Preußische Geschichte aus dem Realienbuch

Zu Kaiser Wilhelms II. Zeiten lernten die Kinder an den Schulen mit sog. Realienbüchern. Diese deckten die wichtigsten Themen rund um Geschichte, Naturwissenschaften, Biologie und so weiter ab. Es gab unzählige verschiede Varianten dieser Realienbücher. Folgende Ausführungen stammen aus diesem:
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Inhaltsverzeichnis

Deutschland von der Reformation bis zum Westfälischen Frieden.

Die Reformation.

Der Zustand der Kirche.

In der Kirche waren allmählich mancherlei Mißstände eingetreten. Die Päpste standen lange Zeit unter dem Einflusse der französischen Könige, und zu verschiedenen Malen erhoben mehrere Kirchenfürsten gleichzeitig Anspruch auf die päpstliche Würde. (vgl S. 56 u. 57). – Die Bischöfe gehörteen meist dem Fürsten- und Adelstande an und benutzen ihr Amt oft nur, um zu Macht und reichen Einnahmen zu gelangen. Sie besaßen nicht immer die Fähigkeiten, die zu ihrem Hirtenamte nötig waren, und kümmerten sich zu wenig um das Heil der Seelen. Häufig setzten sie ungeeignete und unwissende Leute zu Geistlichen ein, die durch ihren Wandel kein gutes Vorbild gaben. Auf diese Weise sank das Ansehen der Kirche und ihrer Diener beim Volke, besonders in Deutschland. Viele glaubenseifrige Geistliche beklagten diese Übelstände und sehnten eine Besserung des kirchlichen Lebens herbei.

Mißstände bei der Ablaß-Verkündigung.

Nach der kirchlichen Lehre konnte solchen Christen, die hre Sünden bereuten und beichteten, sowie bestimmte vorgeschriebene gute Werke (Beten, Fasten, Almosengeben) verrichteten, ein Nachlaß zeitlicher Sündenstrafen, ein „A b l a ß“ gewährt werden. – Bei der Verkündigung des Ablasses

hatten sich Mißbräuche eingeschlichen. Einzelne der damit beauftragten Prediger unterließen es, die Christen zur Buße und Besserung zu ermahnen, wie vorgeschrieben war. Das unwissende Volk meinte daher nicht selten, es käme hauptsächlich auf die Zahlung einer Geldsumme an. – Gegen die Art, wie der Ablaß verkündigt wurde, trat Dr. Martin Luther in Wittenberg öffentlich auf.

Dr. Martin Luther

wurde als Sohn eines Bergmannes im Jahre 1483 in Eisleben geboren, besuchte die Lateinschulen zu Magdeburg und Eisenach und bezog dann die Universität zu Erfurt, um Rechtsgelehrter zu werden. Er änderte aber seine Absicht und trat in den Mönchsorden der Augustiner ein. Auf Empfehlung des Vorstehers der Augustiner-Klöster berief ihn der Kurfürst von Sachsen als Lehrer an die Universität zu Wittenberg. Dort wurde er später Doktor der Theologie (Gottesgelehrtheit) und Prediger an der Stadtkirche.

Der Beginn der Reformation.

Der kunstsinnige Papst Leo X. wollte die Peterskirche in Rom umbauen und schrieb einen Ablaß aus, um Beisteuern dazu zu erhalten. Bei der Verkündigung des Ablasses trat wiederum der alte Übelstand hervor, so daß bei vielen ernsten Christen Anstoß erregt wurde. Als sich daher der Dominikaner-Mönch Johann Tetzel, der im Erzbistume Madgeburg den Ablaß predigte, der Stadt Wittenberg näherte, schrieb Luther in lateinischer Sprache 95 Sätze über den Ablaß und schlug sie am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schloßkirche an. So war es in jener Zeit üblich, wenn ein Gelehrter seine Meinung kundtun und andre zu einer Änderung darüber veranlassen wollte. Dieses Ereignis, bei dem Luther sicht nicht gegen Papst und Kirche, sondern nur gegen die Übelstände bei der Verkündigung des Ablasses wenden wollte, war der A n f a n g d e r R e f o r m a t i o n.

In wenigen Wochen waren Luthers Sätze in Flugschriften über ganz Deutschland verbreitet und riefen überall eine ungewöhnliche Bewegung hervor. Die Dominikaner-Mönche erwiderten darauf, und es entstand ein heftiger Streit in Schriften und Gegenschriften. Luther griff dabei einzelne Lehren der Kirche an, während ihn seine Gegner der Irrlehre beschuldigten. Schließlich lud der Papst Luther zur Verantwortung nach Rom vor, beauftragte aber dann auf Wunsch des Kurfürsten von Sachsen den Kardinal Cajetan, den Streit in Augsburg beizulegen.

Cajetan suchte Luther zum Widerruf seiner Lehren zu bewegen, aber dieser weigerte sich und kehrte nach Wittenberg zurück. Ein zweiter päpstlicher Unterhändler, der gewandte Kammerherr Miltitz, stellte Luther bei einer Zusammenkunft in Altenburg vor, welch unheilvolle Spaltung durch sein

Auftreten in der Christenheit entstehen würde. Da versprach Luther, seine Lehren nicht weiter zu „predigen und zu schreiben“; seine Gegner sollten aber ebenfalls versprechen zu schweigen.

Luther sagt sich von der Kirche los.

Unter Luthers Gegnern befand sich der gelehrte Dr. Eck aus Ingolstadt. Zwischen diesem und einem Anhänger Luthers kam es in Leipzig zu einer öffentlichen Unterredung, an der auch Luther teilnahm. Hierbei erklärte dieser einzelne kirchliche Lehren, z. B. die Lehre vom Ablaß, für irrig, mehrere Lehren des in Konstanz verbrannten Huß dagegen für richtig und lehnte sich gegen das Ansehen des Papstes auf.

In einigen Schriften, die er kurze Zeit danach veröffentlichte, wandte er sich ferner gegen die sieben Sakramente der Kirche und die Ehelosigkeit der Priester. Diese und andre der von Luther verbreiteten Lehren wurden vom Papste, an den sich Dr. Eck gewendet hatte, als ketzerisch bezeichnet. Über Luther selbst wurde der Bann ausgesprochen, wenn er nicht binnen 60 Tage

Widerruf leiste. – Da zog Luther am 10. Dezember 1520 mit einer Schar Studenen vor das Elstertor in Wittenberg und warf dort die päpstliche Bannbulle ins Feuer. Dadurch hatte er völlig mit der Kirche gebrochen.

Unter den Männern, die sich Luther in Wittenberg anschlossen, war Philipp Melanchthon der gelehrteste. Er hieß eigentlich Schwarzerd und war Professor der griechischen Sprache an der Universität zu Wittenberg.

Der Reichstag zu Worms 1521.

Nach dem Tode Maximillians I. (1519) war sein Enkel, Karl V., deutscher Kaiser geworden. Er herrschte zugleich über Spanien, die Niederlande und Italien. Da die Spanier durch die Entdeckungsfahrten des Kolumbus Herren von Amerika waren, sagte man von ihm mit Recht, „in seinem Reiche ginge die Sonne nie unter.“ Karl war noch jung an Jahren, aber weltklug und ein treuer Anhänger der Kirche. Als er zum ersten Male Deutschland betrat, berief er einen Reichstag nach Worms, auf dem auch über Luther und seine Lehren entschieden werden sollte. Luther wurde vorgeladen und erhielt freies Geleit zugesichert; ein Reichsherold holte ihn ab. Unter großem Zulaufe des Volks zog er in Worms ein. Gleich am Tage darauf mußte er vor den versammelten Fürsten und Herren erscheinen, bat jedoch als er zum Widerrufe seiner Schriften aufgefordert wurde, um einen Tag Bedenkzeit. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt. Als er sich am folgenden Tage weigerte, seine Lehren zu widerrufen, ließ ihn der Kaiser auffordern, von Worms abzureisen, und bewilligte ihm eine Frist von 21 Tagen. Dann verhängte er die Reichsacht über ihn, so daß ihn jedermann ungestraft töten konnte; seine Lehre wurde verboten. – Luther kam auf dem Rückwege nach Wittenberg durch den Thüringer Wald. Dort wurde er auf Veranlassung seines Landesherrn, des Kurfürsten von Sachsen, der ihn schützen wollte, von einigen Reitern überfallen und heimlich nach der Wartburg bei Eisenach gebracht. Auf diesem einsamen Bergschlosse lebte er zehn Monate lang in Verborgenheit und beschäftigte sich mit der Übersetzung der Bibel.

Der Bildersturm zu Wittenberg.

Zu dieser Zeit kamen zahlreiche Anhänger Luthers, meist Leute aus dem Handwerkerstande, von Zwickau nach Wittenberg. Sie verwarfen die Kindertaufe, sowie andre kirchliche Gebräuche (Messe) und verlangten, daß aus den Kirchen alle Bilder entfernt würden. Um ihre Forderungen durchzusetzen, drangen sie in die Gotteshäuser ein und zerstörten die Bildsäulen und Gemälde. Als Luther davon hörte, ließ er sich auf der Wartburg nicht länger zurückhalten. Er eilte nach Wittenberg und predigte, bis er den „Bildersturm“ gestillt hatte. Dann nahm er seine Lehrtätigkeit an der Universität wieder auf und fuhr fort, die Bibel zu übersetzen. – Zugleich suchte Luther zusammen mit Melanchthon und einigen andern seiner Anhänger im Kurfürstentume Sachsen eine neue Kirchenform einzurichten. Messe, Ohrenbeichte, Verehrung der Heiligen und Reliquien wurden abgeschafft, dagegen deutsche Predigt und deutscher Gesang beim Gottesdienste eingeführt. Von den sieben Sakramenten der Kirche ließ Luther nur das heilige Abendmahl, bei dem aber die Teilnehmer auch den Wein empfingen, und die Taufe bestehen. Die Ehelosigkeit der Geistlichen wurde aufgehoben. Luther selbst verheiratete sich mit Katharina von Bora, einer aus dem Kloster ausgetretenen Nonne. – In vielen Gegenden Deutschlands richtete man die Kirchen nach dem Vorbilde ein, das im Kurfürstentume Sachsen gegeben wurde. Auch das Schulwesen wurde überall da neugestaltet, wo Luthers Lehre Eingang fand.

Der Bauernkrieg.

Die Lage des Bauernstandes war in den letzten Jahrhunderten immer schlechter geworden. Der Bauer mußte mit seinen Familienmitgliedern und mit seinen Zugtieren oft mehrere Tage der Woche auf dem Gutshofe unentgeltlich arbeiten (Hand- und Spanndienste). Außerdem hatte er allerlei Abgaben an Vieh und Feldfrüchten an das Lehen zu entrichten. Daher war es ihm auch bei großem Fleiße kaum möglich, das Leben zu fristen. Als nun Luther eine Schrift über die Glaubensfreiheit herausgab, bezogen die Bauern das Wort „F r e i h e i t“ auf ihre Lage. Im Jahre 1525 erhoben sie sich in ganz Süd- und Mitteldeutschland und forderten Abschaffung der Leibeigenschaft, Beschränkung und Feststellung der Fronden und Abgaben, freie Jagd, freien Fischfang, freies Holz und freie Wahl ihrer Geistlichen. Ihr Hauptführer in Mitteldeutschland war der frühere Mönch T h o m a s M ü n z e r. Sie bemächtigten sich der freien Reichsstadt Mühlhausen i. Th., verjagten den Rat und machten sich selbst zu Herren. Solange die Bauern sich vor Gewalttaten gehütet hatten, war Luther für sie eingetreten. Aber als sie anfingen, furcht-bare Greuel zu begehen, sowie Burgen und Klöster zu verbrennen, forderte er die Fürsten auf, sie zur Ruhe und Ordnung zu zwingen. Diese taten sich nun ohne Rücksicht auf ihren Glauben zusammen und vernichteten die Bauernheere; Münzer wurde gefangen und grausam hingerichtet. Die Lage des Bauernstandes wurde nun schlimmer als vorher und ist auch noch über 250 Jahre lang so traurig geblieben.

Die Wiedertäufer in Münster.

Zur Zeit der Reformation traten Männer auf, die die Taufe der Kinder verwarfen und die Erwachsenen nochmals tauften. Diese „Wiedertäufer“ wollten schon hier auf Erden ein Reich Gottes aufrichten. In der Stadt Münster i. W. vertrieben sie den Bischof und die Obrigkeit. Darauf erwählten sie ihren Führer Johann Bockold aus Leiden in Holland zum Könige. Nun zwangen sie die Bürger, ihren Besitz an Gold und Silber auf dem Rathause abzuliefern und führten die Vielweiberei ein. Der Bischof von Münster und der Landgraf Philipp von Hessen eroberten schließlich die Stadt und machten der tollen Wirtschaft ein Ende (1535).

Karl V. und die Reformation.

Ausbreitung der neuen Lehre.

Luthers Lehre breitete sich immer weiter aus. Manche deutsche Fürsten ließen sich bei Einführung der Reformation durch Gewinnsucht leiten; denn bei Aufhebung der Klöster nahmen die Landesherren die reichen Güter derselben für sich in Besitz, wenn sie auch vielleicht einen Teil der Einkünfte zur Unterhaltung von Schulen oder Krankenhäusern bestimmten. Begünstigt wurde die Ausbreitung der Reformation dadurch, daß zwischen Karl V. und dem Papste Streitigkeiten bestanden, und daß der Kaiser wegen seiner vielen Kriege mit den Franzosen und Türken lange Zeit von Deutschland abwesend war. So wurde bald der größte Teil Deutschlands evangelisch. Die mächtigsten Anhänger der Reformation waren der Kurfürst J o h a n n F r i e d r i c h v o n S a c h s e n und der Landgraf
P h i l i p p v o n H e s s e n.

Fortgang der Reformation bis zum Nürnberger Religionsfrieden.

Im Jahre 1 5 2 9 fand ein R e i c h s t a g i n S p e y e r statt, zu dem Kaiser Karl V. Aber nicht selbst erschien. Hier wurden alle weiteren Neuerungen verboten. Dagegen erhoben sechs Fürsten und 14 Reichsstädte Widerspruch; sie „protestierten“. Von dieser Zeit an nannte man die Evangelischen auch P r o t e s t a n t e n. Im folgenden Jahre kam der Kaiser selbst nach Deutschland und berief einen neuen R e i c h s t a g n a c h A u g s b u r g, um die kirchlichen Fragen zu regeln. Die protestantischen Stände überreichten dem Reichstage eine von Melanchthon verfaßte Schrift, die „A u g s b u r g i s c h e K o f e s s i o n“, in der die wichtigsten Lehren der Reformatoren in 28 Artikeln zusammengestellt waren. Der Kaiser ließ von katholischen Gelehrten eine Entgegnung anfertigen, auf die die Protestanten wieder mit einer Verteidigunsschrift antworteten. Der Reichstag bestimmte nach langen Verhandlungen, daß alle evangelischen Einrichtungen abgeschafft und die Klöster wiederhergestellt werden sollten. Luthers Lehren und Schriften wurden als ketzerisch verboten. Da fürchteten die evangelischen Fürsten, daß sie der Kaiser mit Gewalt zur Rückkehr zum katholischen Glauben zwingen würde. Sie schlosssen im Jahre darauf zur gegenseitigen Unterstützung in S c h m a l k a l d e n i. T h. einen Bund, dessen Häupter Johann Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen waren.

