{"id":291,"date":"2022-11-11T09:35:38","date_gmt":"2022-11-11T08:35:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/?page_id=291"},"modified":"2022-11-11T09:41:27","modified_gmt":"2022-11-11T08:41:27","slug":"zur-einfuehrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/sachsen\/land-und-leute\/kultur\/sagen\/meiches-sagenbuch\/zur-einfuehrung\/","title":{"rendered":"Zur Einf\u00fchrung."},"content":{"rendered":"\n<p><em>Was rauscht mit hellem Klang empor zu Tage? Ein Wunderborn \u2013 des Volkes heil&#8217;ge Sage!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Sagenbuch will eine zweifache Aufgabe l\u00f6sen. Zun\u00e4chst soll es dem s\u00e4chsischen Volke gewidmet sein, aus dessen Scho\u00dfe es geboren ist. Seit der Belebung des volkskundlichen Gedankens in unserer Heimat erscheint das Verlangen nach einschl\u00e4gigem Lesestoff betr\u00e4chtlich gesteigert. Am ausgepr\u00e4gtesten zeigt sich in weiteren Kreisen eine Neigung f\u00fcr Sagen, weil in ihnen die \u00e4ltesten und vertrautesten Regungen der Volksseele besonders lebendig wiederklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher entsprach jedoch kein allgemein s\u00e4chsisches Sagenbuch diesem Wunsche, wenn auch einzelne Landesteile befriedigende Sondersammlungen besa\u00dfen. Und das einzige Werk, das eine umfassende Sammlung des ganzen heimischen Sagenmaterials wenigstens erstrebte, Gr\u00e4\u00dfes \u201eSagenschatz des K\u00f6nigreichs Sachsen\u201c, ist seit Jahren im Buchhandel vergriffen und auch beim Antiquar kaum noch zu erlangen. Aus diesem Grunde bin ich gern der Aufforderung der Inhaber der Sch\u00f6nfeldschen Verlagsbuchhandlung gefolgt, eine dritte Auflage des bei ihr erschienenen Gr\u00e4\u00dfeschen Werkes zu bearbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df das Buch im Fortschreiten der Arbeit, statt einer Neuauflage, ein v\u00f6llig neues Werk geworden ist, liegt nicht allein an der F\u00fclle neuen Sagenstoffes, den ich beibringen konnte, sondern vor allem an meiner wesentlich anderen Auffassung vom Charakter der Sage und an der von Gr\u00e4\u00dfe grundverschiedenen Anlage des Buches, wie sie die h\u00f6her gesteckten Ziele der modernen Volksforschung bedingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Volkskunde aber soll das vorliegende Buch in gleicher Weise dienen. Diese verlangt ein m\u00f6glichst l\u00fcckenloses und sorgf\u00e4ltig gesichtetes Material. Solange die s\u00e4chsische Forschung sich nicht auf ein solches st\u00fctzen Kann, mu\u00df sie sich mit Anregungen und der Ausbildung der Methode begn\u00fcgen, wie das z. B. Prof. Mogk in berechtigter Selbstbeschr\u00e4nkung in seinem Aufsatze: Aberglaube und Volksmythen (bei Wuttke, S\u00e4chsische Volkskunde, Kapitel III, 11) getan hat. Gerade dieser Aufsatz aber erweckt den Wunsch, eine ersch\u00f6pfende Darstellung des heimischen Volksglaubens auf breiter Grundlage zu erhalten. So ward die Sammlung der s\u00e4chsischen Sagen eine Notwendigkeit. Das Buch dient einer jungen Wissenschaft, die zwar bei den Volksforschern und -freunden ihr Recht aufs Dasein unbestreitbar erwiesen hat, der aber gro\u00dfe Massen noch verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcberstehen. Daher halte ich es f\u00fcr angebracht, auch hier Kurz auf die hohe nationale, soziale und wissenschaftliche Bedeutung der Volkskunde hinzuweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute pocht die Volksseele, die den stetig entwickelten, ureignen Ideengehalt einer nationalen Gesamtheit ausdr\u00fcckt, mit Macht an die Pforten einer neuen Zeit, deren kraftspendende Quellen ihr vorerst noch nicht ausreichend flie\u00dfen. Da erw\u00e4chst unserer Wissenschaft vom Volke die vornehme Aufgabe, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Grundlagen des Volkslebens zu wecken, um einen Bruch in der Entwicklung des Volkstums zu verh\u00fcten und die neu auftretenden Begriffe in dem Jungbrunnen unserer nationalen Eigenart zu l\u00e4utern und zu st\u00e4rken. Die Vorstellungen, die unsere Gegenwart bewegen, kommen aus den Kreisen allgemeiner Bildung; indem Angeh\u00f6rige dieser St\u00e4nde zu ihrer eigenen St\u00e4rkung und Erquickung ins Volk hinabsteigen, von dem sie sonst eine beklagenswerte Scheidewand trennt, lernen sie die Volksgenossen wieder verstehen, lieben und achten. So hat die Volkskunde auch eine sozial vers\u00f6hnende Kraft. Und auch eine hohe wissenschaftliche Bedeutung wohnt ihr inne. Geschichte, Geographie, V\u00f6lkerkunde, Philosophie und noch manch andere Wissenschaft sch\u00f6pfen Belehrung und Erkenntnis aus den \u201eElementen des Volksgeistes\u201c, wie sie das volkskundliche Material bietet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Sammlung ist somit ausreichend begr\u00fcndet. Da sie aus Gr\u00e4\u00dfes Buch entwickelt ist, so habe ich zun\u00e4chst mein Verh\u00e4ltnis zu jenem