sachsen, S. 451). Der Baron von Loen, bayrischer Abkunft, hat zu Anfang des vorigen Jahrhunderts Deutschland bereist und die Eindr\u00fccke, welche er auf dieser Reise empfangen hat, in seinen h\u00f6chst interessanten \u201eKleinen Schriften\u201c niedergelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Angef\u00fchrten d\u00fcrfen wir nun aber auch andre statistische Notizen entgegenstellen. Da ist hervorzuheben, da\u00df in Bezug auf gewisse Verbrechen die Statistik sehr zu Gunsten unsres Volkes spricht. So kamen z. B. in Sachsen 1860\u201363 an Hochverrats- und Majest\u00e4tsverbrechen auf 100 bei den Schwurgerichten zur Anzeige gekommenen Verbrechen nur 1,90%; in Bayern an politischen Vergehen (Hochverrat, Auflehnung gegen die \u00f6ffentliche Autorit\u00e4t u. s. w.) 6,47%; an Mord und Totschlag in Sachsen 3% und an vors\u00e4tzlicher K\u00f6rperverletzung 2%, in Bayern an Angriffen auf Leib und Leben andrer 21,29.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinsichtlich des Diebstahls stehen beide Staaten ziemlich gleich. Sachsen n\u00e4mlich hatte 37,25, Bayern 38,78%. Sodann d\u00fcrfen wir r\u00fchmen, da\u00df wir f\u00fcr flei\u00dfig, sparsam und m\u00e4\u00dfig gelten, und es auch wirklich sind! \u00dcber Sachsens Gewerbflei\u00df sprechen sich alle Volkswirte von Fach durchaus anerkennend aus; hier sei das Urteil eines mit guter Beobachtungsgabe ausgestatteten Laien angef\u00fchrt, der Sachsen unter August dem Starken kennen gelernt hat, des Barons von Loen. Er sagt: \u201eViele meinen (in Sachsen), ihr K\u00f6nig August bes\u00e4\u00dfe das Geheimnis, Gold zu machen. Es ist glaublich, da\u00df, wenn diese Verwandlung des Metalls m\u00f6glich w\u00e4re, dieser K\u00f6nig. solche besitzen m\u00f6chte. Ich bin aber der Meinung, da\u00df diese Destillierer, welche er ihre K\u00fcnste probieren l\u00e4\u00dft, nichts dazu beitragen, wohl aber die stattliche Handlung, die reichen Bergwerke, der gesegnete Ackerbau und eine Menge Volk, das sich durch Flei\u00df und Arbeit n\u00e4hrt; das sind Quellen, die nie zu ersch\u00f6pfen sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Staunen spricht Frau von Sta\u00ebl vom Flei\u00dfe der deutschen, bez. s\u00e4chsischen Gelehrten: \u201eF\u00fcnfzehn Stunden Einsamkeit und Arbeit jeden Tag und dies das ganze Jahr hindurch, erscheint hier als eine ganz selbstverst\u00e4ndliche Art, zu leben.\u201c Dabei r\u00fchmt sie ferner, da\u00df sie auf alle Annehmlichkeit des Lebens verzichten und im h\u00f6chsten Grade bescheiden und einfach leben, wie denn \u00fcberhaupt die Gen\u00fcgsamkeit der Sachsen geradezu sprichw\u00f6rtlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist mir in einer norddeutschen Stadt folgendes begegnet. Bei Gelegenheit einer kirchlichen Versammlung, bei welcher ich sehr viel zu thun hatte, wollte ein sehr liebensw\u00fcrdiger B\u00fcrger derselben Stadt mit mir in einer Pause gem\u00fctlich fr\u00fchst\u00fccken; ich aber war im Drange der Gesch\u00e4fte sehr eilig und sagte: \u201eDas Essen ist hier ganz Nebensache!\u201c Darauf sah er mich traurig an und sprach die gefl\u00fcgelten Worte: \u201eAlso ihr armen Menschen in Sachsen e\u00dft euch immer noch nicht satt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein andrer Freund von mir aus \u00d6sterreichisch-Schlesien \u00e4u\u00dferte sein Bedenken, seinen Sohn auf die sonst von ihm hochgesch\u00e4tzte Mei\u00dfner F\u00fcrstenschule zu schicken, weil er die schmale s\u00e4chsische K\u00fcche f\u00fcrchtete!