Karl V. hätte seine Drohungen gegen die evangelischen Fürsten wohl bald ausgeführt; er brauchte aber ihre Hilfe zu einem Kriege gegen die Türken. Deshalb schloß er mit ihnen einen vorläufigen Vergleich, den N ü r n b e r g e r R e l i g i o n s f r i e d e n, in dem den Protestanten freie Religionsausübung bis zu einer allgemienen Kirchenversammlung gewährt wurde.

Luthers Tod.

Den Krieg, der zwischen dem Kaiser und den protestantischen Fürsten bevorstand, erlebte Luther nicht mehr. Um einen Erbstreit zwischen Grafen von Mansfeld zu schlichten, war er im Winter 1 5 4 6 nach Eisleben gereist. Dort in seiner Geburtstadt wurde er am 18. Februar 1546 von einer Krankheit hinweggerafft. Sein Leichnam wurde feierlich nach Wittenberg überführt und dort in der Schloßkirche beigesetzt.

Der Schmalkaldische Krieg.

Im Jahre 1546 brach zwischen Karl V., der über den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und den Landgrafen Philipp von Hessen die Reichsacht ausgesprochen hatte, und dem Schmalkaldiscchen Bunde der offene Kampf aus. Der Kaiser hatte heimlich mit dem protestantischen Herzog M o r i t z v o n S a c h s e n-Z e i t z ein Bündnis geschlossen und ihm die Kurwürde versprochen, wenn er ihm Hilfe leistete. Während der Kurfürst Johann Friedrich mit seinen Truppen in Süddeutschland stand und mit Philipp von Hessen zusammen den Angriff des Kaisers erwartete, brach sein Vetter Moritz in Sachsen ein. Da kehrte Johann Friedrich mit seinen Truppen eilends zurück, verjagte seinen Vetter und bedrängte ihn in seinem eigenen Lande. Der Kaiser zog ihm jedoch nach und zwang ihn bei M ü h l b e r g a. E l b e 1547 zur Schlacht. Der Kurfürst wurde im Reitergefechte durch einen Säbelhieb verwundet, gefangen genommen und vom Kaiser zum Tode verurteilt. Um sein Leben zu retten, mußte er die Kurwürde mit dem Kreise Wittenberg an seinen Vetter Moritz abtreten. Er behielt nur die sächsischen Herzogtümer (Weimar, Eisenach, Gotha usw.), wo seine Nachkommen jetzt noch regieren. Philipp von Hessen unterwarf sich bald darauf dem Kaiser freiwillig. Er erbat knieend Karls V. Verzeihung, wurde aber noch am Abende desselben Tages von dem Feldherrn des Kaisers, dem gefürchteten Herzog Alba, gefangen gesetzt.

Der Augusburger Religionsfriede.

Moritz von Sachsen war ungehalten darüber, daß Karl V. den Landgrafen Philipp von Hessen, seinen Schwiegervater, in strenger Haft hielt. Auch fürchtete er wohl, daß der Kaiser gar zu mächtig werden könnte. Nachdem er an das Ziel seiner Wünsche gelangt und Kurfürst geworden war, fiel er vom Kaiser wieder ab. Er schloß heimlich einen Bund mit dem Könige von Frankreich und versprach diesem als Lohn für seine Hilfe die drei lothringischen Städte Metz, Toul und Verdun. Diese sind im Verlaufe des Kampfes auch in den Besitz der Franzosen gekommen. (1552). Unvermutet rückte Moritz gegen Innsbruck und hätte den Kaiser, der dort gichtkrank daniederlag, beinahe gefangen genommen. Karl V. mußte die Forderungen, die Moritz an ihn stellte, bewilligen. Philipp von Hessen wurde freigelassen. Wenige Jahre später (1555) schloß der Kaiser, des langen Kampfes müde auf einem Reichstage zu Augsburg mit den evangelischen Fürsten den A u g s b u r g e r R e l i g i o n s f r i e d e n. Den Prostetanten wurden völlige Religionsfreiheit zugestanden. Sie erhielten dieselben Rechte wie die Katholiken, und jeder weltliche Fürst konnte bestimmen, wie es in seinem Lande der Religion gehalten werden sollte. Die Untertanen durften, wenn sie einem andern Bekenntnisse anhingen, ungehindert auswandern.

Das Lebensende Karls V.

Der Kaiser war der vielein Kämpfe, die er seit seinem Regierungsantritte hatte führen müssen, überdrüssig geworden und und über das Fehlschlagen seiner Pläne verstimmt. Daher faßte er den Entschluß, sich von der Welt zurückzuziehen. Er ließ sich in der Nähe des Klosters St. Just in Westspanien eine Wohnung bauen, legte seine Krone nieder und lebte nun zurückgezogen in Stille und Einsamkeit (Gedicht: Der Pilgrim von St. Just). Zwei Jahre danach starb er (1558). Karl V.

War der letzte bedeutende Kaiser des alten deutschen Reiches; er war auch der letzte,d er sich von dem Papste krönen ließ.

Die Reformation in andern Ländern.

In der Schweiz war U l r i c h Z w i n g l i, Prediger in Zürich, als Reformator aufgetreten. Er gründete wie Luther, die kirchliche Lehre nur auf die Heilige Schrift. In einigen Punkten jedoch, besonders in der Lehre vom heiligen Abendmahle, das er nur als Erinnerungsfeier an den Opfertod Christi gelten ließ, wich er von Luther ab. Landgraf Philipp von Hessen wollte zwischen Zwingli und Luther eine Einigung herbeiführen. Auf seine Veranlassung trafen sich daher beide Reformatoren zu einem Religionsgespräche in Marburg. Wegen der Abendmahlslehre konnten sie sich aber nicht verständigen. Als einige Jahre danach zwischen den „reformierten“ und den katholisch gebliebenen Kantonen der Schweiz ein Krieg ausbrach, fiel Zwingli im Kampfe (1531). – In den westlichen Teilen der Schweiz kam die Lehre J o h a n n C a l v i n s zur Herrschaft, der sich in der Glaubenslehre fast ganz an Zwingli anschloß. Von Genf aus, wo er zuerst eine neue Kirchenform eingeführt hatte, verbreitete sich seine Lehre in Südwestdeutschland, Frankreich, den Niederlanden und Schottland. In den Augsburger Religionsfrieden waren die Reformierten nicht mit eingeschlossen.

Willy.

– In F r a n k r e i c h nannte man die reformierten Christen „Hugenotten“. Um die streitenden religiösen Parteien zu versöhnen, verheiratete der französische König seine Schwester mit dem vornehmsten von ihnen, dem Prinzen Heinrich von Navarra. Zu der Hochzeitsfeier waren aus ganz Frankreich zahlreiche Hugenotten in Paris zusammengeströmt. Des Königs Mutter faßte jedoch den Entschluß, in der Nacht zum 24. August, dem Tage des heiligen Bartholomäus, alle Hugenotten in Paris töten zu lassen. Der schreckliche Plan wurde ausgeführt, und 25 000 Menschen verloren ihr Leben (1572). Man nennt diese furchtbare Verfolgung die Pariser Bluthochzeit. Als Heinrich später König von Frankreich wurde, nahm er zwar dem katholischen Glauben an, gab aber (1598) das E d i k t v o n N a n t e s (nangt). Durch dieses Gesetz wurde den Hugenotten freie Religionsübung und gleiches Recht mit den Katholiken zugestanden. – In den N i e d e r l a n d e n suchte der Sohn Karls V. Durch Errichtung neuer Bistümer und durch strenge Gerichte die Ausbreitung der Reformation zu verhindern. Als Herzog Alba, den er dorthin sandte, viele Anhänger der neuen Lehre hinrichten ließ, brach ein allgemeiner Aufstand aus, und unter der Führung des Prinzen Wilhelm von Oranien erstritt sich die nordöstliche Hälfte der Niederlande Freiheit des Glaubens und Unabhängigkeit. – Auch E n g l a n d, D ä n e m a r k, S c h w e d e n und N o r w e g e n fielen von der katholischen Kirche ab.

Der Dreißigjährige Krieg 1618 – 1648.

Trotz des Augsburger Religionsfriedens wurde das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten in Deutschland nicht besser. Um das Jahr 1600 standen sich beide Parteien schon so feindselig gegenüber, daß ein Krieg vorauszusehen war. Wegen der drohenden Gefahr schlossen die protestantischen Fürsten ein Bündnis, die „U n i o n“, an deren Spitze der Kurfürst F r i e d r i c h v o n d e r P f a l z stand. Die katholischen Fürsten traten unter der Führung des tatkräftigen Herzogs Maxilian von Bayern gleichfalls zu einem Bunde, der „L i g a“ zusammen. Von den deutschen Kaisern, die jetzt meistens in Wien, der Hauptstadt der habsburgischen Länder, wohnten, waren einige den Protestanten freundlich gesinnt. Einer von ihnen versprach durch den sogenannten „Majestätsbrief“ seinen evangelischen Untertanen in Böhmen freie Religionsübung und erlaubte den protestantischen Ständen, Kirchen zu bauen.

Der Aufruhr in Prag.

Der Majestätsbrief wurde von Katholiken und Protestanten verschieden ausgelegt. Als daher der Bau einer evangelischen Kirche verhindert und eine andre, fast vollendete niedergerissen wurde, sahen die Protestanten darin eine Verletzung des gegebenen Versprechens und beschwerten sich deshalb bei dem Kaiser. Sie erhielten aber eine ungnädige Antwort. Da man glaubte, daran seien die von dem Kaiser eingesetzten Statthalter schuld, zog eine zahlreiche Menschenmenge, die von evangelischen Edelleuten angeführt wurde, nach dem Schlosse in Prag und warf zwei Statthalter und ihren Geheimschreiber zum Fenster hinaus. Sie kamen zwar ohne ernstliche Verletzungen davon, aber diese Gewalttat gab den Anlaß zu einem furcht-baren Kriege.

Friedrich von der Pfalz, der Winterkönig.

Zu dieser Zeit starb der Kaiser, und der streng katholische F e r d i n a n d II. wurde sein Nachfolger. Die Böhmen wählten jedoch den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, den Führer der Union, zu ihrem Herrscher. Friedrich hoffte, sein Schwiegervater, der König von England, werde ihm helfen und zog nach Prag. Aber die erwartete Hilfe blieb aus, während der Kaiser vom Herzog Maximilian von Bayern und der Liga kräftig unterstützt wurde. Im Jahre 1620 rückte ein kaiserliches Heer unter dem Grafen T i l l y heran, und es kam zu der Schlacht am w e i ß e n B e r g e b e i P r a g. Friedrich wurde völlig geschlagen und ergriff eiligst die Flucht. Da er nur während eines Winters geherrscht hatte, nannte ihn das Volk zum Spotte den

„Winterkönig“. Die Union löste sich auf. Über das unglückliche Böhmen ließ Kaiser Ferdinand ein furchtbares Strafgericht abhalten; den Majestätsbrief vernichtete er. Die Protestanten, die sich weigerten, zur katholischen Kirche zurückzukehren, verwies er des Landes. Infolgedessen wanderten über 50 000 Familien aus ihrer Heimat aus. Die Führer der Böhmen, 27 evangelische Edelleute, wurden in Prag hingerichtet; ihre Landgüter gab der Kaiser seinen Anhängern. Der Herzog Maximilian von Bayern erhielt als Belohnung für seine Hilfe einen Teil der Länder Friedrichs und die Kurwürde.

Ernst von Mansfeld und Christian von Braunschweig.

Für den vertriebenen Kurfürsten kämpften am Rhein und in Norddeutschland der Graf E r n s t v o n M a n s f e l d und der Herzog C h r i s t i a n v o n B r a u n s c h w e i g. Beide waren rauhe und wilde Kriegsmänner, die mit ihren Söldnerscharen Deutschlamd verheerten, ohne zwischen Katholiken und Protestanten einen Unterschied zu machen.

Tilly.

Feldherr der Liga war der byrische General Graf T i l l y. Er stand damals schon in vorgerücktem Lebensalter, war klein von Gestalt und trug einen spitzen Kinnbart. Tilly war ein hervorragender Feldherr und wie sein Herr, der Herzog Maximilian, streng katholisch gesinnt. Er schlug Ernst von Mansfeld und Christian von Braunschweig in mehreren Schlachten, ohne jedoch ihre Heere völlig vernichten zu können.

Der Dänenkönig Christian IV.

Als Kaiser Ferdinand mit Hilfe der Liga seine Feinde besiegt hatte, riefen einige norddeutsche Stände aus Furcht für ihren Glauben den Dänenkönig C h r i s t i a n IV. Zu Hilfe. Er war zugleich Herzog von Holstein, also auch deutscher Reichsfürst. Mit einem stattlichen Heere trat er den Truppen der Liga gegenüber. Auch Ernst von Mansfeld hatte die Trümmer seines Heeres gesammelt und durch Anwerbungen ergänzt. Um diesen Feinden begegnen zu können, war der Kaiser völlständig auf die Hilfe der Liga angewiesen. Er selbst besaß keinen geeigneten Feldherrn und auch nicht Geld genug, um ein Heer anwerben zu können; denn in den habsburgischen Stammlanden herrschte wegen der Glaubensstreitigkeiten Aufruhr. Da bot sich W a l l e n s t e i n, ein böhmischer Edelmann, auf eigne Kosten ein Heer zu schaffen, wenn ihm der Oberbefehl und die Anstellung der Offiziere überlassen würde.

Wallenstein

war das Kind lutherischer Eltern. In früher Jugend verwaist, wurde er jedoch katholisch erzogen. Er nahm später Kriegsdienste und wurde wegen seiner Tapferkeit Oberst. Durch seine Verheiratung gelangte er zu sehr großem Reichtume und lieh dem Kaiser für den Krieg bedeutende Geldsummen. Als Entschädigung dafür erhielt er das Herzogtum Friedland in Böhmen, so daß er Herzog und deutscher Reichsfürst wurde. Wallenstein war von hagerer Gestalt und hatte finstere, stechende Augen. Gewöhnlich trug er einen langen roten Mantel und einen grauen Hut, von dem eine rote Feder herabwinkte. Er glaubte, der Mensch könne sein zukünftiges Schicksal aus der Stellung der Gestirne erkennen und hatte einen besondern Sternkundigen in seinen Diensten. Die Soldaten hielten ihn für unverwundbar und glaubten, er habe mit dem Teufel einen Bund geschlossen. – Der Kaiser nahm das Anerbieten Wallensteins an, und in kurzer Zeit hatte dieser ein Heer von 50 000 Mann zusammengebracht. Im Dienste hielt er auf eiserne Zucht; Ungehorsame und Feiglinge ließ er unerbittlich aufhängen. Den Bürgern und Bauern gegenüber aber gewährte er den Söldnern große Freiheit; selbst seine Offiziere scheuten sich nicht, zu plündern und zu rauben. Tapferkeit und Tüchtigkeit belohnte er mit fürstlicher Freizügigkeit.

Der Dänische Krieg.