klarzustellen. Der Sagenschatz Gr\u00e4\u00dfes enth\u00e4lt in seiner 2. Auflage (Dresden 1874) 894 Sagen aus dem K\u00f6nigreiche, sowie einen Anhang, die Sagen des Herzogtums Sachsen-Altenburg, mit 107 Nummern. Die letzteren sind, entgegen dem urspr\u00fcnglichen Plane, weggeblieben, weil sonst der Umfang des neuen Buches allzugro\u00df geworden w\u00e4re. Da einmal \u2013 aus praktischen Gr\u00fcnden \u2013 der Sagenhort einer politischen, nicht einer ethnographischen Einheit zusammengestellt werden sollte, so lag es zudem nahe, sich streng innerhalb der Grenzen des K\u00f6nigreichs zu halten und die altenburgischen Sagen einer besonderen Sammlung zu \u00fcberlassen. Von den s\u00e4chsischen Sagen Gr\u00e4\u00dfes sind 267 ausgemerzt oder \u2013 doch betrifft dies nur eine sehr geringe Anzahl \u2013 nach \u00e4lteren und reinen Quellen wiedergegeben worden. Der Rest von 627 Sagen bildet nun keineswegs das ausschlie\u00dfliche Eigentum Gr\u00e4\u00dfes, denn ihre \u00fcberwiegende Mehrzahl ist aus allgemein zug\u00e4nglichen Schriftwerken entlehnt. Es scheint mir jedoch eine Pflicht der Dankbarkeit gegen meinen Vorg\u00e4nger zu sein, dessen Werk bei den Sagen als n\u00e4chsten Fundort zu nennen, die er zuerst in seiner Sammlung verwertet hat. Gr\u00e4\u00dfe allein geh\u00f6ren von den hier verwendeten Sagen nur 61 an, w\u00e4hrend das vorliegende Buch 120 bisher ungedruckte Sagen aufweist. Ein Zeugnis f\u00fcr die rege Mitarbeit, deren ich mich erfreuen durfte (denn meine eigenen Beitr\u00e4ge aus dem Volksmunde hatten in der Hauptsache schon in meinem Sagenbuch der S\u00e4chsischen Schweiz Aufnahme gefunden), zugleich ein erfreulicher Beweis, da\u00df die Volkssage bis heute noch im Lande lebendig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dem genannten Material kommen aus anderen, von Gr\u00e4\u00dfe nicht benutzten Werken 521 Sagen, unter denen 76 allein aus K\u00f6hlers Sagenbuch des Erzgebirges entnommen sind, w\u00e4hrend dieses f\u00fcr eine \u00e4hnliche Anzahl als j\u00fcngste Quelle genannt ist. So umfa\u00dft mein Buch 1268 Sagen. Wer m\u00f6chte behaupten, da\u00df mit ihnen der Sagenborn unserer Heimat ersch\u00f6pft sei? Eine Neuauflage dieses Werkes wird hoffentlich noch manches frisch ausgeseifte Goldkorn vorlegen R\u00f6nnen. Aus den gro\u00dfen St\u00e4dten des Vaterlandes freilich ist wohl kaum eine weitere Ausbeute zu erwarten. Schon diesmal habe ich mich fast ausschlie\u00dflich auf das von Gr\u00e4\u00dfe f\u00fcr sie beigebrachte Material beschr\u00e4nken m\u00fcssen. Ze kr\u00e4ftiger das neue Leben in ihren Stra\u00dfen flutet, desto gr\u00fcndlicher werden Erinnerungen an vergangene Zeiten hinweggesp\u00fclt. Zwar fehlt es auch in den Brennpunkten unserer modernen Kultur nicht an Ans\u00e4tzen zu neuer Sagenbildung, aber es mangelt dort an der beschaulichen Ruhe, deren die darin dem Epos verwandte Sage zu ihrer Entwicklung bedarf; vielfach entartet auch in den St\u00e4dten ein an sich zur Sagenbildung f\u00e4higer Keim in seichten Klatsch. Auch das sogenannte s\u00e4chsische Niederland hat, trotz seiner \u00fcberwiegend b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung, wenig Neues zum vorliegenden Buche beigesteuert. Da bis heute keine besondere Sammlung auf jenem Gebiete vorliegt, so k\u00f6nnte es scheinen, als ob dort die Freude an der heimischen Sagenwelt erloschen sei; vielleicht f\u00f6rdert aber gemeinsame Arbeit doch noch das verborgene Sagengut ans Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel g\u00fcnstiger lagen die Verh\u00e4ltnisse in den anderen Teilen Sachsens.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Vogtland lieferten die schon von Gr\u00e4\u00dfe benutzten Werke: K\u00f6hler, Volksbrauch, Aberglauben usw. im Vogtlande, Leipzig 1867, und Eisel, Sagenbuch des Vogtlandes, Gera 1871, noch einige Nachtr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erzgebirge erfreut sich des mit wahrem Bienenflei\u00df zusammengetragenen Werkes von K\u00f6hler: Sagenbuch des Erzgebirges, Schneeberg und Schwarzenberg 1886, das auch das b\u00f6hmische Erzgebirge einschlie\u00dft und dessen ausgiebige Benutzung mir von der Verlagsfirma in dankenswertester Uneigenn\u00fctzigkeit gestattet wurde. Manch wertvollen, bisher ungekannten Beitrag bot ferner der alte Chronist des Erzgebirges, der sagenkundige und sagengl\u00e4ubige Mag. Christian Lehmann, Pfarrer zu Scheibenberg, in seinen handschriftlichen, der Universit\u00e4t Halle geh\u00f6rigen Collectanea autographa. Recht brauchbar erwies sich auch das kleine, aber inhaltreiche B\u00fcchlein: Aberglaube im Erzgebirge vor f\u00fcnfzig Jahren. Ein interessanter Hutzenstuben-Abend. Globenstein bei Rittersgr\u00fcn 1891. Aus der Gegend zwischen Penig und Rochlitz lieferten Zimmermanns Sagen und M\u00e4ren aus dem Tale der Zwickauer Mulde, Chemnitz 1901, aus dem unteren