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Franzose, der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Sachsen bereist hat, findet sie in Dresden bis zur K\u00e4rglichkeit gesteigert. Er sagt: \u201eDie Br\u00fchen sind in Dresden so d\u00fcnn, man hat so oft kalte und immer schmale K\u00fcche, da\u00df ich glaube, ein Wiener k\u00f6nnte es hier in einem mittelm\u00e4\u00dfigen Hause nicht vier Wochen aushalten. Ich hatte schon mehr als eine Gelegenheit, zu bemerken, da\u00df auch in den vornehmen H\u00e4usern eine K\u00e4rglichkeit in R\u00fccksicht auf K\u00fcche und Keller herrscht, die man in \u00d6sterreich und Bayern f\u00fcr eine Entehrung halten w\u00fcrde. Diese strenge \u00d6konomie erstreckt sich auf alles, was zum Hauswesen geh\u00f6rt, und ich habe noch keine andre Art Luxus bemerken k\u00f6nnen als die Kleidung, worin der Aufwand im ganzen gr\u00f6\u00dfer sein mag als in S\u00fcddeutschland. Alle vom Mittelstande, Frauen und M\u00e4nner, sind hier nach der Mode gekleidet, und sie herrscht auch unter einem ansehnlichen Teile der unteren Klasse, wogegen sich zu Wien, M\u00fcnchen u. s. w. bis weit in den Mittelstand hinein noch eine gewisse Nationaltracht findet. Ich wohne bei einem Uhrmacher, dessen zwei T\u00f6chter ihre vollst\u00e4ndige Toilette haben und t\u00e4glich coiffiert werden. Dagegen nehmen sie \u00f6fters abends mit einer Butterbemme und allenfalls einem d\u00fcnnen Schnittchen Schinken f\u00fcrlieb.\u201c Sehr richtig bemerkt er aber: \u201eWeil das Geld meistenteils durch Arbeit gewonnen wird, geht man sparsam damit um.\u201c In Leipzig findet er alles ungleich besser und reichlicher. Ganz im Gegensatze dazu steht das, was von den eigentlichen Sachsen \u00fcber ihre staunenswerten Leistungen im Essen und Trinken erz\u00e4hlt wird. Zweifelhaft ist es, welche Bedeutung einer Stelle bei Shakespeare im \u201eKaufmann von Venedig\u201c beizulegen ist, wo unter den verschiedenen Prinzen, welche sich um die Hand der Porzia bewerben, der Sachse als der dem Trunke ergebene dargestellt wird. Da hei\u00dft es: \u201eNerissa: Wie gef\u00e4llt Euch der junge Deutsche, des Herzogs von Sachsen Neffe? Porzia: Sehr abscheulich des Morgens, wenn er n\u00fcchtern ist, und h\u00f6chst abscheulich des Nachmittags, wenn er betrunken ist. Wenn er am besten ist, ist er wenig schlechter als ein Mann, und wenn er am schlechtesten ist, wenig besser als ein Vieh. Komme das Schlimmste, was da will, ich hoffe, es soll mir doch gl\u00fccken, ihn los zu werden. Nerissa: Wenn er sich erb\u00f6te, zu w\u00e4hlen, so schlagt Ihr ab, eures Vaters Willen zu thun, wenn Ihr abschlagt, ihn zu nehmen. Porzia: Aus Furcht vor dem Schlimmsten bitte ich dich, setze einen R\u00f6mer voll Rheinwein auf das falsche K\u00e4stchen, denn wenn der Teufel darin steckte, und diese Versuchung ist von au\u00dfen daran, so wei\u00df ich, er w\u00fcrde es w\u00e4hlen. Alles lieber, Nerissa, als einen Schwamm heiraten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig ist diese Charakteristik ebensowenig als die vorausgegangenen Schilderungen des Neapolitaners, des Pfalzgrafen, des Franzosen, des Engl\u00e4nders und des Schotten, welche sich s\u00e4mtlich um die Hand der Porzia beworben haben, zuf\u00e4llig sind; allein sie bezieht sich wohl nicht auf Sachsen insbesondere, sondern auf die an den gesamten deutschen H\u00f6fen der damaligen Zeit herrschende Unsitte des unm\u00e4\u00dfigen Trinkens, vor allem Zutrinkens. Konnte doch auch Kurf\u00fcrst Christian II., als er von Rudolf II., bei welchem er in Prag zu Gast