Wallenstein rückte nach Norddeutschland und besiegte Ernst von Mansfeld an der D e s s a u e r E l b b r ü c k e. Bald darauf erlag Ernst einem heftigen Fieber. (Auch Christian von Braunschweig war in demselben Jahre gestorben.) Tilly hatte inzwischen den König Christian von Dänemark bei dem braunschweigischen Städtchen L u t t e r a m B a r e n b e r g e geschlagen. Die beiden siegreichen Heere eroberten nun gemeinsam ganz Norddeutschland, verjagten die Herzöge von Mecklenburg und trieben den König Christian bis nach Jütland. Wallenstein erhielt zur Belohnung Mecklenburg und wurde zum Admiral der Nord- und Ostsee ernannt. Um eine Flotte gründen zu können, wollte er die feste Stadt S t r a l s u n d erobern. Da er aber keine Schiffe hatte, um Stralsund auch vom Meere aus einzuschließen, gelang ihm dies trotz seines großen Heeres nicht; denn die mutigen Bürger konnten sich immer wieder von Schweden her mit Kriegsvorräten und Nahrungsmitteln versorgen. Wallenstein mußte schließlich abziehen, obgleich er geschworen hatte, die Stadt zu erobern und „wenn sie mit Ketten an den Himmel geschlossen wäre“.

Als ganz Norddeutschland unterworfen war, erließ der Kaiser gegen Wallenstein ein Gesetz, in dem er bestimmte, daß die seit 1552 von den protestantischen Fürsten eingezogenen geistlichen Güter (zwei Erzbistümer, zwölf Bistümer und viele Klöster) wiederhergestellt würden. Wallenstein und Tilly sollten die protestantischen Fürsten dazu zwingen.

Wallensteins Absetzung.

Wallenstein, dessen Heer inzwischen auf 100 000 Mann angewachsen war, verheerte die Länder in furchtbarer Weise und erpreßte von den Städten ganz unerschwingliche Kriegssteuern. Da beklagten sich (1630) die protestantischen Fürsten, besonders Maximilian von Bayern, bitter über ihn und verlangten seine Absetzung. Sie fürchteten auch; daß der Kaiser, der durch diesen Mann so große Gewalt erlangt hatte, sie vollständig unter seine Macht beugen würde. Ihrem Drängen mußte der Kaiser schließlich nachgeben. Wallenstein empfing die Nachricht von seiner Absetzung mit kalter Ruhe und erklärte, die Sterne hätten ihm seinen Fall schon verkündigt. Er entließ sein Heer und zog sich nach Friedland zurück, wo er mit königlicher Pracht lebte, sich eine Leibwache hielt und ein prächtiges Schloß baute. Er sah voraus, daß der Kaiser ihn bald wieder brauchen werde.

König Gustav Adolf von Schweden.

Im Juli 1630 landete der Schwedenkönig Gustav Adolf mit einem Heere von 16 000 Mann an der Küste Pommerns. Er mischte sich in den Krieg, weil seine Verwandten, die Herzöge von Mecklenburg, aus ihrem Lande vertrieben worden waren. Auch wollte er nicht dulden, daß der Kaiser seine Macht auf die Ostsee ausdehnte; denn die Schweden trieben auf ihr lebhaften Handel und beherrschten sie mit ihren Schiffen. Da Gustav Adolf ein eifriger Protestant war, wünschte er zugleich seinen bedrängten deutschen Glaubensgenossen gegen den Kaiser zu helfen. Er war ein Mann von großer, kräftiger Gestalt, hatte blaue Augen und blones Haar. Sein Heer bestand nicht aus Söldnern, die aus aller Herren Länder stammten, sondern aus schwedischen Bauernsöhnen. Der König duldete keine Plünderungen, hielt strenge Kriegszucht und ließ täglich Gottesdienst abhalten. Die schwedischen Truppen trugen leichtere Rüstungen, als es bisher üblich war, auch ihre Gewehre und Kanonen waren weniger schwer. Dadurch konnten sie weite Märsche schneller zurücklegen und sich auch in der Schlacht leichter bewegen. Die Soldaten der einzelnen Regimenter trugen Armbinden von gleicher Farbe. Als die Nachricht von der Landung Gustav Adolfs nach Wien gelangte, spottete man überdrüssigden nordischen „Schneekönig“. Die protestantischen Fürsten, die sich vor dem Kaiser und vor Tillys Feldherrngeschick fürchteten, empfingen ihn mit Mißtrauen. Der Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg wollte sich ihm nicht anschließen, und der Kurfürst von Sachsen weigerte sich, ihn durch sein Land ziehen zu lassen. Gustav Adolf konnte daher der Stadt Magdeburg, die von Tilly belagert wurde, nicht zu Hilfe kommen. Als er nun die Nachricht bekam, daß Magdeburg genommen und zerstört worden sei, zwang er den Kurfürsten von Brandenburg mit Waffengewalt, sich mit ihm zu verbünden.

Tilly hatte scheinbar die Belagerung Magdeburgs aufgehoben und war abgezogen. In der folgenden Nacht aber kehrte er zurück und erstürmte die unglückliche Stadt (1631). Die wütenden Söldnerscharen richteten unter den überraschten Bürgern, die sich mutig verteidigten, ein furchtbares Blutbad an, so daß die Straßen mit Leichen bedeckt waren. 30 000 Menschen verloren ihr Leben; die blühende und reiche Stadt wurde geplündert und ging in Flammen auf. Nur zwei Kirchen und wenige andre Gebäude entgingen dem Verderben.

Die Schlachten bei Breitenfeld und am Lech.

Als Tilly nach der Eroberung Magdeburgs Sachsen schwer bedrrückte, das bisher am Kriege unbeteiligt geblieben war, schloß sich der Kurfürst von Sachsen ebenfalls Gustav Adolf an. In der Ebene von Leipzig, bei B r e i t e n f e l d (1631), kam es zwischen Tilly und den schwedisch-sächsischen Truppen zur Entscheidungsschlacht. Nach hartem Kampfe errang der Schwedenkönig den Sieg, und Tilly, der bisher noch nie überwunden worden war, mußte eilends nach Bayern zurückgehen. Gustav Adolf durchzog nun Deutschland bis nach Mainz. Der tapfere Prinz Bernhard von Weimar trat in schwedische Kriegsdienste. – Im folgenden Jahre brach Gustav Adolf in Bayern ein. Auf Herzog Maximilians Geheiß stellte sich ihm Tilly am Lech entgegen und versuchte, ihm den Übergang zu wehren. Er unterlag aber zum zweiten Male den schwedischen Waffen, selbst von einer Kanonenkugel schwer am Oberschenkel verwundet und starb wenige Tage darauf im Alter von fast 73 Jahren. Ganz Bayern war in Gustav Adolfs Gewalt, und niemand konnte ihn jetzt hindern, den Kaiser in Wien selbst anzugreifen; denn das Heer der Liga war vernichtet, und ein kaiserliches Heer gab es nicht. In dieser größten Not bat Ferdinand II. Wallenstein, für ihn wieder ein Heer aufzustellen. Dieser aber konnte dem Kaiser seine Absetzung nicht verzeihen; er weigerte sich hartnäckig und ließ sich erst erbitten, als ihm große Vorrechte eingeräumt wurden. Er erhielt völlig selbständige Verfügung über das Heer, und kein General durfte ohne seine Bewilligung vom Kaiser Befehle empfangen.

Die Schlacht bei Lützen.

Wallenstein zog nach Bayern und bedrohte das protestantische Nürnberg. Gustav Adolf wollte die Stadt nicht in seine Hände fallen lassen und eilte zu ihrer Unterstützung herbei. Beide Heere standen sich in befestigten Lagern elf Wochen lang gegenüber. Als die Schweden endlich Wallensteins Verschanzungen angriffen, wurden sie mit schweren Verlusten zurückgeschlagen. Da während der kalten Jahreszeit gewöhnlich der Kampf ruhte, erwartete Wallenstein keine Schlacht mehr und wandte sich nach Sachsen, wo er während des Winters mit seinem Heere bleiben wollte. Aber die Schweden eilten ihm nach, und am 16. November 1632 kam es bei L ü t z e n zur blutigen Entscheidung. Beide Heere kämpften mit verzweifelter Tapferkeit. Gustav Adolf geriet ohne Absicht in das Gewühl des Reiterkampfes, wurde von einer Kugel in den Rücken getroffen und stürzte vom Pferde. Wütend über den Tod ihres Königs, dessen blutbeflecktes Roß über das Schlachtfeld jagte, fochten die Schweden mit furchtbarer Erbitterung und errangen unter der Führung Bernhards von Weimar nach langem Kampfe den Sieg. Die Leiche Gustav Adolfs fand man später ausgeplündert und von den Hufen der Rosse zertreten. Sie wurde nach Schweden gebracht und in Stockholm beigesetzt. Bei den Protestanten in Deutschland herrschte trotz der schweren Niederlage Wallensteins tiefe Niedergeschlagenheit, während die Katholiken die Schlacht bei Lützen als einen Erfolg ansahen; denn man wußte wohl, was Gustav Adolf für die evangelische Sache bedeutet hatte.

Wallensteins Ermordung.

Die Schweden setzten den Krieg fort. Wallenstein zog sich nach Böhmen zurück und hielt über sein Heer ein furchtbares Strafgericht ab: Offiziere, die in der Lützener Schlacht nicht ihre Schuldigkeit getan hatten, wurden enthauptet, Soldaten, die sich feige gezeigt hatten gehängt. Obgleich die Schweden, bei denen nach dem Tode des Königs Zucht und Ordnung rasch schwanden, Deutschland verheerten, blieb Wallenstein in Böhmen untätig. Er wußte sehr wohl, daß man ihn am kaiserlichen Hofe zu Wien haßte und an seiner abermaligen Absetzung arbeitete. Da er aber seine große Macht nicht wiederum verlieren wollte, knüpfte er heimlich mit den Sachsen und Schweden Unterhandlungan an. Jedenfalls wollte er im Bunde mit ihnen den Kaiser zum Frieden zwingen und sich selbst dabei ein möglichst großes Ländergebiet sichern, über das er als selbständiger Herzog oder Kurfürst herrschen konnte. Auf die Treue seines Heeres glaubte er bauen zu können; denn die meisten der Generale waren durch ihn zu Ehren und Reichtümern gelangt. Dem Kaiser blieben diese Absichten seines Feldherrn nicht verborgen; er nahm ihm zum zweiten Male den Oberbefehl und erklärte ihn für einen Hochverräter. In zwei Tagen fiel die Mehrzahl der Generale und fast das ganze Heer von Wallenstein ab. Da zog er mit einigen treu gebliebenen Regimentern nach Eger, wo er sich mit sächsichen oder schwedischen Truppen vereinigen wollte. Auf Anstiften des Obersten Butler, eines dem Kaiser ergebenen Irländers, drangen jedoch in der darauf folgenden Nacht zwölf Dragoner in das Haus ein, in dem Wallenstein schlief. Als dieser, von dem Lärme aufgeweckt, das Fenster öffnete, um die Wache zu rufen, erbrachen die Mordgesellen sein Schlafzimmer. Schweigend an einem Tische lehnend empfing Wallenstein den Todesstoß. Kurz vorher waren auch seine treugebliebenen Offiziere bei einem Gastmahle meuchlerisch umgebracht worden. – In demselben Jahre (1634) wurde das schwedische Heer von den Kaiselichen bei N ö r d l i n g e n entscheidend geschlagen. Infolgedessen fielen fast sämtliche protestantische Fürsten von den Schweden ab und schlossen mit dem Kaiser Frieden.

Der schwedisch-französische Krieg.

Die Schweden suchten und fanden Hilfe bei den Franzosen, die bei dieser Gelegenheit deutsches Gebiet an sich bringen hofften. Sie unterstützen die Schweden mit Geld und Truppen. Bernhard

von Weimar, der allein unter den protestantischen Fürsten der Sache der Evangelischen treu geblieben war, sowie schwedische und französische Generale setzten nun den Krieg mit wechselndem Glücke fort. Bernhard starb wenige Jahre später an einer pestartigen Krankheit. Der Krieg beschränkte sich jetzt vielfach auf planlose Plünderungszüge, bei denen es die Schweden mit dem schutzlosen Volke schlimmer trieben als einst die Wallensteiner. Den Landleuten gab man den „schwedischen Trunk“ zu kosten, d. h. man goß ihnen gewaltsam so lange Jauche in den Hals, bis sie starben oder den Ort angaben, wo sie ihre letzten Spargroschen vergraben hatten. Noch lange nach jener Zeit schreckten die Mütter ihre unfolgsmen Kinder mit dem Rufe: „Sei ruhig, der Schwed´kommt!“. Die aufs äußerste gepeinigten Bauern rotteten sich zusammen und ermordeten jeden Soldaten, der in ihre Hände fiel, auf die grausamste Weise. So entstand ein wahrer Vernichtungskrieg zwischen ihnen und den Söldnern.

Der Frieden von Münster und Osnabrück.

Endlich kam nach jahrelangen Verhandlungen der Friede zustande. (1648). Die jüngeren Leute in Deutschland, die während der dreißigjährigen Schreckenszeit herangewachsen waren, wußten nicht, was „Friede“ bedeutete, und auch die älteren glaubten kaum an die Nachricht von der Beendigung des entsetzlichen Krieges; denn sie hatten in stumpfer Verzweiflung die Hoffnung auf bessere Zeiten längst aufgegeben. Durch den Frieden zu Münster und Osnabrück geschlossen wurde und deshalb auch der w e s t f ä l i s c h e genannt wird, verlor Deutschland die vorherrschende Stellung, die es seit fast 900 Jahren in der Welt innegehabt hatte. Schweden und Frankreich waren von nun an die mächtigsten Staaten Europas. Schweden erhielt Vorpommern mit Stettin, sowie die Bistümer Bremen und Verden. Hierdurch beherrschte es die Mündungen deutscher Ströme und damit den Handel auf der Nord- und Ostsee. – Frankreich bekam das Elsaß; die freie Reichsstadt Straßburg blieb jedoch bei Deutschland. Die Schweiz und Holland schieden aus dem deutschen Reiche aus. Der Sohn des Winterkönigs Friedrich von der Pfalz empfing die Rheinpfalz und die Kurwürde zurück. Da auch der Herzog von Bayern Kurfürst blieb, so gab es also von jetzt an acht Kurfürsten. An Branden-burg, das alte Erbrechte auf Pommern besaß, fiel nur Hinterpommern; als Entschädigung für Vorpommern wurden ihm die Bistümer Halberstadt, Minden und Kamin, sowie das Erzbistum Magdeburg mit den Städten Magdeburg und Halle zugesprochen. In bezug auf die kirchlichen Verhältnisse wurde bestimmt, daß Katholiken, Evangelische und Reformierte gleiche Rechte haben sollten. – Die deutschen Reichsfürsten wurden in ihren Ländern völlig selbständig. Sie durften nicht nur ohne den Kaiser Krieg führen und Frieden schließen, sondern sogar mit dem Auslande Bündnisse eingehen. Ohne sie konnte der Kaiser weder einen Reichskrieg führen noch Steuern erheben und Gesetze geben (Karte!)

Die Folgen des Krieges.