Zschopautale Buchheims poetisches Buch: Aus Waldheims Vergangenheit 1900, erw\u00fcnschte Beitr\u00e4ge. Endlich gaben: Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Annaberg 1886, und Gie\u00dfler, S\u00e4chsische Volkssagen, Stolpen o. J., noch einige Erg\u00e4nzungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das allzulange verborgene Sagengut des Mei\u00dfner Hochlandes habe ich in meinem Sagenbuch der S\u00e4chsischen Schweiz, Leipzig 1894, ans Licht gebracht. Dank dem Entgegenkommen der Verlagsfirma konnte es hier unbeschr\u00e4nkt verwendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Landschaft hinter der Dresdner Heide, das Quellgebiet der R\u00f6der und Pulsnitz, durfte ich die Handschrift eines demn\u00e4chst erscheinenden Werkes: Sagen und geschichtliche Bilder aus Ostsachsen, mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der westlichen Lausitz, von Kantor B. St\u00f6rzner in Arnsdorf benutzen, wof\u00fcr ich dem geehrten Verfasser lebhaften Dank schulde. Die Lausitzer Sagen mehrte zun\u00e4chst eine Nachlese bei Haupt, Sagenbuch der Lausitz, Leipzig 1862. Vor allem aber ward die h\u00f6chst wertvolle Sammlung Pilk im Archiv des Vereins f\u00fcr S\u00e4chsische Volkskunde eine reiche Fundgrube daf\u00fcr. Meinem gelehrten und selbstlosen Freunde Dr. Pilk in Dresden verdanke ich dann eine F\u00fclle weiterer Beitr\u00e4ge aus jenem Gebiete.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Verdienst ist es, da\u00df mein Buch der deutschen Sagenforschung zum ersten Male den Sagenschatz der s\u00e4chsischen Wenden, den M\u00e4nner wie Mucke, Czerny, Hornig, Immisch, Pfuhl, Schulze u. a. in den<\/p>\n\n\n\n<p>Zeitschriften Luzica, Luzi\u00e8an, Casopis Macicy Serbskeje zusammen getragen haben, bequem zug\u00e4nglich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df ich au\u00dferdem an vielen Stellen auf Sagengold gesch\u00fcrft habe, besonders auch in der periodischen Literatur Sachsens, lehren die jeweils vorgesetzten Quellenangaben. Der so vielseitig andr\u00e4ngende Stoff verlangte eine Kl\u00e4rung und Sichtung. Darum galt es zun\u00e4chst, eine feste Umgrenzung des Begriffes \u201eSage\u201c zu gewinnen. Nach seiner Ableitung vom Verbum sagen bedeutet das Wort zun\u00e4chst eine Erz\u00e4hlung schlechthin. Noch schlie\u00dfen alte Leute meiner Heimat ihren Bericht \u00fcber irgend ein Ereignis gern mit den Worten: \u201eEs geht so eine Sage.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Zwecke der Volkskunde, die uns die Volksseele bei ihrem Denken und Schaffen zeigen will, erweist sich jedoch dieser allgemeine Begriff der Sage als zu ger\u00e4umig. Sage kann hier vor allem nur die \u00dcberlieferung genannt werden, an der das Volksbewu\u00dftsein unter Verwendung typischer Vorstellungen ausdeutend und fortgestaltend t\u00e4tig ist. Mit anderen Worten: Ein Bericht wird erst dann zur Sage, wenn er sich nicht mit der Wiedergabe der einfachen Tatsache begn\u00fcgt, sondern sie auch erkl\u00e4rt und dazu Anschauungen benutzt, die im Volke allgemein umlaufen und auch auf jeden \u00e4hnlichen Fall angewendet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren Stoff entlehnt die Sage ungew\u00f6hnlichen Formen oder Vorg\u00e4ngen in der Natur (Erratische Bl\u00f6cke, Irrlichter, Gewitter usw.), allgemein menschlichen Zuf\u00e4llen (Traum, Krankheit, Tod u. dergl.) und den ganze V\u00f6lker oder einzelne Volksgruppen ber\u00fchrenden geschichtlichen Ereignissen (in denen sich eine Kulturepoche widerspiegelt). Aus jenen erw\u00e4chst die mythische Sage, aus diesen die historische.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sage kann daher durch wissenschaftliche Untersuchung auf ihren wahren Kern zur\u00fcckgef\u00fchrt werden \u2013 nur vereinzelt wird sie sich als blo\u00dfe Erfindung entpuppen \u2013, ihrem Wesen nach aber fordert besonders die mythische Sage unbedingten Glauben, der \u00fcber den jeweils herrschenden Glauben, nicht nur der Kirche, hinausgeht. So verquicken sich Sage und Aberglaube, ja man m\u00f6chte die Sage in vielen F\u00e4llen geradezu als den durch Beispiele gest\u00fctzten und erwiesenen Volksglauben bezeichnen, als einen dramatisierten Aberglauben. Umgekehrt k\u00f6nnen nat\u00fcrlich Sagen verblassen und abergl\u00e4ubische Vorstellungen als R\u00fcckstand verbleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Demnach sind z. B. die Erz\u00e4hlungen bei Gr\u00e4\u00dfe (Nr. 277) von der sch\u00f6nen Polyxena, die ihren Ehegatten um eines Buhlen willen ermordet und darum enthauptet wird, oder (Nr. 280) von dem Affen, der zu Freiberg mit einem Wickelkinde auf ein Dach fl\u00fcchtet, aus einem Sagenbuch auszuscheiden und etwa einer Sammlung merkw\u00fcrdiger Begebenheiten einzuf\u00fcgen. Anderes wieder w\u00fcrde in ein Werk \u00fcber den Aberglauben in Sachsen oder als Beitrag zu einem Buche \u00fcber