gewesen war, Abschied nahm, seinen Dank nicht besser abstatten, als indem er sagte: \u201eIhre kaiserliche Majest\u00e4t haben mich gar trefflich gehalten, also da\u00df ich keine Stunde n\u00fcchtern gewesen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich sei noch erw\u00e4hnt, da\u00df die Sachsen auch von der allen Deutschen nachger\u00fchmten Treue sch\u00f6ne Z\u00fcge aufzuweisen haben. Die s\u00e4chsische Treue besingt nachfolgendes, in seiner Einfachheit tief ergreifendes Volkslied:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Es reist ein Sachse ins fremde Land,<br>Unterdessen ward sein Sch\u00e4tzchen krank.<br>Krank hin, krank her bis in den Tod: <br>Und stirbt mein Schatz, gr\u00e4m&#8216; ich mich tot! <br>Dann kauf&#8216; ich mir ein schwarzes Kleid, Ja wegen meiner Traurigkeit. <br>Er trug sein Kleid sechs, sieben Jahr, <br>Bis da\u00df es ganz zerrissen war. <br>Zerrissen hin, zerrissen her, <br>Ich hab&#8216; ja keinen Schatz nicht mehr!&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Aus: Der Leumund der Sachsen. Festschrift zur Jubelfeier der 800 j\u00e4hrigen Regierung des Hauses Wettin \u00fcber das gegenw\u00e4rtige K\u00f6nigreich Sachsen, verfa\u00dft von Hermann Ferdinand von Criegern, Leipzig 1889, Verlag und Druck von Otto Spamer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: <a href=\"https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/criegern_leumund_sachsen_1889\/17\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/criegern_leumund_sachsen_1889\/17\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Boden nun, den wir jetzt im Lichte fremden Urteils betrachtet haben, lebt ein Volk, welchem von Fremden, die es zu beobachten und kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben, nachger\u00fchmt wird, da\u00df es einen friedlichen und gutm\u00fctigen Charakter habe, der sich auch in seiner h\u00f6flichen Art und Weise des Verkehrs und in seiner gem\u00fctlichen &#8230; <a title=\"Die Leute.\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/land-und-leute\/die-leute\/\" aria-label=\"Mehr zu Die Leute.\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":28,"featured_media":0,"parent":245,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[130,125,126,129,128,141,124,6,142,7,127],"class_list":{"0":"post-528","1":"page","2":"type-page","3":"status-publish","5":"category-land-und-leute","6":"tag-anne-louise-germaine-de-stael","7":"tag-august-tholuck","8":"tag-baum-der-hesperiden","9":"tag-de-lallemagne","10":"tag-es-ist-bestimmt-in-gottes-rat","11":"tag-h-f-von-criegern","12":"tag-kaufmann-von-venedig","13":"tag-koenigreich-sachsen","14":"tag-leumund-der-sachsen","15":"tag-sachsen","16":"tag-shakespeare"},"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v23.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Die Leute. &#8226; K\u00f6nigreich Sachsen.<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/land-und-leute\/die-leute\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Leute. &#8226; K\u00f6nigreich Sachsen.\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Auf dem Boden nun, den wir jetzt im Lichte fremden Urteils betrachtet haben, lebt ein Volk, welchem von Fremden, die es zu beobachten und kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben, nachger\u00fchmt wird, da\u00df es einen friedlichen und gutm\u00fctigen Charakter habe, der sich auch in seiner h\u00f6flichen Art und Weise des Verkehrs und in seiner gem\u00fctlichen ... 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