Vor dem Kriege war Deutschland ein wohlhabendes bevölkertes Land gewesen; nach ihm war es eine Wüste. Der Wohlstand war vernichtet und die Bevölkerung in manchen Gegenden auf den zehnten Teil der früheren Zahl zusammengeschmolzen. Viele Dörfer waren gänzlich vom Erdbo-den verschwunden. In den Städten standen nicht selten zwei Drittel aller Häuser unbewohnt.

Wiesen und Felder waren jahrelang unbebaut geblieben und zu Buschland oder Heide geworden, in denen Wölfe hausten. Die Bauern besaßen weder Pferde noch Saatkorn zur Bestellung der Äcker; die stattlichen Rinder- und Schafherden waren in dem langen Kriege aufgezehrt worden. Auch in den örtlichen Gegenden Deutschlands geriet nun der Bauer in völlige Abhängigkeit von den Gutsherrn und wurde hörig. Die Pest und andre ansteckende Krankheiten suchten die Bevölkerung heim. Auf den Landstraßen herrschte die größte Unsicherheit; Räuberbanden und Scharen entlassener Söldner ließen das Land nicht zu Ruhe und Frieden kommen. Der Handel war vernichtet, und das Gewerbe lag danieder; denn niemand konnte dem Handwerker etwas abkaufen. Die Sitten waren verwildert; Diebstahl, Betrug und Trunksucht hatten überhand genommen. Ohne Schulen und ohne Erziehung war das junge Geschlecht groß geworden, so daß Unbildung und Aberglaube allgemein waren. Zu keiner Zeit gab es so viele Hexenprozesse als nach dem Dreißigjährigen Kriege. Selbst die deutsche Sprache war geschändet und verdorben. Da ausländische Söldner jahrzehntelang in Deutschland ihr Wesen trieben, bürgerten sich unzäh-lige fremde Worte ein, so daß Schriftstücke aus jener Zeit fast unverständlich sind. – Der letzte Rest der kaiserlichen Gewalt und der Reichseinheit war verloren gegangen. Uneinig und zerrissen im Innern, gänzlich ohnmächtig nach außen, wurde das deutsche Reich zum Gespött der ganzen Welt. Nicht nur ein gewaltiger Religionskrieg zwischen den Katholiken und Evangelischen, auch ein erbitterter Streit zwischen Kaiser und Reichsfürsten war ausgefochten worden. Letztere hatten gesiegt und waren dem Kaiser gleichberechtigt. Die Macht des habsburgischen Kaiserhauses war gebrochen, die einst so bedeutungsvolle Kaiserwürde zum inhaltlosen Titel geworden. – In der nun folgenden schlimmen Zeit erhob sich neben Österreich, das die Macht und das Ansehen des deutschen Reichs nicht hatte bewahren können, nach und nach ein andres Land, auf das sich bald die Blicke der ganzen Welt richteten: die Mark Brandenburg unter der Herrschaft des Hauses Hohenzollern.

Deutschland vom Westfälischen Frieden bis zur Auflösung des Reiches.

Vorgeschichte der Mark Brandenburg.

Die Mark unter den Anhaltinern 1134 – 1320.

A l b r e c h t d e r B ä r war im Jahre 1134 vom Kaiser Lothar mit der Nordmark belehnt worden, die einst Heinrich I. zum Schutze gegen die Slawen gegründet hatte (S. 24 u. 32). Er dehnte seine Herrschaft auf das Gebiet der Havel, also weiter nach Osten aus und nannte sich M a r k g r a f v o n B r a n d e n – b u r g. Die Nordmark erhielt zum Unterschiede von dem neuen Besitze den Namen A l t m a r k. (Karte!) Im deutschen Reiche bekleidete Albrecht die Erzkämmererwürde. – Seine Nachkommen, die A n h a l t i n e r , eroberten und besiedelten allmählich das Land zwischen Elbe und Oder. Christentum und deutsches Wesen wurden durch sie dabei überall eingeführt. Sie waren gute Landesväter, die für Ordnung und Frieden sorgten. Unter ihrer Herrschaft wurde das wendische Dorf B e r l i n an der Spree zur Stadt erhoben ( um 1250). Der bedeutendste Markgraf aus dem anhaltinischen Geschlechte war W a l d e m a r . Er nahm an der Wahl des deutschen Kaisers teil und schützte sein Land in ruhmvollen Kämpfen gegen die feindlichen Nachbarn. Aber in der Blüte seiner Jahre wurde er vom Tode hinweggerafft. Nicht lange danach (1320) starb die Familie der Anhaltiner in der Mark aus.

Die Mark unter den Wittelsbachern (1324 – 1373) und Luxemburgern

(1373 – 1415). K a i s e r L u d w i g d e r B a y e r zog die Mark als erledigtes Reichslehen ein und gab sie seinem Sohne. Gegen dessen Herrschaft trat nach einer Reihe von Jahren ein alter Pilger auf, der sich für den verstorbenen Markgrafen Waldemar ausgab. Er behauptete, er sei nach dem Heiligen Lande gezogen, um ein Gelübde zu erfüllen, und erst jetzt wiedergekehrt. Anfänglich fand er großen Anhang, mußte aber schließlich das Feld räumen. – Unter den Wittelsbachern wurde die Mark durch die goldene Bulle 1356 (S. 57,3) zum K u r f ü r s t e n t u m erhoben. Ihre Bewohner hatten in dieser Zeit viel unter dem Raubrittertum und unter Verheerungen durch die Nachbarn zu leiden, wurden auch durch häufige Geldforderungen ihrer Landesherren hart bedrückt. Der letzte wittelsbachische Kurfürst, Otto der Faule, wurde durch Kaiser K a r l IV. V o n L u x e m b u r g gezwungen, die Mark gegen eine Geldsumme an ihn abzutreten. – Karl IV. War ein sorgsamer Landesvater, der Brandenburg vortrefflich verwaltete. In Tangermünde an der Elbe, das er zu einer großen Handelsstadt machen wollte, errichtete er ein Schloß und große Lagerhäuser. Er ließ auch das „Landbuch der Mark“ anlegen, in dem alle Schlösser, Städte und Dörfer aufgezählt und nach ihrem Werte und Umfange, sowie nach den auf ihnen ruhenden Abgaben beschrieben sind. Sein Sohn aber, Kaiser S i g i s m u n d , verpfändete die Mark und verkaufte einen Teil, die Neumark an den deutschen Ritterorden. Da kamen wieder schlimme Zeiten für die Bewohner. Raubritter und Räuberbanden machten das Land so unsicher, daß die Dörfer und die wehrlosen kleinen Städte in Armut trieben. Im Jahre 1411 sandte Sigismund den Burggrafen F r i e d r i c h v o n N ü r n b e r g als Statthalter in die Mark. Wenige Jahre später (1415) übergab er sie ihm mit der Kur- und Erzkämmererwürde als Reichslehen.

Die hohenzollernschen Kurfürsten von Brandenburg bis zum Jahre 1640.

1. Das Geschlecht der Hohenzollern.

Das Stammschloß des Geschlechts der Hohenzollern stand in der Nähe von Hechingen in S c h w a b e n . Ungefähr um 1200 erlangte ein Graf von Zollern durch Heirat großen Besitz in F r a n k e n (Ansbach, Bayreuth, Kulmbach) und erhielt die Würde eines B u r g g r a f e n v o n N ü r n b e r g . Ein Burggraf war ein kaiserlicher Beamter, dem in einer freien Stadt die Verteidigung der Burg und die Führung der Krieger übertragen war. Zugleich hatte er die Rechte des Kaisers wahrzunehmen und das höchste Gericht auszuüben. – Im Jahre 1227 teilten die beiden Söhne eines Grafen von Zollern ihr Erbe. Der eine erhielt die Besitzungen in Schwaben, der andere die Burggrafschaft von Nürnberg mit den fränkischen Gebieten. Die Burggrafen waren sparsame Haushalter, die ihren Besitz durch Kauf und Erbschaft klug vermehrten, so daß er an Größe manches Fürstentum übertraf. Da sie sich auch allezeit als treue Diener der deutschen Kaiser erwiesen, wurden sie von K a r l IV. I n d e n F ü r s t e n s t a n d erhoben. (Über die Grafen Friedrich III, und Friedrich IV. s. S. 52, 1 u. 3 und 53, 1). Burggraf Friedrich VI. Verhalf dem Kaiser Sigismund zur Krone, lieh ihm große Geldsummen und leistete ihm als Feldhauptmann wertvolle Dienste. Er wurde als „ F r i e d r i c h I.“ K u r f ü r s t v o n B r a n d e n b u r g u n d d e r S t a m m v a t e r d e s p r e u ß i s c h e n K ö n i g s h a u s e s.

Friedrich I. 1415 – 1440.

Als Friedrich die Mark übernahm, umfaßte sie nur noch die Hälfte ihres alten Gebietes und befand sich in einem traurigen Zustande. Die Raubritter, unter denen die Quitzows am mächtigsten waren, wollten den Burggrafen nicht als ihren Herrn anerkennen. Sie spotteten über den „Nürnberger Tand“ und verweigerten die Huldigung, auch „wenn es ein Jahr lang Burggrafen regnete“. Friedrich aber lieh sich von dem Landgrafen von Thüringen die „faule Grete“, ein schweres Geschütz, das mächtige Steinkugeln schoß, und eroberte die Burgen der übermütigen Edlen. So erzwang er sich Gehorsam. Wenn er in des Kaisers Diensten fern von der Mark weilte, verwaltete seine Gemahlin, die „schöne Else“, für ihn das Land.

Friedrich II.,

der Eiserne 1440 – 1470, unterwarf die trotzigen Städte Berlin und Kölln a. Spree. Diese wollten ihm nämlich verwehren, sie gewappnet und mit seinen Kriegern zu betreten. Um die Bürger zu dauerndem Gehorsam zu zwingen, baute er an der Spree ein festes Schloß. Von dem deutschen Ritterorden kaufte er die Neumark zurück.

Albrecht Achilles 1470 -1486,

der Bruder Friedrichs II, war ein streitbarer Herr, der in vielen Turnieren den Sieg davontrug. Er gab 1473 das H o h e n z o l l e r n- s c h e H a u s g e s e t z. Dieses bestimmt, daß die Mark Brandenburg ungeteilt und mit derKurwürde immer auf den ältesten Sohn übergeht; jüngere Söhne sollten mit den fränkischen Besitzungen, Töchter bei ihrer Verheiratung durch Geldsummen entschädigt werden. Durch dieses Gesetz blieb die Mark vor Erbstreitigkeiten und Zerstückelung bewahrt.

Johann Cicero 1486 – 1499

war der erste Hohenzoller, der in der Mark aufgewachsen war und sich dort heimisch fühlte. Er hatte eine gelehrte Erziehung genossen und sah es gern, wenn sich auch die märkischen Edelleute Kenntnisse und feine Sitte aneigneten.

Joachim I. Nestor 1499 – 1535.

Als Joachim I., erst 15 Jahre alt, zur Herrschaft kam, glaubten übermütige Edelleute, ungestraft ein Raubritterleben führen zu können. Sie sollen dem jungen Kurfürsten sogar den höhnenden Vers: „Joachimchen hüte dich; fangen wir dich, so hangen wir dich!“ an die Tür seines Schlafzimmers geschrieben haben. Aber Joachim hielt scharfe Ordnung und ließ eine Anzahl der wilden Gesellen trotz Fürbitten ihrer Freunde hinrichten. Damit jedermann sein Recht finden könnte, setzte er das K a m m e r g e r i c h t in Berlin ein. Um tüchtige Richter und Beamte zu bekommen, eröffnete er zu Frankfurt a. O. Eine Universität. Der Reformation stand Joachim I. feindlich gegenüber, konnte jedoch die Ausbreitung der neuen Lehre in der Mark nicht hindern, Alte Anrechte auf Pommern sicherte er durch einen V e r t r a g , in dem den Kurfürsten von Brandenburg Pommern zugesagt wurde, wenn die dortigen Herzöge ausstürben. – Entgegen dem Hohenzollernschen Hausgesetze teilte Joachim I. Bei seinem Tode die Mark. Sein älterer Sohn Joachim II. Erhielt die Kurwürde und den größten Teil des Landes, sein jüngerer Sohn Hans von Küstrin die Neumark. Diese fiel aber als Hans kinderlos starb, wieder an die Mark zurück.

Joachim II. Hektor 1535 – 1571

führte die Reformation in der Mark ein, ließ Schulen errichten und suchte die Bildung der Geistlichen zu heben. Durch seinen klugen Kanzler Lamprecht Distelmeyer schloß er mit dem Herzoge von Liegnitz, Brieg und Wohlau einen E r b v e r t r a g (1537). In diesem wurde festgesetzt, daß die drei schlesischen Lande nach dem Aussterben des herzoglichen Hauses an Brandenburg fallen sollten. – In seiner Hofhaltung war Joachim II. Verschwenderisch und prachtliebend.

Johann Georg 1571 – 1598

witschaftete sparsam und tilgte die vorgefundenen Schulden. Die Günstlinge seines Vaters, denen er die Schuld für dessen Verschwendung beimaß, strafte er hart. Niederländische Handwerker, die wegen ihres Glaubens vertrieben worden waren, nahm er in sein Land auf. In Berlin stiftete er das Gymnasium zum grauen Kloster.

Joachim Friedrich 1598 – 1608

setzte als oberste Behörde des Landes das „Geheimratskollegium“ ein. Es bestand aus acht sachkundigen, lebenslänglich angestellten Männern, die das Kriegswesen, die Einnahmen usw. zu überwachen hatten.

Johann Sigismund 1608 – 1619.

Seine Vorfahren hatten durch Klugheit und Tüchtigkeit den alten Umfang der Mark nach und nach wiederhergestellt und vergrößert. Johann Sigismund vermehrte den Besitz seines Hauses durch zwei wichtige Erwerbungen auf das Doppelte. Die Herzogtümer Preußen und Kleve fielen unter seiner Herrschaft an Brandenburg. Die Hohenzollernschen Kurfürsten faßten damit Fuß an Weichsel und Rhein.

Das Herzogtum Preußen.

Zwischen Weichsel und Memel wohnten seit alten Zeiten die heidnischen Preußen. Als alle Versuche, sie friedlich zu belehren, mißlangen, rief der Bischof von Oliva den deutschen Ritterorden gegen sie zu Hilfe (S. 40). Da sandte der Hochmeister im Jahre 1230 eine Anzahl Ordensritter, um Preußen zu erobern. Sie drangen von Kulm an der Weichsel aus in das Land ein und unterwarfen es mit Unterstützung deutscher Kreuzfahrer in harten Kämpfen, die mehr als 50 Jahre dauerten. Das eroberte Gebiet sicherten sie, indem sie feste Burgen anlegten, sowie deutsche Bauern und Edelleute ansiedelten. Der Hochmeister schlug seinen Wohnsitz in der prächtigen M a r i e n b u r g a. d. Nogat auf und beherrschte von dort aus ein Reich, das sich in seiner Glanzzeit (1350) von der Oder bis zur Düna erstreckte.