s\u00e4chsische St\u00e4dtewahrzeichen dienen k\u00f6nnen usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit es sich um \u00fcbernat\u00fcrliche, auf den Glauben gestellte Z\u00fcge im Wesen der mythischen Sage handelt, wird eine verschiedene Weltanschauung \u00fcber die Aufnahme einzelner Sagen in eine Sammlung solcher immer geteilter Ansicht sein. Dem kirchengl\u00e4ubigen Christen, besonders in katholischen Gegenden,<\/p>\n\n\n\n<p>werden manche Wundersagen (wie die Legenden) als durchaus m\u00f6gliche Geschehnisse hier nicht am rechten Platze erscheinen; gewisse Seelen- und Zaubersagen (z. B. Nr. 1 und 660) wird unsere Zeit gern als mesmerianische Versuche und hypnotische Vorf\u00fchrungen erkl\u00e4ren (vgl. Paudler in den Mittheilungen des Nordb\u00f6hmischen Exkursions-Klubs, XVIII. S. 17 ff.), w\u00e4hrend von anderer Seite sogar der Versuch unternommen worden ist, die mit Steinen werfenden Poltergeister als vorhanden nachzuweisen (Dr. Carl du Prel in den Psychischen Studien, XXI (1894), S. 535 ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Sonderauffassungen brauchte ich jedoch bei der Herausgabe des vorliegenden Buches weiter keine R\u00fccksichten zu nehmen. Da\u00df die M\u00e4rchen und Legenden des Sachsenlandes hier ausgeschaltet worden sind, bedarf wohl keiner besonderen Begr\u00fcndung. Wenn sie einst von kundiger Hand bearbeitet sein werden, wird man \u00fcber den ungeahnten Reichtum an sinnigen M\u00e4rchen staunen. Legenden besitzt vornehmlich die katholische Wendei in gro\u00dfer Zahl und Sch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sagenforscher hat sich aber noch mit einer Anzahl Gebilde auseinanderzusetzen, die mit dem Anspruche, Sage zu sein, an ihn herantreten. Das sind die in bewus\u00dfter literarischer T\u00e4tigkeit geschaffenen sagenhaften Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann er durch unmittelbares Zeugnis nachweisen, da\u00df ein Schriftsteller aus eigenster Phantasie, vielleicht gar mit bestimmten Nebenabsichten eine Sage gebildet hat, so ist diese nat\u00fcrlich abzulehnen; denn sie w\u00fcrde den Volksforscher nur irreleiten. Ein solches Gebilde ist z. B. die Sage vom Trompeterschl\u00f6\u00dfchen zu Dresden (Gr\u00e4\u00dfe Ar. 109), die von Th. Hell nach seinem eigenen Gest\u00e4ndnis erfunden worden ist, oder die Sage von der bretternen Saloppe (ebenda Nr. 594), durch die eine bekannte Dresdner Familie verunglimpft werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders liegt die Sache, wo der (bekannte oder unbekannte) Dichter ein dem Volke entnommenes Sagenkorn poetisch befruchtet und es dann dem Volke zur weiteren Ausbildung zur\u00fcckgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Wechselwirkung zwischen bewu\u00dfter und unbewu\u00dfter Gestaltung eines Sagenstoffes l\u00e4\u00dft sich recht h\u00fcbsch an dem Verh\u00e4ltnis der \u201elangen Schicht zu Ehrenfriedersdorf\u201c (Nr. 1250) und dem \u201eBergmann von Falun\u201c erkennen, das neuerdings wiederholt der Gegenstand literargeschichtlicher Untersuchung gewesen ist. Denn solchen Stoffen gegen\u00fcber wird die Sagenforschung zur Literaturgeschichte. Diese Sagen bilden den Niederschlag gewisser literarischer Str\u00f6mungen im Volke. Aus der Art, wie sie das urspr\u00fcngliche Erzeugnis der Volksseele umpr\u00e4gen und sich dann wieder in der Masse verbreiten, gewinnt ferner der Sagenforscher sch\u00e4tzbare Parallelen zu tieferem Eindringen in das \u00e4ltere Sagenmaterial. Solche literarische Sagen aus einer Sammlung wie die vorliegende auszuschlie\u00dfen, w\u00e4re also ein schweres Unrecht. Sie sind hier als romantische Sagen bezeichnet, weil der Einflu\u00df der Romantik auf die Mehrzahl unter ihnen unverkennbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe fr\u00fcher einmal (Mitteilungen des Vereins f\u00fcr S\u00e4chsische Volkskunde, Bd. 1, Heft 2, S. 7 ff.) die eigentliche Volkssage dem Volksliede im engeren Sinne zur Seite gestellt, mit dem volkst\u00fcmlichen Liede aber die volksm\u00e4\u00dfige Sagendichtung verglichen. Letztere mu\u00df jedoch die Kennzeichen echter Volkssage aufweisen. Entspricht das literarische Erzeugnis dieser Forderung nicht, dann freilich ist es als \u201eunecht\u201c aus einer Sagensammlung zu verbannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Versuch einer derartigen Scheidung sollte nicht als Vermessenheit angesehen werden, wenn auch zuzugeben ist, da\u00df eine untr\u00fcgliche Methode, echte und unechte Sagen auseinanderzuhalten, nicht besteht. Doch gibt es einige Kriterien. Das oberste Kennzeichen der Volkssage ist Schlichtheit. Ihr eignen keine verwickelten Situationen, und alles Gek\u00fcnstelte liegt ihr fern. Eine reiche Nomenklatur mu\u00df sofort den Verdacht bewu\u00dfter Sagenerfindung wecken. In dieser Hinsicht sind sehr lehrreich die beiden in meinem Sagenbuche der S\u00e4chsischen Schweiz einander gegen\u00fcbergestellten Sagen von dem Ursprunge des Namens Schandau (d. a. O., Nr. 86 und 87). Es sollte eigentlich keiner Er\u00f6rterung bed\u00fcrfen, da\u00df solche Sagen in keine verst\u00e4ndige Sammlung geh\u00f6ren, die ihre Wesensz\u00fcge aus den Vorstellungen einer internationalen Kultur oder aus gelehrten Einzelstudien nehmen. Denn um es nochmals zu wiederholen: die Volkssage soll erkennen lassen, was eine Gesamtheit bewegt, und nicht, welche Gedanken die Seele eines einzelnen erf\u00fcllen. Wenn ein schriftgewandter Mann aus dem Volke die abergl\u00e4ubischen Vorstellungen seiner Heimat und seiner Zeit um einen wirklichen oder erdachten Vorfall gruppiert, so hat diese volksm\u00e4\u00dfige Sage Anspruch auf die Beachtung des Forschers. In dieser Weise scheint die Mehrzahl der Sagen in dem eingangs erw\u00e4hnten B\u00fcchlein: Aberglaube im Erzgebirge vor 50 Jahren, entstanden zu sein. Es ist das echtes Sagengut. Und wenn sich beispielsweise vor 120 Jahren in Lugau (Erzg.) mehrere M\u00e4nner verbanden, um unter Anwendung der im Volke umlaufenden mythischen Anschauungen einem leichtgl\u00e4ubigen Bauern den Teufel vorzugaukeln und ihn um sein Geld zu betr\u00fcgen, so h\u00e4tte ihr Treiben als eine rechte Sage im Ged\u00e4chtnis der Nachkommen fortleben k\u00f6nnen, wenn nicht ein beherzter Begleiter jenes Bauern dem B\u00f6sen die H\u00f6rner abgeschlagen h\u00e4tte (siehe Unger, Lugau in alter und neuer Zeit, Lugau o. J. 1894, S. 26 ff.). Auf \u00e4hnlichen Vorf\u00e4llen beruht wohl manche Gespenster- und Schatzsage auch im vorliegenden Buche. (Man vgl. die Anmerkung zu Nr. 339; zu Nr. 344 aber die Mitteilung in Schumanns Staats-, Post- und Zeitungslexikon, V, S. 629; ferner das \u201eGl\u00fcckauf!\u201c XII, S. 78 ff. u. a.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dagegen Haupt (Sagenbuch, I, 1) eine Sage von Gott Schwabus erz\u00e4hlt, oder Gr\u00e4\u00dfe (a. a. O., Nr. 301) von dem heiligen Haine des Gottes Schwantewit zu Schmannewitz bei Oschatz berichtet, so ist das gelehrte Fabelei, mit der der Volksgeist nichts gemein hat. Der G\u00f6tterhimmel des s\u00e4chsischen Volkes ist sehr d\u00fcrftig besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollte man die sinnlose Ableitung des Wortes Dresden aus einem pseudoslavischen trasi = F\u00e4hre, die noch immer in den K\u00f6pfen mancher Gebildeten spukt, in der Form der Sage bieten, da\u00df vor alters an der Stelle der heutigen Stadt eine \u00dcberfahrtsstelle der Wenden gewesen sei und der Ort davon heute noch Dresden hei\u00dfe, so w\u00fcrde man sich am Volksgeiste vers\u00fcndigen. Echte Sage aber ist es, wenn man erz\u00e4hlt, da\u00df einst ein Wettiner dem Orte einen Namen geben wollte und dazu das erste Wort bestimmte, das er beim Einreiten durchs Tor h\u00f6re; wobei dann ein Maurer seinem Genossen mit Beziehung auf einen fortzubewegenden Stein gefragt habe: Drehst&#8217;n oder wendst&#8217;n? Diesen Volkswitz hat auch nur ein m\u00fc\u00dfiger Kopf erfunden, aber er ist im Sinne der Menge gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin mir wohl bewu\u00dft, da\u00df auch in meinem Buche die Scheidung der Sagen nach den er\u00f6rterten Grunds\u00e4tzen nicht immer gelungen ist; den Versuch aber wird man als berechtigt anerkennen m\u00fcssen. Den Ausschlag kann in letzter Linie immer nur das feine Gef\u00fchl des in langer Arbeit geschulten Sammlers geben, wie denn ein poetischer Sinn f\u00fcr den echten Volksforscher unerl\u00e4\u00dflich ist. Nicht aus B\u00fcchern wird der Volksgeist begriffen, sondern im lebendigen ununterbrochenen Verkehr mit dem Volke. Gl\u00fccklicherweise gibt es endlich noch ein sicheres Erkennungszeichen f\u00fcr die Echtheit einer Sage. Es ist die empf\u00e4ngliche oder ablehnende Haltung des Volkes selbst. Ein einziges Beispiel mag das beweisen. Vor etwa 60 Jahren versuchte C. J. Hofmann in seinem Buche: Das Mei\u00dfner Hochland, Lohmen 1842, den R\u00fcbezahl des schlesischen Gebirges in die S\u00e4chsische Schweiz einzuschmuggeln. Diese plumpe Verpflanzung in ein Volkstum, das jenen Berggeist kaum dem Namen nach kennt, schien zu gelingen. Denn die neue R\u00fcbezahlsage ging in verschiedene Sagenb\u00fccher der S\u00e4chsischen Schweiz \u00fcber, und obwohl Prof. Ruge und ich an mehreren Orten (siehe Mitteilungen des Vereins f\u00fcr S\u00e4chsische Volkskunde, Bd. l, Heft 2, S. 9 ff.) vor diesem \u201eR\u00fcbezahlschwindel\u201c gewarnt haben, hat jene Sage sogar Aufnahme in das in Sachsens Volksschulen gebr\u00e4uchliche Lesebuch \u201eDie Muttersprache&#8220;\u201c, Ausgabe B, Teil III gefunden. Unser Eifer war also umsonst; er war aber auch \u00fcberfl\u00fcssig. Das noch sagenfreudige Landvolk der S\u00e4chsischen Schweiz lehnt bis zur Stunde den R\u00fcbezahl mit \u00fcberlegenem L\u00e4cheln ab und wird ihn immer ablehnen. Nur der fremde Forscher sei hier nochmals gewarnt.