Später aber geriet der Orden mit dem benachbarten Königreiche Polen in Streitigkeiten. In der furchtbaren Schlacht bei Tannenberg (1410) wurde das Ritterheer so völlig geschlagen, daß damit die Kraft des Ordens gebrochen war. Er mußte den westlichen Teil Preußens mit der Marienburg an Polen abtreten; den östlichen behielt er zwar; jedoch nur als polnisches Lehen (1466) – Zur Zeit der Reformation war ein Hohenzoller Hochmeister. Er verwandelte auf Luthers Rat das Ordensland, dessen Bewohner sich der evangelischen Lehre angeschlossen hatten, in ein weltliches, erbliches Herzogtum und gründete in seiner Hauptstadt K ö n i g s b e r g eine Universität. Sein Sohn besaß nur zwei Töchter, von denen die ältere mit dem Kurfürsten Johann Sigismund verheiratet war. S o k a m P r e u ß e n d u r c h E r b s c h a f t B r a n d e n b u r g (1618) und blieb dadurch ein deutsches Land. (Karte!) Es war jedoch kein Teil des deutschen Reiches. Der Kurfürst von Brandenburg war daher als herzog von Preußen vom Kaiser unabhängig, wohl aber mußte er dem Könige von Polen den Lehnseid leisten. – Die deutschen Ordensritter trugen einen weißen Mantel mit einem schwarzen kreuze; daher sind die Farben „schwarz-weiß“ preußische Landesfarben geworden.

Kleve.

Die Gemahlin Johann Sigismunds war die Nichte des letzten Herzogs von Kleve. Als dieser kinderlos starb, erhob Johann Sigismund Anspruch auf das Land, geriet aber dabei in Zwist mit dem Pfalzgrafen von Neuburg, der ebenfalls mit dem Herzoge von Kleve verwandt war. Um den Beistand der reformierten Holländer zu gewinnen, trat Johann Sigismund zur reformierten Kirche über; der Pfalzgraf wurde katholisch, weil er dadurch die Hilfe der Liga (S. 67) zu erlangen hoffte. Nach langem Streite teilten beide das Erbe durch einen Vertrag (1614): J o h a n n S i g i s m u n d e r h i e l t K l e v e, s o w i e d i e G r a f s c h a f t e n M a r k (Hauptstadt Hamm) u n d R a v e n s b e r g (Hauptstadt Bielefeld).

Georg Wilhelm 1619 – 1640.

Zu seiner Zeit wütete der Dreißigjährige Krieg. Die brandenburgischen Lande wurden von Schweden und Kaiserlichen entsetzlich verwüstet. Der Kurfürst, dem es leider an Tatkraft fehlte, hielt sich meist in dem fernen Königsberg auf.

Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst 1640 – 1688.

1. Jugendzeit.

Friedrich Wilhelm wurde im Jahre 1620 geboren. Wegen der Unruhen des Dreißigjährigen Krieges mußte er einen großen Teil seiner Knabenzeit in der Festung Küstrin verleben.

Als er 14 Jahre alt war, wurde er nach den Niederlanden auf die Hochschule zu Leyden gesandt. Die Niederländer waren damals das erste Handelsvolk der Erde. Friedrich Wilhelm sah dort, wie Seehandel, Gewerbe und sorgfältige Bodenbearbeitung in Verbindung mit guten Gesetzen ein Volk zu Gesittung und Wohlstand zu bringen vermögen. Der junge Fürst zeigte heir schon einen gefestigten Charakter. Als ihn einst leichtsinnige Edelleute in ihr lockeres Treiben hineinziehen wollten, wies er die Versuchung mit den Worten zurück: „ Ich bin es meiner Ehre und meinem Lande schuldig“, und begab sich unverweilt zu seinem Vetter, dem Erbstatthalter Prinzen von Oranien, in das Kriegslager vor Breda. Dieser sagte zu ihm: „ Vetter, Ihr habt etwas Großes getan. Wer sich selbst bezwingt, ist großer Dinge fähig!“

Luise Henriette.

Im Jahre 1646 vermählte sich Friedrich Wilhelm mit Luise Henriette, der Tochter des Prinzen von Oranien. Sie war eine fromme und edle Frau von großen geistigen Fähigkeiten.

Erst nach vierjähriger Ehe, nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges konnte die junge Fürstin in die Mark Brandenburg einziehen. Beim Anblick der verbrannten Dörfer und der bitteren Not des Volkes soll sie Tränen vergossen haben. Sie ist dem Kurfürsten 21 Jahre lang eine vertraute Lebensgefährtin gewesen, die ihn selbst auf seinen Reisen begleitete und ihm oft mit ihrem klugen Rate zur Seite stand. Aus ihrer Heimat, den Niederlanden, ließ sie Gärtner und Landwirte kommen, die Musterwirtschaften einrichteten und die Viehzucht in der Mark verbesserten. In der Nähe von Berlin errichtete sie ein großes Waisenhaus, das ihr zu Ehren den Namen „Oranienburg“ erhielt. Auf ihre Veranlassung wurde ein neues Gesangsbuch herausgegeben, in dem auch das angeblich von ihr selbst gedichtete Lied „Jesus meine Zuversicht“ Aufnahme fand. Tief betrauert von ihrem Gemahle starb Luise Henriette bereits im Alter von 39 Jahren.

Errichtung eines stehenden Heeres.

Als Friedrich Wilhelm, erst 20 Jahre alt, die Regierung antrat, waren seine Besitzungen am Rheine in den Händen der Kaiserlichen und wie die Mark Brandenburg furchtbar verheert. Pommern, das nach dem 1637 erfolgten Tode seines letzten Herzogs von Brandenburg hätte fallen müssen (s.o.) wurde von den Schweden besetzt gehalten. Die brandenburgischen Truppen waren auf den Kaiser vereidigt und wollten dem Kurfürsten nicht gehorchen. Friedrich Wilhelm sah ein, daß er, um sein Land zu schützen, ein brauchbares Heer haben mußte. Er entließ daher die unzuverlässigen Regimenter und warb neue Truppen an, die meist aus Landeskindern bestanden und dauernd in seinen Diensten blieben. Auf diese Weise schuf er ein s t e h e n d e s H e e r. Bei der Errichtung der Reiterei unterstützte ihn besonders der Feldmarschall D e r f f l i n g e r , ein Bauernsohn, der im Dreißigjährigen Kriege vom Schneiderhandwerk zum Waffendienste übergegangen war. Im Jahre 1648 zählte das brandenburgische Heer 8000 Mann, später wurde es auf 28 000 Mann vermehrt.

Die Erwerbungen im Westfälischen Frieden.

In den letzten Jahren des Dreißigjährigen Krieges konnte der Kurfürst gegen den Kaiser und die Schweden selbständig auftreten. Standhaft forderte er nun Pommern. Im Westfälischen Frieden bekam er jedoch nur H i n t e r p o m m e r n (Karte!); das wegen des Seehandels wichtige Vorpommern mit den Odermündungen erhielten die Schweden. Wenn der Kurfürst auch mit Magdeburg, Halberstadt, Minden und Kamin entschädigt wurde; so empfand er es doch schmerzlich, daß Brandenburg vom Seeverkehr abgeschnitten war; denn von den entlegenen hinterpommerschen und preußischen Häfen aus konnte er keine Waren nach der Mark senden. In einer von ihm veranlaßten Flugschrift heißt es daher: „Was sind Rhein, Elbe, Oder, Weserstrom heute anders als fremder Nationen Gefangene? Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ – Das dem brandenburgischen Hause gehörige schlesische Fürstentum J ä g e r n d o r f, dessen Herzog während des Krieges vertrieben worden war, behielt der Kaiser widerrechtlich für sich.

Einrichtung einer einheitlichen Verwaltung.

Zur Unterhaltung des Heeres waren große Geldsummen erforderlich. Das Recht aber, Steuern auszuschreiben, besaßen in den einzelnen Landesteilen, von denen jeder eine andere Verwaltung und Besteuerung hatte, die Stände, d. h. Die Vertreter des Adels und der Städte. Sie weigerten sich nicht selten, Steuern zu bewilligen, oder wälzten sie auf den Bauernstand ab, während sie selbst abgabefrei blieben. Besonders die ostpreußischen Stände wollten nicht zu den allgemeinen Kosten beitragen und pochten auf alte Vorrechte. Der Kurfürst mußte gegen ihre Führer Gewalt anwenden. Dann wurde in allen brandenburgischen Besitzungen unter der Aufsicht kurfürstlicher Beamten für die Städte eine Verkaufssteuer auf Mehl, Bier und Tabak, für das flache Land dagegen eine Grundsteuer d. h. Ackersteuer eingeführt. So mußten alle, auch Adel und Bürger, zu den allgemeinen Lasten beitragen. Die Einnahmen flossen in die gemeinsame Staatskasse. Indem Friedrich Wilhelm die Macht der Stände brach und eine e i n h e i t l i c h e V e r w a l t u n g f ü r a l l e s e i n e L a n d e v o n O s t p r e u ß e n b i s K l e v e e i n r i c h t e t e, i s t e r d e r B e g r ü n d e r d e s b r a n d e n b u r g i s c h – p r e u ß i s c h e n S t a a t e s g e- w o r d e n.

Friedrich Wilhelm wird in Preußen unabhängiger Herzog.

Im Jahre 1656 brach zwischen Polen und Schweden ein Krieg aus. Friedrich Wilhelm hätte die unwürdige polnische Lehnshoheit über Preußen, die dem Ordenslande einst mit Gewalt aufgezwungen war, gern abgeschüttelt (S.76). Aber auch die Schweden waren dem Kurfürsten nicht freundlich gesinnt und hatten bisher immer versucht, ihn in seinen Rechten auf Pommern zu verkürzen. Obgleich Friedrich Wilhelm also keinen Anlaß hatte, den Polen oder Schweden zu helfen, mußte er sich an dem Kriege beteiligen; denn das Herzogtum Preußen lag zwischen den beiden Gegnern. Tat er es nicht, so wurde Preußen verwüstet und dem Sieger behalten. Unter dem Zwange der Verhältnisse trat Friedrich Wilhelm auf Schwedens Seite, und die Polen wurden von den vereinten Schweden und Brandenburgern in der dreitägigen S c h l a c h t b e i W a r s c h a u geschlagen. Schon hierbei hatten sich die Schweden nicht als ehrliche Bundesgenossen erwiesen; nach dem Siege ließen sie sogar den Kurfürsten im Kampfe gegen Polen allein. Da trat Friedrich Wilhelm kurz entschlossen auf des Polenkönigs Seite. Dieser sicherte ihm dafür die Befreiung von der Lehnshoheit über Preußen, sowie die Lande Lauenburg und Bütow zu, die früher zu Hinterpommern gehört hatten. Diese Abmachungen wurden im F r i e d e n v o n O l i v a 1660 bestätigt. So war d e r K u r f ü r s t u n a b h ä n g i g e r H e r z o g v o n P r e u ß e n u n d d a m i t e i n s e l b s t ä n d i g e r e u r o p ä i s c h e r L a n d e s h e r r g e w o r d e n.

Ludwig XIV. Von Frankreich.

Frankreich war damals das mächtigste Land Europas. König Ludwig XIV. Führte eine glänzende Hofhaltung, die von vielen deutschen Fürsten nachgeahmt wurde, so daß französische Sitten, französische Kleidertracht und Sprache in Deutschland eindrangen. – Um sein Reich zu vergrößern, mißbrauchte Ludwig XIV. Seine Macht zu „Raubkriegen“ gegen die Niederlande und Deutschland. Die Schwäche des deutschen Reiches benutzte er, um mitten im Frieden Straßburg an sich zu reißen (1861). Die schöne deutsche Rheinpfalz ließ er in eine Wüste verwandeln und die wehrlosen Städte Speyer, Worms, Heidelberg u.a., sowie über 1000 Dörfer niederbrennen. Nicht einmal die alten deutschen Kaisergräber in Speyer blieben verschont. Das herrliche Heidelberger Schloß wurde in die Lufr gesprengt. Von dieser Zeit an sah das deutsche Volk die Franzosen als seine Erbfeinde an. – Ludwig XIV. Hob auch das Edikt von Nantes auf und suchte seine evangelischen Untertanen mit Gewalt der katholischen Kirche zuzuführen – Zwischen Frankreich und dem deutschen Kaiser entstand wegen der Thronfolge in Spanien später ein langer Krieg, durch den Ludwig sein großes Ansehen in Europa verlor. Der Kaiser wurde in diesem „Spanischen Erbfolgekrieg“ von Preußen unterstützt.

Fehrbellin.

Friedrich Wilhelm hielt sich von der allgemeinen Bewunderung Ludwigs XIV. Fern. Er sprach, schrieb und handelte deutsch. Als der Franzosenkönig über die Niederlande herfiel, erklärte Friedrich Wilhelm: „Wenn des Nachbars Haus brennt, so gilt´s dem eigenen“ und führte seine Truppen gegen die Franzosen an den Rhein. Auch der deutsche Kaiser sandte ein Heer. Da Ludwig XIV. Wußte, daß der Kurfürst sein gefährlichster Gegner war, bewog er die Schweden, unvermutet von

Vorpommern aus in Brandenburg einzufallen. Die märkischen Bauern versuchten vergeblich, sich der Feinde, die das Land furchtbar verwüsteten, zu erwehren. Als Friedrich Wilhelm die Nachricht von dem Friedensbruche empfing, eilte er mit seiner Reiterei und einigen tausend Mann Fußvolk, das auf Wagen gefahren wurde, seinem bedrängten Lande zu Hilfe. So schnell kam er aus Süddeutschland heran, daß Derfflinger die Schweden bei Rathenow überraschen und sich der Stadt bemächtigen konnte. Der Kurfürst blieb seinen Feinden mit seinen Reitern auf den Fersen und zwang sie am 28. Juni 1675 bei F e h r b e l l i n an den Sümpfen des Rheins zur Schlacht. Er selbst geriet mehrmals in das Gewühl des Kampfes, aus dem er nur mit Mühe herausgehauen wurde. (Der Opfertod des Stallmeisters Froben, der allerdings an des Kurfürsten Seite fiel, ist Sage). Die Schweden wurden trotz ihrer Übermacht vollständig geschlagen (Gedicht: Der Große Kurfürst bei Fehrbellin). Der Sieg bei Fehrbellin ist d i e e r s t e s e l b s t ä n d i g e W a f f e n t a t B r a n d e n b u r g s und um so bedeutungsvoller, als er gegen Schweden, das seit dem Dreißigjährigen Kriee als europäische Großmacht galt, erfochten wurde. In ganz Deutschland herrschte Freude, daß ein deutscher Reichsfürst die Ausländer so glänzend besiegt hatte, und Friedrich Wilhelm wurde von nun an „der Große Kurfürst“ genannt. Die Brandenburger verfolgten die Schweden, eroberten Stettin und Strahlsund und besetzten ganz Vorpommern, sowie die Insel Rügen. Als die Schweden einen Einfall in Ostpreußen machten, führte Friedrich Wilhelm seine Truppen mitten im Winter auf Schlitten über das zugefrorene Frische und Kurische Haff und schlug sie auch dort so völlig, daß nur geringe Reste ihres Heeres das damals schwedische Riga erreichten. – Inzwischen aber hatte der deutsche Kaiser ohne den Kurfürsten, dessen wachsende Macht er mißtrauisch betrachtete, mit Ludwig XIV. Frieden geschlossen. Gegen die Schweden und Frankreich konnte Friedrich Wilhelm allein den Kampf unmöglich aufnehmen und mußte daher das eroberte Vorpommern wieder zurückgeben. Voll Bitterkeit über die ihm vom Hause Habsburg widerfahrene Treulosigkeit ließ er zur Friedensfeier über den Text predigen: „ Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht auf Menschen!“ – Noch ein anderes Unrecht fügte ihm der Kaiser zu. Als der letzte Herzog von Liegnitz, Brieg und Wohlau starb (S. 75,7), nahm er diese Herzogtümer für sich. Eine brandenburgische Münze, die damals geprägt wurde, trägt die Inschrift: „Aus meinen Gebeinen wird dereinst ein Rächer erstehen!“

Der Große Kurfürst gründet eine Seemacht.