<\/p>\n\n\n\n<p>So viel \u00fcber mein Verh\u00e4ltnis zum Stoff der Sagen. Der Sagensammler mu\u00df aber auch Stellung zur Form der Sage nehmen. Im allgemeinen wird man gut tun, von der Wiedergabe der Volkssage in gebundener Rede abzustehen. Nicht jeder Forscher ist zugleich ein Goethe oder B\u00fcrger, und meist streift eine solche Bearbeitung den Schmelz von dem eigenartigen Gebilde. Wer die Blume der Sage im Volke pfl\u00fccken will, dem ist die keusche Hand der Br\u00fcder Grimm zu w\u00fcnschen und deren Geleitswort auf den Weg zu geben: \u201eDas erste, was wir bei Sammlung dieser Sagen nicht aus dem Auge gelassen haben, ist Treue und Wahrheit.\u201c Soweit in meinem Buche m\u00fcndliche \u00dcberlieferungen beigebracht sind, ist diese Mahnung fast ausnahmslos beherzigt. Sie sind nach der Weise des Erz\u00e4hlers aus dem Volke wiedergegeben, und wo es anging, sind auch dialektische Wendungen nicht vermieden. Dieselbe Treue glaubte ich aber auch meinen gedruckten Vorlagen zu schulden, obwohl ich wei\u00df, da\u00df man gerade Gr\u00e4\u00dfe den ungef\u00fcgen Stil seiner Sagen oft zum Vorwurf gemacht hat. Ich habe sogar in einzelnen F\u00e4llen, wo Gr\u00e4\u00dfe modernisiert hatte, die \u00e4ltere Stilform wieder hergestellt. Nur etwa daraus hervorgehende Unklarheit habe ich m\u00f6glichst zu vermeiden gestrebt, was jedoch meistens durch eine sorgf\u00e4ltigere Interpunktion zu erreichen war. Denn es ist meine Meinung, da\u00df z. B. die oft recht unpoetischen Gespenstersagen, die meist aus dem 17. Jahrhundert \u00fcberliefert sind, einen viel stilvolleren Eindruck machen, wenn sie in der unbeholfenen Ausdrucksweise jener Zeit \u00fcberliefert werden. Dem Volksforscher wird zudem manchmal eine einzige altmodische Wendung zum Verst\u00e4ndnis der Sage viel willkommener sein als eine noch so glatte Umschreibung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Sagenbuch soll ja auch kein Schullesebuch sein. Wohl aber sollte es in die Hand jedes Lehrers gelangen, der aus ihm Stoff f\u00fcr den heimatkundlichen und geschichtlichen Unterricht ausw\u00e4hlen und seinen Sch\u00fclern in der Form darbieten kann, die er im gegebenen Falle f\u00fcr geeignet h\u00e4lt. Und \u00e4hnlich denke ich mir den Gebrauch des Buches in der Familie. Der Vater oder die Mutter, die sich aus dem Sagenbuche die Kenntnis einer heimischen Sage erworben haben, werden nicht um die rechten Worte verlegen sein, wenn sie den lauschenden Kindern am traulichen Herdfeuer von dem geprellten Teufel oder dem sch\u00f6nen, ungl\u00fccklichen Nixenkinde oder von der Entstehung des Heimatsortes erz\u00e4hlen. Die Sorge aber, die heranwachsende Jugend m\u00f6ge durch die Wiederbelebung der Sagengestalten gesch\u00e4digt werden, ist unn\u00fctz. Auch Goethe hat das Fabulieren schon vom M\u00fctterlein gelernt; sein \u201eFaust\u201c zeigt eine tiefgehende Vertrautheit mit dem Volksglauben seiner Zeit, und doch wandelte er auf den H\u00f6hen der Menschheit. Man betone nur in der Erz\u00e4hlung dem Kinde gegen\u00fcber immer das: Es war einmal. Andererseits bietet die liebevolle Versenkung in die heimische Sagenwelt willkommene Gelegenheit, die Phantasie des Kindes anzuregen, die bei der heutigen Erziehung oft so arg verk\u00fcmmert oder in falsche Bahnen gelenkt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ungemein wichtige Aufgabe besteht endlich f\u00fcr den Herausgeber eines Sagenbuches in der \u00fcbersichtlichen Anordnung des Stoffes. Je nach der Bestimmung des Wertes wird eine Gliederung nach stofflichen Gesichtspunkten oder nach geographischen Verh\u00e4ltnissen empfehlenswerter sein. Bei der zweifachen Absicht des vorliegenden Buches, der Wissenschaft und dem Volke zu dienen, schien eine Verbindung beider Einrichtungen geboten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberdies wird durch die einseitige Gliederung Zusammengeh\u00f6riges zerrissen, und auch ein peinlich sauber gearbeitetes Sachregister oder Ortsverzeichnis kann dem wissenschaftlichen Benutzer des Buches viele eigene M\u00fche nicht ersparen. Ich habe darum die Sagen zun\u00e4chst ihrem Inhalte nach in drei gro\u00dfe Gruppen vereinigt, die sich aus meiner Auffassung der Sage von selbst ergeben: I. Mythische Sagen, II. Geschichtliche Sagen, III. Romantische (literarische) Sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb der Gruppe I ist im Anschlu\u00df an Mogks lichtvolle Darstellung der deutschen Mythologie (Pauls Grundri\u00df der Germanischen Philologie, I, 982 ff.) in besonderen, in sich nochmals gegliederten Abteilungen der (\u00e4ltere) Seelen-, Elben-, D\u00e4monen- und G\u00f6tterglaube unseres Volkes zusammengefa\u00dft, dem sich ein Kapitel aus dem (j\u00fcngeren) Teufelsglauben und, gewisserma\u00dfen als Anhang, die Abschnitte Wundersagen und