Durch das ganze Leben Friedrich Wilhelms zieht sich das Bemühen, seine Länder am Seehandel teilnehmen zu lassen. Ein Versuch, mit Kaiser und Reich zusammen eine deutsch-ostindische Handelsgesellschaft zu errichten, mißglückte. Als der Kurfürst 1675 die Schweden aus Vorpommern und den Odermündungen verjagt hatte, nahm er den niederländischen Seefahrer

Jakob Raule in seinen Dienst und gründete eine Flotte von sechs Schiffen. R a u l e w a r d e r e r s t e b r a n d e n b u r g i s c h-p r e u ß i s c h e A d m i r a l . Er eroberte in einer Seeschlacht drei schwedische Kriegsschiffe und erbeutete auf der Ostsee 21 schwedische Handelsschiffe. Als Friedrich Wilhelm Vorpommern wieder herausgeben mußte, zog Raule mit der Flotte nach Königsberg. In der Folgezeit bestand die brandenburgische Kriegsflotte noch ein rühmliches Seegefecht gegen die Spanier, die dem Kurfürsten die Zahlung einer großen Geldschuld verweigerten, und nahm ein spanisches Kriegsschiff, sowie mehrere Handelsschiffe weg. – Später gründete Friedrich Wilhelm die Guinea-Gesellschaft, die in Afrika Handel treiben sollte. Er ließ trotz des Neides der Niederländer, die keinen brandenburgischen Seeverkehr aufkommen lassen wollten, mit Negerhäuptlingen Verträge schließen und errichtete an der Küste von Guinea die befestigten Niederlasssungen „Dorothea“ (so genannt nach seiner zweiten Gemahlin) und „Großfriedrichsburg“. Wegen des Gummihandels besetzte er noch eine Insel an der Küste Westafrikas. Mit Ostfriesland schloß der Kurfürst einen Vertrag, durch den ihm der Hafen von Emden überlassen wurde. Von hier aus war der Handel bequemer als von dem entlegenen Königsberg.

Friedenstätigkeit

L a n d w i r t s c h a f t.

In den Dörfern, die durch den Dreißigjährigen Krieg entvölkert waren, siedelte Friedrich Wilhelm zahlreiche Schweizer und Holländer an. Mit dem Anbau der Kartoffel und des Tabaks machte er in seinen Gärten selbst Versuche, die staatlichen Landgüter erhob er allmählich zu Musterwirtschaften. Die Ackerbürger in den Städten wurden von ihm ermutigt, Gemüse- und Obstbau zu treiben und dazu bei ihren Häusern Gärten anzulegen. Jeder junge Landwirt, der sich verheiraten wollte, mußte erst sechs Obstbäume pflanzen.

G e w e r b e u n d V e r k e h r.

Der Erwerbstätigkeit suchte der Kurfürst aufzuhelfen, indem er selbst Fabriken, z. B. Ein großes Eisenwerk, anlegte. Auch erleichterte er tüchtigen jungen Handwerkern das Meisterwerden, das damals mit erheblichen Kosten verbunden war. Als Ludwig XIV. Das Edikt von Nantes aufhob, ließ er bekannt machen, daß ihm die verfolgten Hugenotten in seinem Lande willkommen wären und er ihnen bei Bau von Häusern und Anlegung von Fabriken Unterstützung leisten, sowie längere Steuerfreiheit gewähren würde. Dadurch gewann er seinem Staate 20 000 geschickte und fleißige Untertanen. Sie gründeten in den Städten, besonders in Berlin, Porzellanfabriken, Teppich- und Seidenwebereien, Goldschmiede- und Uhrmacherwerkstätten usw. und förderten dadurch das Gewerbe. Um den Verkehr zu heben, ließ der Kurfürst Straßen und Brücken bauen. Oder und Spree verband er durch den Müllroser-(Friedrich Wilhelm-)Kanal. Dadurch schuf er zwischen Breslau und Hamburg eine ununterbrochene Wasserstraße, die durch die Mark Brandenburg führte und den Handel in Berlin außerordentlich hob. Zwischen Königsberg und Kleve richtete er eine regelmäßige Post ein, die die große Entfernung in zehn Tagen zurücklegte.

W i s s e n s c h a f t u n d K u n s t.

Friedrich Wilhelm bemühte sich auch, die Bildung seiner Untertanen zu heben. Zu diesem Zwecke gründete er die Bibliothek in Berlin und eine Universität in Duisburg, die später aber wieder einging. Er war auch ein Freund der Künste. Besonders liebt er die niederländische Malerei, die er in seiner Jugendzeit in Holland kennen gelernt hatte. – In religiösen Dingen war der Kurfürst duldsam und verlangte, daß die Anhänger der verschiedenen Konfessionen miteinander in Frieden lebten. Als er den Geistlichen verbot, gegen die Lehren anderer Bekenntnisse zu predigen, verlieh der Kirchenliederdichter Paul Gerhardt im Trotze die Stadt Berlin, obgleich sich der Kurfürst gegen ihn sehr freundlich gezeigt hatte.

Friedrich Wilhelm war der bedeutendste Herrscher seines Jahrhunderts und der e r s t e b r a n d e n b u r g i s c h – p r e u ß i s c h e F ü r s t, d e r s e l b s t ä n d i g i n d i e W e l t e r e i g n i s s e e i n g r i f f. Bei seinem Tode hatte der brandenburgisch-preußische Staat 1 ½ Millionen Einwohner.

Friedrich III. (I.) 1688 – 1713.

Friedrich III. Als Kurfürst. 1688 – 1701.

Friedrich III., der Sohn des Großen Kurfürsten, hatte eine schmächtige, etwas verwachsene Gestalt.

Von Charakter war er gutmütig und milde und wurde deshalb von seinem Volke aufrichtig geliebt. Bei Beginn seiner Regierung erhob er seinen Erzieher, den trefflichen Dankelmann, zu seinem Ratgeber und verwaltete sein Land in der sparsamen Weise seines Vaters. Da er aber von großem Ehrgeize erfüllt war, wollte er es bald dem prunkliebende Franzosenkönige Ludwig XIV. gleichtun. Als Dankelmann ihm über die wachsenden Ausgaben der Hofhaltung Vorstellungen machte, fiel er in Ungnade, und ein anderer Ratgeber, der sich durch Schmeichelei Friedrichs Gunst erworben hatte, trat an seine Stelle. Nun folgte am Hofe ein prächtiges Fest auf das andere. – Als Ludwig XIV. den 3. Raubkrieg gegen Deutschland begann, zog Friedrich III. wie einst sein Vater an den Rhein, und seine Truppen nahmen den Franzosen die von ihnen besetzte Stadt Bonn wieder weg. Der Krieg wurde jedoch vom Kaiser ohne Eifer betrieben, so daß Ludwig XIV. beim Friedensschlusse Straßburg und andere geraubten Reichsstädte behalten konnte.

Friedrich wird König in Preußen.

Friedrich besaß unter allen deutschen Reichsfürsten nächst dem Kaiser das größte Landgebiet, und Brandenburg genoß seit der Zeit seines Vaters hohes Ansehen. Als nun der Kurfürst von Sachsen, dessen Macht der brandenburgischen nachstand, König von Polen wurde, erwachte in Friedrich der glühende Wunsch, ebenfalls die Königswürde zu erlangen. Als deutscher Reichsfürst konnte er es nicht, da es in Deutschland nur einen König gab, nämlich den Kaiser. Friedrich aber war zugleich unabhängiger Herzog in Preußen, das nicht zum Reiche gehörte. Dort war seine Erhebung zum Könige möglich; freilich mußte der deutsche Kaiser ihn als König anerkennen. Der Kurfürst scheute am Hofe zu Wien weder Mühe noch Kosten, um die Zustimmung zu erhalten. Endlich willigte der Kaiser ein, und Friedrich versprach dafür, ihm in dem spanischen Erbfolgekriege 8000 Mann Truppen zu senden. – Nun zog der Kurfürst mit einem großen Gefolge, zu dessen Fortschaffung mehr als 300 Wagen gebraucht wurden, nach Königsberg. Im Saale des Schlosses, wo sich die vornehmsten Männer des Landes und die Stände des Herzogtums Preußen versammelt hatten, war der Thron aufgeschlagen. D o r t s e t z t e F r i e d r i c h III. s i c h s e l b s t u n d s e i n e r G e m a h l i n a m 18. Januar 1701 d i e K ö n i g s k r o n e a u f d a s H a u p t. Unter einem Thronhimmel, der von preußischen Edelleuten getragen wurde, im Purpurmantel und mit der Krone auf dem Haupte, begab er sich dann nach der Kirche, wo die feierliche Salbung durch den Geistlichen stattfand. Mehrtätgige öffentliche Feste folgten auf die Krönung. Der Kurfürst nannte sich von nun an „F r i e d r i c h I., K ö n i g i n P r e u ß e n“. Zum Andenken stiftete er den „Hohen Orden vom schwarzen Adler“, der die Inschrift trägt: „ Suum cuique“ d.h. „Jedem das Seine“. Für die Bewohner aller brandenburgisch-preußischen Lande kam nun der Name P r e u ß e n auf. – Dem Kaiser hielt der neue König sein Versprechen treulich, und unter der Führung des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau erwarben sich preußische Truppen im Kampfe gegen Frankreich hohen Ruhm.

Pflege von Kunst und Wissenschaft.

Wie sein Vorbild Ludwig XIV. förderte auch Friedrich I. Kunst und Wissenschaft. In Berlin wurde die Straße „Unter den Linden“ und ein neuer Stadtteil, das Friedrichsviertel, angelegt. Unter

der Leitung des Baumeisters und Bildhauers Schlüter entstanden das gewaltige Königliche Schloß und das Zeughaus. Auf der Brücke, die am Schloße über die Spree führt, erhob sich das von Schlüter entworfene und in Erz gegossene, herrliche Denkmal des Großen Kurfürsten. Seiner Gemahlin Sophie Charlotte erbaute der König das Schloß Charlottenburg und umgab es mit einem schönen Parke. Er begründete auch in Berlin die Akademie der Wissenschaften, in der sich die gelehrtesten Männer seines Landes zu gemeinsamer Arbeit vereinigten. In Halle wurde eine neue Universität errichtet, an der berühmte Lehrer wirkten, z. B. Der fromme A u g u s t H e r m a n n F r a n c k e, d e r S c h ö p f e r des großen Waisenhauses.

Sophie Charlotte.

Die Gemahlin Friedrichs I., die geistvolle Sophie Charlotte von Hannover, liebte das geräuschvolle Hofleben mit den häufigen Festlichkeiten nicht und zog sich nach ihrem stillen Schloße Charlottenburg zurück. Dort sammelte sie einen Kreis von gelehrten Männern um sich, mit denen sie sich über die schwierigsten Fragen der Wissenschaft unterhielt.

Letzte Regierungszeit.

In den letzten Jahren der Regierung Friedrichs I. wurde Ostpreußen von einer furchtbaren Pest heimgesucht. Sie raffte 200 000 Menschen, den dritten Teil der Bevölkerung, hinweg. Die langen Kriege, zu denen der König seine Truppen entsandt hatte, und die verschwenderische Hofhaltung verschlangen ungeheure Geldsummen. Daher hinterließ Friedrich I. Trotz der sehr hohen Steuern, die für das Volk kaum zu erschwingen waren, seinem Nachfolger eine große Schuldenlast. – Der Umfang des Staates war gewachsen. Durch Erbschaft (von Luise Henriette her) und durch Kauf waren einige Gebiete am Rheine und an der Ems zu Preußen gekommen.

Friedrich Wilhelm I. 1713 – 1740.

Charakter und Lebensweise.

Friedrich Wilhelm I. hatte als Kronprinz die Verschwendung am Hofe mit Mißfallen gesehen. Nachdem er seinem Vater eine glänzende Leichenfeier gehalten hatte, schaffte er ohne weiteres den kostspieligen Hofstaat ab. Nur wenige unentbehrliche Hofbeamte behielt er. Sein Sinn war auf das Nützliche gerichtet. Wissenschaft und Kunst, deren Nutzen er nicht einsah, schätzte er gering. Er besaß einen derben geraden Charakter, wurde aber leicht heftig und rücksichtslos. Von seinen Untertanen verlangte er unbedingten Gehorsam, Fleiß und Sparsamkeit. Versuchte ihm jemand zu widersprechen, so gebrauchte er mit dem Ausrufe: „Räsonier er nicht!“ ohne Ansehen der Person den dicken Rohrstock, den er auf seinen Ausgängen zu tragen pflegte. Den Torschreiber von Potsdam, der den Bauern frühmorgens nicht rechtzeitig öffnete, prügelte er einst mit den Worten:

„Guten Morgen, Herr Torschreiber!“ aus dem Bette. Von den Frauen, die Obst an den Straßenecken feilhielten, verlangte er, daß sie strickten oder spannen, wenn sie nicht Käufer abzufertigen hatten. Müßiggänger taten gut, dem Könige weit aus dem Wege zu gehen. – In seiner eigenen Lebensweise gab Friedrich Wilhelm I. das Beispiel der Einfachheit und Sparsamkeit, und der königliche Haushalt unterschied sich kaum von dem eines wohlhabenden Bürgers. Wenige, einfach zubereitete Gerichte kamen in Zinngeschirr auf den Tisch, und leichtes Bier war das gewöhnliche Getränk. Der schlichte blaue Soldatenrock war des Königs tägliche Kleidung, und von seiner Zeit an wurde es bei den Fürsten Brauch, Uniform zu tragen. Die großen, teuren Perücken, die bisher üblich waren, schaffte der König ab. Er band sein Haar in einen kurzen Zopf, und diese Haartracht wurde bald allgemein Sitte (Zopfzeit!).

Sorge für das Heer.

Der König war mit Leib und Seele Soldat und brachte das p r e u ß i s c h e K r i e g s h e e r, d e s s e n B e g r ü n d e r e r g e w o r d e n i s t, allmählich auf 83 000 Mann. Das ganze Land wurde in Bezirke eingeteilt, von denen jeder eine bestimmte Zahl Soldaten stellen mußte. Von dieser Maßregel wurde jedoch fast nur der Bauernstand betroffen; die Bürger waren in der Regel vom Militärdienste frei. Um die Kraft des dünnbevölkerten Landes zu schonen, wurde auf diese Weise aber nur die Hälfte der Soldaten zusammengebracht. Die übrigen ließ der König in außerpreußischen Ländern anwerben, wobei nicht selten Gewalt und List gebraucht wurde. Wer Soldat war, mußte es bleiben, solange seine Kräfte ausreichten; die Landeskinder wurden aber jährlich zur Ernte längere Zeit beurlaubt. Die Zucht war hart; denn man meinte, die Soldaten ohne Prügel nicht ausbilden und in Ordnung halten zu können. Ausreißer wurden grausam mit Ruten geschlagen oder mit dem Tode bestraft. Die Offiziere ernannte der König selbst und nahm sie fast nur aus dem grundbesitzenden Adelstande, damit sie bei späterer Dienstunfähigkeit nicht Not litten. Er gründete auch Kadettenanstalten, auf denen junge Edelleute für den Kriegsdienst erzogen wurden. – Bei der Ausbildung des Heeres wurde der König von dem Fürsten Leopold von Anhalt, „dem alten Dessauer“, unterstützt. Dieser führte den gleichen Schritt und den eisernen Ladestock ein. Die Soldaten wurden geübt, in drei Gliedern dicht geschlossen und in schnurgeraden Linien vorzurücken, dabei von Zeit zu Zeit gleichzeitig Feuer abzugeben und im Marsche wieder schnell zu laden. Man nahm am liebsten hochgewachsene Leute, weil diesen das Laden der Gewehre leichter wurde. Friedrich Wilhelm I. hatte eine große Vorliebe für diese „langen Kerls“. Trotz seiner sonstigen Sparsamkeit gab er große Summen aus, wenn er einen besonders langen Mann anwerben konnte. Das Potsdamer Leibregiment, dessen Oberst der König selbst war, bestand aus lauter Riesen. Es gewährte einen prächtigen Anblick, wenn die stattlichen Männer, die auf dem Kopfe hohe Blechmützen trugen, ihre Übungen abhielten. Bei aller Strenge sorgte der König väterlich für seine „blauen Kinder“. Er erlaubte ihnen zu heiraten und baute ihnen in Potsdam kleine Wohnhäuser, in denen sie nebenher ein Handwerk betrieben. Sie durften ihm auch ihre Wünsche persönlich vortragen. Wenn den König die Gicht plagte, beschäftigte er sich damit, die längsten seiner Leibgrenadiere abzumalen. Eine Anzahl dieser Bilder mit der Unterschrift des Königs „Gemalt unter großen Schmerzen“ ist jetzt noch vorhanden. In Potsdam, das Friedrich Wilhelm sehr liebte, und das er erst zu einer ansehnlichen Stadt gemacht hat, errichtete er ein großes Militärwaisenhaus. – Für die Verteidigung des Landes wurde durch Ausbau der Festungen Spandau, Küstrin und Magdeburg gesorgt.

Friedrich Wilhelm I. als Landesvater.

a) V e r w a l t u n g.

Wenn der König zur Besichtigung der Truppen im Lande umherreiste, achtete er mit scharfen Augen darauf, daß seine Beamten treu ihre Pflicht erfüllten; unfähige und unehrliche setzte er rücksichtslos ab. Um so sparsam wie möglich zu wirtschaften, richtete er die O b e r r e c h n u n g s k a m m e r ein, die sämtliche Ausgaben der Verwaltung genau nachprüfen mußte. In der Behörde, die an der Spitze der verschiedenen Verwaltungszweige stand, dem „Generaldirektorium“, führte er selbst den Vorsitz. Auf diese Weise gelang es ihm, überall musterhafte Ordnung herzustellen und einen gewissenhaften Beamtenstand zu schaffen. Die Steuerfreiheit der Rittergüter hob Friedrich Wilhelm I. auf, obgleich sich der Adel, besonders in Ostpreußen heftig dagegen sträubte. Den Städten nahm er das Recht, sich selbst zu verwalten; die Bürger konnten ihm aber bestimmte Männer als Bürgermeister vorschlagen. Auf den Dörfern vertraten die Edelleute oder doe Pächter der königlichen Güter die Obrigkeit. – In der Rechtspflege verlangte der König schnelle Entscheidung der Prozesse. Gerichtliche Urteile, die ihm nicht gefielen, änderte er nicht selten eigenmächtig ab.

b) A c k e r b a u.

Als viele Tausende prostestantischer Bewohner des Bistums Salzburg ihres Glaubens wegen die Heimat verließen, bot ihnen Friedrich Wilhelm I. in seinem Lande eine Zuflucht. In Ostpreußen, das durch die Pest fast entvölkert

war, siedelte er 18 000 Sazburger an und gründete dort über 300 Dörfer und eine Anzahl Städte. Außer reichlichem Ackerlande, Vieh und Ackergeräten gab der König das Holz zum Bau von Wirtschaftsgebäuden und gewährte neunjährige Steuerfreiheit. Auch zahlreichen Ansiedlern aus Schwaben und Franken bereitete er in Ostpreußen eine neue Heimat. – Die Havelsümpfe wurden auf Befehl des Königs trocken gelegt, so daß fruchtbare Äcker und fette Wiesen an ihrer Stelle entstanden. Er ließ auch Bauernmädchen in der Bereitung von Butter und Käse ausbilden und belohnte die tüchtigsten, nachdem er selbst die von ihnen hergestellte Butter gekostet hatte. Um Hungersnöten vorzubeugen, richtete er in den Städten große Kornlager ein, in denen man in guten Jahren Getreide aufspeicherte. Auf den königlichen Gütern wurden die Lasten und Fronden den Bauern erheblich gemildert; auf den Gütern des Adels durften die Hof- und Spanndienste wenigstens nicht vermehrt werden. Bauerngüter einzuziehen, war den Edelleuten aufs strengste untersagt.

G e w e r b e.

Um das einheimische Gewerbe zu heben, verbot Friedrich Wilhelm, die

Einfuhr fremder Waren, besonders englischer Tuche, und gründete in Berlin eine Wollweberei, in der die Stoffe für das Heer angefertigt wurden. Wenn er Leute antraf, deren Kleider aus englischem Tuche angefertigt waren, gebrauchte er rücksichtslos seinen Stock. – Die Stadt Berlin suchte er zu verschönern und zu vergrößern. Wohlhabende Bürger zwang er mit den Worten: „Der Kerl hat Geld, soll bauen!“ zur Errichtung neuer Häuser. – Für den Wert der afrikanischen Kolonien besaß der König leider kein Verständnis und verkaufte sie, weil sie zu wenig einbrachten; die Kriegsflotte ließ er eingehen.

K i r c h e u n d S c h u l e.

Friedrich Wilhelm I. war von aufrichtiger Frömmigkeit und besuchte den Gottesdienst fleißig, haßte aber alle religiösen Streitigkeiten. Er hat in Berlin ein großes Krankenhaus, die Charité, und zahlreiche Kirchen bauen lassen. – Besondere Sorgfalt widmete er der Volksschule. Er bestimmte, daß alle Kinder vom 5. bis 12. Lebensjahre die Schule besuchten, und bereitete damit die allgemeine Schulpflicht vor. Über 1800 neue Landschulen hat er errichten lassen, darunter fast 1200 in Ostpreußen. Auf seinen Besichtigungsreisen erschien der König mitunter auch selbst in den Schulen, um die Kinder zu prüfen.

Erwerbungen.

Als der Spanische Erbfolgekrieg beendet wurde, erhielt Preußen den größten Teil von Geldern (westlich vom Rheine); im Nordischen Kriege erwarb Friedrich Wilhelm I. Vorpommern bis zur Peene mit Stettin und den Inseln Usedom und Wollin.

Der Nordische Krieg.

Seit dem Dreißigjährigen Kriege beherrschten die Schweden die Länder an der Ostsee. Dies war nicht nur für Deutschland, sondern auch für Rußland und Polen, die dadurch fast völlig vom Seeverkehr abgeschnitten waren, sehr ungüngstig. Im Anfange des 18. Jahrhunderts versuchte daher der Zar (Kaiser) Peter der Große von Rußland, die Schweden von Düna und Newa zu vertreiben. Nach mancherlei Wechselfällen belagerten die Russen Stettin und wollten sich in Vorpommern festsetzen. Um sie nicht zu Grenznachbarn der Mark Brandenburg zu bekommen, zahlte ihnen Friedich Wilhelm I. die Kosten der Belagerung und nahm die Stadt in preußische Verwaltung. Beim Friedensschlusse erhielt er den größten Teil Vorpommerns. Schweden, das auch die Elb- und Wesermündung einbüßte, behielt noch das Land nördlich der Peene und die Insel Rügen.

Friedrich Wilhelms I. Verhältnis zu Kaiser und Reich.

Friedrich Wilhelm empfand es schmerzlich, daß sich fremde Völker fortwährend in die Angelegenheiten des deutschen Reiches mischten. Er sagte einmal: „Kein Engländer oder Franzose soll über uns Deutsche gebieten, und meinen Kindern will ich Pistolen und Degen in die Wiege geben, daß sie die fremden Nationen aus Deutschland helfen abhalten!“. Soviel er vermochte, unterstützte er deshalb den Kaiser, obwohl dieser, wie alle sein Vorgägnger seit dem Westfälischen Frieden, nur das Wohl seiner österreichischen Lande im Auge hatte. – Der damalige deutsche Kaiser Karl VI. war der letzte männliche Habsburger. Er wünschte, daß seine Tochter Maria Theresia nach seinem Tode die österreichischen Lande erbte, und suchte dies durch ein Gesetz zu erreichen. Zu diesem mußten aber die deutschen Fürsten erst ihre Zustimmung erteilen; denn Frauen waren bisher in Deutschland nicht berechtigt gewesen, den Thron zu besteigen. Friedrich Wilhelm I. willigte ein, und der Kaiser versprach, ihm dafür das Herzogtum Berg zu verschaffen, auf das Preußen Erbansprüche besaß. Später erfuhr der König aber, daß der Kaiser das Herzogtum Berg einem andern Fürsten zugesagt hatte. Tief erbittert über diese Kränkung deutete er auf seinen Sohn, den Kronprinzen, und rief aus: „Da steht einer, der mich rächen wird!“.

Lothringen geht dem deutschen Reiche verloren.

Während Friedrich Wilhelm I. In Preußen regierte, brach zwischen Frankreich und dem Kaiser wegen der Erbfolge in Polen ein Krieg aus. Friedrich Wilhelm I. sandte dem Kaiser 10 000 Mann zu Hilfe. Der Krieg wurde aber lässig geführt, und es kam zum Schaden des Reiches zu einem unrühmlichen Ländertausche, bei dem das alte deutsche Herzogtum Lothringen an Frankreich fiel (1766).

Das Tabakskollegium.

Erholung von seiner unermüdlichen Tätigkeit fand König Friedrich Wilhelm I. auf der Jagd, die er sehr liebte. – Des Abends besuchte der König gewöhnlich das Tabakskollegium. In einem Zimmer, das mit Hirschgeweihen geschmückt, sowie mit Holzstichen und Stühlen versehen war, kamen Minister und Generale mit ihm zusammen. Auf Nebentischen stand Brot, Butter und kaltes Fleisch, von dem jeder nach Belieben nehmen konnte. Man trank Bier und rauchte dabei aus langen Tonpfeifen. Der König sah es gern, daß jeder, auch wenn er nicht rauchte, die Pfeife im Munde hielt. In diesem vertrauten Kreise wurden oft die wichtigsten Staatsangelegenheiten besprochen; man vertrieb sich aber auch manchmal die Zeit mit Späßen, die meist recht derb waren.

Des Königs Tod.

Durch seine rastlose Arbeit und die anstrengenden Reisen rieb Friedrich Wilhelm I. seine Gesundheit auf. Mutig und im steten Glauben an seinen Erlöser sah er dem Tode entgegen. Er starb im Alter von 52 Jahren. Seinem Nachfolger hinterließ er einen festgeordneten Staat mit einem ehrlichen, anspruchslosen Beamtenstande, ein musterhaft ausgebildetes Heer von 83 000 Mann, einem Staatsschatz von mehr als 10 Millionen Talern und ein an Sparsamkeit, Arbeit und Gehorsam gewöhntes Volk. Friedrich I. hatte die Königskrone erworben; Friedrich Wilhelm I. hat den Grund zu der späteren Größe des jungen Königreiches gelegt.

Friedrich der Große 1740 – 1786.

Friedrichs Erziehung.

Friedrich wurde am 24. Januar 1712 geboren. Sein Vater wollte ihn so erziehen, daß nicht „der Sohn einmal des Vaters Arbeit zerstörte“. Er sollte ein guter Christ, ein sparsamer Hausvater und ein tüchtiger Soldat werden. Bis zum 11. Lebensjahr des Prinzen ging alles nach des Königs Wunsche, und er hatte eine innige Freude, wenn sein Fritz trommelte oder Schildwache stand. Bald aber zeigte sich, daß der Sohn andre Neigungen hatte als der Vater. Fritz besaß einen lebhaften Sinn für die Wissenschaften, dichtete französische Verse und erlernte heimlich das Flötenspiel, sowie die lateinische Sprache. Die militärischen Übungen fand er langweilig, das Tabakskollegium sogar roh. Voll Sorge merkte der König die Veränderung; er nannte seinen Sohn „einen lauen Christen und faulen Soldaten“ und klagte: „ Fritz ist ein Querpfeifer und Poet; er wird mir die ganze Arbeit verderben!“ Aber die herben Worte fruchteten nichts. Als dem Könige vollends gemeldet wurde, daß sein Sohn einen lockeren Lebenswandel führe und Schulden mache, entlud sich sein Zorn in schimpflichen Mißhandlungen des schon 18jährigen Prinzen. Er warf ihm Mangel an Ehrgefühl vor und sagte häufig: „Hätte mein Vater mich so behandelt wie ich dich, ich wäre längst davongelaufen“.

Friedrichs Fluchtversuch.

Da beschloß Friedrich, heimlich zu entfliehen. Sein Freund der Leutnant von Katte, wollte ihm dabei behilflich sein. Auf einer Reise an den Rhein, bei der er seinen Vater begleiten mußte, unternahm er einen Fluchtversuch. Aber der Plan war verraten worden; Friedrich wurde ergriffen und gefangen erst nach Wesel, dann nach Küstrin gebracht. Des Königs Zorn kannte keine Grenzen. Bei dem ersten Verhöre drohte er seinen Sohn mit dem Degen zu durchbohren. Er stieß ihn als einen Fahnenflüchtligen, der den Tod verdient habe, aus dem Heere und wollte ihn von der Thronfolge ausschließen. Der Prinz und Katte wurden dann vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Offiziere aber, die als Richter dabei tätig waren, weigerten sich, über den Kronprinzen zu urteilen, weil er durch seine Geburt hoch über ihnen stände, und beharrten trotz der Ungnade des Königs bei dieser Meinung. Den Leutnant von Katte verurteilten sie zu lebenslänglicher Festungshaft. Der König verschärfte dieses Urteil und ließ Katte hinrichten. Der Kronprinz wurde in Küstrin in strenger Haft gehalten, und erst nach ¾ Jahren zeigte sich der König gegen ihn milder gestimmt. Friedrich mußte aber in Küstrin bleiben und an der Regierungsbehörde, der „ Kriegs- und Domänenkammer“, fleißig arbeiten, damit er die Verwaltung des Landes genau kennen lernte.