Schatzsagen anschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Anlehnung an die neuesten Ergebnisse streng wissenschaftlicher Forschung entbindet mich von der Beigabe eines gro\u00dfen gelehrten Apparates zu den Sagen und erhebt mein Buch wohl eher \u00fcber ein blo\u00dfes Sammelwerk als eine F\u00fclle historischer, philologischer und mythologischer Anmerkungen, wie sie bei Sagensammlungen so beliebt sind. Es l\u00e4\u00dft sich dabei wohl viel Gelehrsamkeit auskramen, aber diese besteht nur selten vor dem Richterstuhle ernster Kritik. F\u00fcr die Gruppe lI schien zun\u00e4chst eine Scheidung in Landesgeschichte, Ortsgeschichte und Familiengeschichte angebracht, w\u00e4hrend die weitere Gliederung nach chronologischen oder kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten erfolgte. Die romantischen Sagen, Gruppe III, machten eine Trennung nach dem Inhalte nicht n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war vorauszusehen, da\u00df bei dieser Anordnung allerdings manche Gruppen ineinander \u00fcbergehen, weil einzelne Z\u00fcge einer Sage diesem, andere jenem Gebiete angeh\u00f6ren. So wird der eine Leser als Gespenstersage ansehen, was der andere f\u00fcr eine Schatzsage h\u00e4lt und \u00e4hnliches. Manchmal war es schwer, eine Entscheidung zu treffen: Gar mancher Kobold einer Sagen\u00fcberschrift (die aus Piet\u00e4t in der Regel beibehalten wurden) entpuppte sich als ein schlichter Poltergeist, mancher Zwerg als ein gew\u00f6hnliches Gespenst, wof\u00fcr \u00fcbrigens die \u00e4lteren Chronisten oft den Ausdruck \u201eTeufel\u201c gebrauchen. Aber in den meisten F\u00e4llen ergab sich schlie\u00dflich doch eine st\u00e4rkere Hinneigung zu der einen Gattung, und wo die Zugeh\u00f6rigkeit zweifelhaft schien, wurde hier immer auf die verwandten Sagen verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Einteilung nach dem Stoffe kommt nun die geographische, oder vielleicht darf ich sagen ethnographische Gliederung. Es ist ein Ausblick in die Zukunft, wenn ich den Wunsch \u00e4u\u00dfere, es m\u00f6chte das germanische und slavische Sagengut gesondert vorgelegt werden k\u00f6nnen. Heute w\u00e4re der Versuch mindestens verfr\u00fcht. Dazu fehlt uns noch eine allumfassende Volkskunde aus nur deutschen Gebieten und vor allem ein gleiches Werk der slavischen Nachbarn. Aber es m\u00fc\u00dfte \u00fcberaus reizvoll sein, auch an den Sagen das Aufeinanderwirken des slavischen und germanischen V\u00f6lkergedankens auf unserem Kolonialboden zu verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorl\u00e4ufig m\u00fcssen wir uns mit einer minder wichtigen, aber doch ergebnisreichen Gruppierung des Materials bescheiden. In Sachsen treten deutlich als besondere Volksst\u00e4mme hervor: Vogtl\u00e4nder, Erzgebirger, Oberlausitzer und Obersachsen; letztere zerfallen wieder in Mei\u00dfner und Osterl\u00e4nder (Gegend von Leipzig). Es bedarf noch der gemeinsamen Arbeit von Dialektforschung, Namenkunde und Besiedelungsgeschichte, um diese ethnographischen Einheiten sicher zu umgrenzen; nach ihnen wird sp\u00e4ter eine Umschaltung einzelner Nummern des Sagenbuchs n\u00f6tig werden. F\u00fcr diesmal aber sind die Sagen innerhalb der stofflichen Gruppen nach Verwaltungsbezirken geschieden, die (freilich nur ungef\u00e4hr) jenen Stammsitzen entsprechen. Es sind die alten Kreise des Landes, der Vogtl\u00e4ndische (V), Erzgebirgische (E), Leipziger (LI) und Mei\u00dfnische Kreis (M), sowie die Oberlausitz (O), zu der wegen ihrer ethnographischen Zugeh\u00f6rigkeit hier auch die ehemaligen \u00c4mter Hohnstein und Stolpen gef\u00fcgt wurden. Die einem einzelnen Gebiete zukommenden Sagen sind nun im Inhaltsverzeichnis wie im Text meist durch ein ihnen vorgesetztes V, E, L, M oder O zusammengefa\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit regt schon die Inhalts\u00fcbersicht zu wichtigen Vergleichen und Fragen an. Einiges nur will ich andeuten. Wir sehen, da\u00df das Erzgebirge alle anderen Landschaften an Gespenstersagen \u00fcbertrifft. Es wird zu erw\u00e4gen sein, ob der Beruf des Bergmanns deren Ausbildung beg\u00fcnstigt hat. Irrlichtersagen fehlen sowohl aus dem Leipziger, wie aus dem Mei\u00dfnischen Kreise, so da\u00df man versucht ist, an einen Einflu\u00df der Landesnatur zu denken. Der Osten Sachsens stellt sich vornehmlich als das Gebiet der Drachensagen dar. Ist das ein blo\u00dfer Zufall, oder haben die Slaven daran besonderen Anteil? Beruht das Vorwalten romantischer Sagen im S\u00fcdwesten des Vaterlandes auf der Gem\u00fctsart seiner Bewohner? F\u00fcr die Gegend um Rochlitz hat Pfau (Die \u00e4ltesten Siedelungen der Rochlitzer Pflege, Rochlitz 1900) den Zusammenhang zwischen Gespenstersage und pr\u00e4historischen Fundorten erwiesen. Kn\u00fcpfen sich vielleicht auch die Zwergensagen an vorgeschichtliche Fundst\u00e4tten, und warum fehlen sie im s\u00e4chsischen Vogtlande? Die Antwort auf diese und \u00e4hnliche Fragen l\u00e4\u00dft sich hoffentlich an anderer Stelle einmal geben. Nur wenige Sagengruppen erfordern noch kurze Bemerkungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Sagen von Poltergeistern ist die Zeit ihrer \u00dcberlieferung zu beachten; sie stammen meist aus der Periode nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriege. In manchen Teufels- und Gespenstersagen klingen die religi\u00f6sen Erregungen des 16.\u201318. Jahrhunderts, besonders Reformation und Calvinismus, wieder. Der Abschnitt Teufelsb\u00fcndnisse ist von Bedeutung f\u00fcr die Kulturgeschichte. Da\u00df gelehrte Fabeleien, wie gewisse G\u00f6tter- und Gr\u00fcndungssagen, aus dem Sagenbuche des s\u00e4chsischen Volkes tunlichst ausgemerzt worden sind, wird jeder Geschichtskenner freudig begr\u00fc\u00dfen; die beibehaltenen \u00e4tiologischen Sagen kennzeichnen sich deutlich als Volksetymologien und k\u00f6nnen den Ortsforscher kaum irreleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>In Teil II, A: Landesgeschichte, sind auch Sagen von einzelnen Orten aufgenommen, die aber in ihrer Gesamtheit zeigen, wie irgend ein Ereignis auf das ganze Land gewirkt hat. Unter die geschichtlichen Sagen habe ich ferner die Erz\u00e4hlungen von den Gold und Edelstein suchenden Walen eingereiht, weil in diesen keine Zwerge zu erblicken sind, wie manche meinen, sondern welsche Abenteurer, die sich durch Akten und andere glaubw\u00fcrdige Zeugnisse nachweisen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich noch ein Wort zu den Spottsagen. Trotz naheliegender Bedenken habe ich sie nicht unterdr\u00fccken m\u00f6gen. Johann Rist sagt: \u201eEin Volk ohne Scherz ist unheimlich, wie ein Wald ohne Gesang.\u201c Unser Sachsenvolk hat \u2013 Gott sei Dank \u2013 noch nicht verlernt zu scherzen. M\u00f6gen die Betroffenen f\u00fcr solch harmlosen Spott ein herzliches Mitlachen haben und daf\u00fcr sorgen, da\u00df dieses Buch sp\u00e4ter auch aus anderen Orten Schildb\u00fcrgereien zu berichten wei\u00df; denn: \u201eGeteilte Freude ist doppelte Freude.\u201c Zum Verst\u00e4ndnis der Sagensammlung brauche ich nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen. In redlichem Bem\u00fchen ist mein Buch entstanden; Liebe zur Heimat hat es gef\u00f6rdert. Ich lege es nun mit der Bitte um freundliche Gesinnung in die H\u00e4nde der Fachgenossen und lade alle Freunde des s\u00e4chsischen Volkes ein, an der weiteren Sammlung seines Sagenschatzes mitzuhelfen. Dankbar werde ich auch die geringste Gabe empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein Wort des Dankes ist es auch, mit dem ich schlie\u00dfen will. Es gilt zun\u00e4chst dem Herrn Verleger f\u00fcr die gediegene und verst\u00e4ndnisvolle Ausstattung des Werkes und Herrn Professor O. Seyffert in Dresden f\u00fcr seine k\u00fcnstlerische Mitwirkung dabei. Mein Dank geb\u00fchrt ferner den Herren Prof. Dr. E. Mogk in Leipzig und Dr. G. Pilk in Dresden f\u00fcr vielfache Anregung und F\u00f6rderung bei dieser Arbeit und meiner lieben Frau Gertrud f\u00fcr unverdrossene Unterst\u00fctzung besonders beim Lesen der Korrekturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich sage ich schuldigen Dank dem Verein f\u00fcr S\u00e4chsische Volkskunde, der auf Anregung Prof. Mogks das vorliegende Buch zum ersten Band in einer Reihe von Einzeldarstellungen bestimmt hat, die in seinem Sinn und mit seiner t\u00e4tigen Beihilfe das stolze Geb\u00e4ude der s\u00e4chsischen Volkskunde gr\u00fcnden sollen. M \u00f6ge das Sagenbuch ein Baustein sein, der nicht verworfen wird!<\/p>\n\n\n\n<p>Geschrieben in der Heimat, Sebnitz, August 1903.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfred Meiche.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-1 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p class=\"has-small-font-size\">Aus: Sagenbuch des K\u00f6nigreichs Sachsen von Dr. Alfred Meiche, Leipzig 1903. S. Sch\u00f6nfeld\u2019s Verlagsbuchhandlung (Richard Carl Schmidt &amp; Co.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: <a href=\"https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/meiche_sagenbuch_sachsen_1903\/9\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/staatsbibliothek.ewigerbund.org\/viewer\/image\/meiche_sagenbuch_sachsen_1903\/9\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was rauscht mit hellem Klang empor zu Tage? Ein Wunderborn \u2013 des Volkes heil&#8217;ge Sage! Mein Sagenbuch will eine zweifache Aufgabe l\u00f6sen. Zun\u00e4chst soll es dem s\u00e4chsischen Volke gewidmet sein, aus dessen Scho\u00dfe es geboren ist. Seit der Belebung des volkskundlichen Gedankens in unserer Heimat erscheint das Verlangen nach einschl\u00e4gigem Lesestoff betr\u00e4chtlich gesteigert. 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