Der sehr tüchtige Vorsteher der Kammer wies ihn darauf hin, von welcher Wichtigkeit der Besitz des fruchtbaren und gewerbfleißigen Schlesiens, sowie die ungehinderte Schiffahrt auf der Oder für Brandenburg und Pommern sein würde.

Versöhnung mit dem Vater.

Nach eineinhalb Jahren nahm der König den Prinzen wieder in Gnaden auf. Er durfte zur Hochzeit seiner Schwester nach Berlin kommen und wurde zum Oberst eines Infanterieregiments ernannt. Die Zeit in Küstrin war eine harte Schule für den Prinzen gewesen. Als sein Vater ihm bald darauf die Prinzessin Christine von Braunschweig, eine Verwandte des Kaisers, zur Gemahlin bestimmte, fügte er sich schweigend, wenn auch mit tiefem Schmerze. Um das Lob des Königs zu verdienen, widmete er sich mit großem Eifer der Ausbildung seines Regiments. Er lernte seinen Vater auch jetzt besser verstehen Als er im Polnischen Erbfolgestreite (S.87) an den Rhein gesandt wurde, um den Krieg kennen zu lernen, sah er mit Stolz, wieviel besser die preußischen Truppen waren als die kaiserlichen, und auf einer Reise nach Ostpreußen erkannte er mit Staunen und Bewunderung, was sein Vater für die Wohlfahrt des Landes geleistet hatte. Der König war mit ihm zufrieden und schenkte ihm das Schloß Rheinsberg bei Neu-Ruppin. Dort hat Friedrich sich ungestört mit Dichtkunst, Musik, Geschichte und anderen Wissenschaftten beschäftigt und im Kreisee von Freunden vier glückliche Jahre verlebt.

Friedrich wird König.

Als Friedrich Wilhelm I. Sein Ende nahen fühlte, rief er den Kronprinzen an sein Lager. Völlig versöhnt, schloß er den Sohn in die Arme und warnte ihn sterbend vor dem Hause Habsburg, von dem Preußen nur Undank geerntet habe. – Nach seiner Thronbesteigung traf Friedrich einige Veränderungen. Er schaffte die Folter bei der Rechtspflege ab und ließ den Zeitungen, die bis dahin nur drucken durften, was ihnen zuvor erlaubt worden war, mehr Freiheit. Den Religionsbekenntnissen gegenüber war er dehr duldsam und erklärte: „ Hier muß ein jeder nach seiner Fasson selig werden!“. Die Akademie der Wissenschaften erneuerte er. An der sparsamen Staatsverwaltung aber wurde nichts geändert. Gleich seinem Vater wollte Friedrich alles selbst beaufsichtigen, „sein eigner Minister sein“. Die Potsdamer Riesengarde löste er zwar auf, errichtete jedoch für das Geld, das sie gekostet hatte, neue Regimenter, so daß das Heer auf 90 000 Mann anwuchs.

Maria Theresia.

Nach dem Tode Karls VI., des letzten Habsburgers, trat seine Tochter Maria Theresia die Herrschaft über die österreichischen Erblande an. Sie verheiratete sich mit Franz von Lothringen und wollte die Wahl ihres Gemahl zum Kaiser durchsetzen. Der Kurfürst von Bayern, der mit den Habsburgern verwandt war, erkannte aber die weibliche Erbfolge nicht an und erhob Anspruch auf Land und Kaiserkrone. – Da die Versprechungen, die Friedrich Wilhelm I. einst erhalten hatte, nicht erfüllt worden waren (S. 87,5), machte Friedrich II. die alten Rechte Preußens auf Schlesien geltend; denn schon der Große Kurfürst hatte seinen nachkommen eingeschärft, beim Aussterben der Habsburger Anspruch auf die schlesischen Herzogtümer zu erheben. Maria Theresia aber nahm mutig den Kampf um ihr Erbe und die Kaiserkrone auf.

Der erste Schlesische Krieg.

Friedrich bot Maria Theresia an, ihr gegen ihre Feinde zu helfen und die Wahl ihres Gemahls zum Kaiser zu unterstützen, wenn sie ihm Schlesien überließe. Sie lehnte jedoch das Ansinnen des Königs ab, das nach ihrer Meinung unerhört war. Da überschritt dieser schnell entschlossen mit 20 000 Mann die österreichische Grenze, nahm in kurzer Zeit den größten Teil Schlesiens, wo nur geringe kaiserliche Besatzungen standen, in Besitz. Im Jahre 1741 kam es zwischen Österreichern und Preußen zu der Schlacht bei M o l l w i t z. Gleich zu Anfang war die österreichische Reiterei die preußische völlig über den Haufen. Sodann aber zeigte sich die Überlegenheit des preußischen Fußvolks. Unerschütterlich hielt es den feindlichen Reitern stand, ging hierauf unter dem Oberbefehl des Generals Grafen Schwerin wie eine „lebende Mauer“ in schnurgeraden Linien enggeschlossen auf den Feind los und schlug ihn gänzlich in die Flucht. – Im folgenden Jahre besiegte Friedrich die Österreicher nochmals. Da schloß Maria Theresia, die von ihren andern Feinden hart bedrängt war, mit ihm den F r i e d e n z u B r e s l a u, in dem sie Schlesien mit der Grafschaft Glatz an Preußen abtrat. (Karte“) – Friedrich richtete in der neuerworbenen Provinz sogleich preußische Verwaltung ein, hob Truppen aus und baute Festungen. Außerdem verbesserte er seine Reiterei und sammelte einen Kriegsschatz; denn er wußte wohl, daß Maria Theresia versuchen würde, Schlesien zurückzuerobern.

Der zweite Schlesische Krieg.

Nach dem Frieden von Breslau hatte sich Maria Theresias Lage erheblich gebessert. Der Kurfürst von Bayern, der als Karl VII. Deutscher Kaiser geworden war, wurde von ihr aus seinem Lande vertrieben. Dann richtete sie das Augenmerk auf die Wiedererwerbung Schlesiens, „der Perle in der Krone des Hauses Österreich“, und schloß mit dem Kurfürsten von Sachsen zu diesem Zwecke ein Bündnis. Da zog Friedrich zum zweiten Male das Schwert und rückte in Böhmenein. Bei H o h e n f r i e d b e r g (1745) fiel er unvermutet über die vereinigten Österreicher und Sachsen her und erfocht einen herrlichen Sieg. Die preußische Reiterei tat sich hier glänzend hervor. Die Bayreuth – Dragoner überritten 18 feindliche Bataillone und eroberten 66 Fahnen Noch in demselben Jahre schlug Leopold von Anhalt – Dessau die sächsischen Truppen bei K e s s e l s d o r f. Bald darauf wurde in D r e s d e n der Friede geschlossen (1745). Friedrich blieb im Besitz von Schlesien, erkannte aber Maria Theresias Gemahl Franz als Kaiser an. – Durch die beiden ersten Schlesischen Kriege war Preußens Macht so gestiegen, daß es im deutschen Reiche ebenbürtig neben Österreich trat; zugleich war es eine G r o ß m a c h t geworden, deren Stimme im Rate der Völker Europas gehört werden mußte. Den jungen Preußenkönig aber nannte man „Friedrich den Großen“.

Zehn Jahre Friedenszeit.

In der nun folgenden Friedenszeit war der König eifrig für das Wohl des Landes tätig. Das Heer vermehrte er auf 140 000 Mann und führte zur Ausbildung der Truppen alljährliche große Herbstübungen (Manöver) ein. Er sammelte auch einen Kriegsschatz von 14 Millionen Talern. – Erholung fand Friedrich in der Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft. Auf einer Anhöhe bei Potsdam ließ er nach selbstentworfenen Plänen das Lustschloß Sanssouci (ohne Sorge) errichten und versammelte dort einen Kreis gelehrter Männer um sich. Der König schmückte sein Schloß mit herrlichen Gemälden und mit auserlesenen Werken der Bildhauerei. Eifrig pflegte er dienstagMusik und spielte selbst bei den abendlichen Konzerten meisterlich die Flöte. In Berlin erbaute er das Opernhaus. Friedrich verfaßte auch verschiedene gelehrte Schriften in französischer Sprache, für die er von Jugend auf eine besondere Vorliebe hatte.

Der Dritte Schlesische oder Siebenjährige Krieg 1756 – 1763.

V o r b e r e i t u n g e n.

Maria Theresia konnte den Verlust Schlesiens nicht überwinden und bewog die Kaiserin von Rußland, sowie den König von Frankreich und den Kurfürsten von Sachsen zu einem Bündnisse gegen Preußen. Später traten noch Schweden und das deutsche Reich den Feinden Friedrichs bei. Man verabredete eine völlige Teilung des preußischen Staates; Friedrich sollte nur Brandenburg behalten. Diesem gewaltigen Bunde gegenüber konnte der König nur auf die Unterstützung einiger norddeutschen Staaten (Hannover, Braunschweig, Gotha, Hessen-Kassel, Schaumburg-Lippe) rechnen. England, das in Nordamerika mit Frankreich wegen seiner Kolonien kämpfte, sagte ihm Hilfsgelder zu und versprach, durch seine Flotte die preußische Ostseeküste gegen Russen und Schweden zu schützen. – Im Jahre 1757 wollten die Feinde gemeinsam über Preußen herfallen. Friedrich erhielt jedoch von dem Plane Kenntnis und beschloß, ihnen zuvorzukommen.

b) 1 7 5 6 und 1 7 5 7.

Im Jahre 1756, ehe seine Gegner die Rüstungen beendet hatten, besetzte Friedrich unvermutet Sachsen und schloß die sächsischen Truppen bei P i r n a ein. Dort mußten sie sich gefangen geben, nachdem das Heer, das ihnen Maria Therisia zu Hilfe sandte von Friedrich bei L o w o s i t z besiegt worden war. Das Kurfürstentum Sachsen wurde nun völlig in preußische Verwaltung genommen und mußte Geld und Soldaten liefern. – Im folgenden Jahre rückten die feindlichen Heere von allen Seiten gegen Preußen heran. Ihren Truppen, die fast 500 000 Mann betrugen, konnte der König kaum 200 000 Mann entgegenstellen. In dieser furchtbaren Lage schrieb er an seinen Minister: „ Wenn ich das Unglück hätte, gefangen zu werden, verbiete ich, daß man auf meine Person die geringste Rücksicht nehme; man soll alsdann meinem Bruder Gehorsam leisten.“ Friedrich wendete sich zuerst gegen seine Hauptfeinde, die Österreicher. Sie hatten bei P r a g eine fast uneinnehmbare Höhenstellung inne, die von den preußischen Truppen trotz größter Tapferkeit nicht erobert werden konnte. Da ergriff der greise Feldmarschall Graf Schwerin die Fahne eines weichenden Bataillons und führte das Fußvolk nochmals zum Sturme vor. Diesmal gelang der Angriff, und ein herrlicher Sieg wurde erfochten. Aber er war teuer erkauft. Unter den Toten befand sich auch der tapfere Schwerin, seines Königs bester Feldherr. – Als Friedrich darauf Prag belagerte, rückte ein zweites österreichisches Heer unter dem vorsichtigen General Daun zum Entsatze heran. Der König warf sich ihm entgegen und erlitt bei K o l i n gegen den übermächtigen Gegner seine erste Niederlage. Die Folgen waren schwer. Die Feinde Friedrichs, bei denen die preußischen Truppen für unüberwindlich gegolten hatten, faßten frischen Mut. Die Russen schlugen die Truppen, die Ostpreußen verteidigten.

General Winterfeldt, Friedrichs vertrautester Freund, fiel in einer unglücklichen Schlacht gegen die Österreicher. Berlin wurde von feindlichen Streifscharen gebrandschatzt, und die Franzosen rückten zusammen mit der deutschen Reichsarmee auf Magdeburg . Gegen sie ging Friedrich zuerst vor. Bei R o ß b a c h (5. November 1757) versuchten die mehrfach überlegenen Feinde die preußische Stellung zu umgehen, um Friedirch mit seinem ganzen Heere gefangen zu nehmen. Aber blitzschnell kam ihnen der König zuvor. Plötzlich donnerten die preußischen Kanonen gegen die Feinde, die sich noch im Marsche befanden, und Friedrichs jüngster Reiterführer, der erst 27jährige Seydlitz warf sich auf sie. Ehe noch das preußische Fußvolk recht zum Angriffe kommen konnte, war die Schlacht schon entschieden. Franzosen und Reichstruppen befanden sich in wildester Flucht, 70 Geschütze waren erobert. Über diesen glänzenden Sieg erhob sich in ganz Deutschland großer Jubel. Friedrich wurde in zahlreichen Volksliedern als Deutschlands Held gefeiert, und selbst am kaiserlichen Hofe zu Wien empfand man Schadenfreude, daß die hochmütigen Franzosen die Schärfe der preußischen Waffen auch einmal kennen gelernt hatten. Von der Zeit an übergab Friedrich die Führung des Feldzugs gegen die Franzosen seinem Schwager, dem Herzoge Ferdinand von Braunschweig. Dieser erwies sich als geschickter Feldherr und besiegte die Franzosen im Laufe des Krieges noch mehrmals. (1758 bei Krefeld, 1759 bei Minden.) – Inzwischen aber waren die Österreicher tief nach Schlesien eingedrungen und hatten die Festungen Schweidnitz und Breslau erobert. In Gewaltmärschen eilte Friedrich herbei und trat dem dreimal so starken Feinde, der das kleine preußische Heer spöttisch die „Potsdamer Wachtparade“ nannte, am 5. Dezember 1 7 5 7 bei L e u t h e n entgegen. Vor der Schlacht, von deren Ausgang das Schicksal Preußens abhing, versammelte Friedrich seine höheren Offiziere und richtete eine zündende Ansprache an sie. Das preußische Fußvolk warf den Feind der durch geschickte Truppenbewegungen Friedrichs über das Ziel des preußischen Angriffs getäuscht worden war, auf einem Flügel zurück, und General Zieten sorgte mit der Reiterei dafür, daß er sich nicht von neuem ordnen konnte. Die Erstürmung des Dorfes Leuthen vollendete den Sieg (Gedicht: Choral von Leuthen). Schlesien war wieder frei.

1 7 5 8 – 1 7 6 1.

Während das preußische Heer gegen die Österreicher im Felde stand, waren die Russen bis Küstrin vorgedrungen und hatten in der Neumark übel gehaust. Bei Z o r n d o r f, nordöstlich von Küstrin, griff sie Friedrich an. Seydlitz entschied durch rechtzeitiges Eingreifen mit der Reiterei die blutige Schlacht. Dann eilte der König nach Sachsen zurück, um die Österreicher aufzuhalten. Aber der General Daun wich fortgesetzt dem Kampfe aus. Da wurde Friedrich unvorsichtig und lagerte bei H o c h k i r c h in unmittelbarer Nähe der Österreicher in ungünstiger Stellung, obgleich ihn seine Generale dringend warnten. In einer nebeligen Oktobernacht überfiel Daun das preußische Lager. Doch auch in dem furchtbaren Nachtgefechte bewährte sich die preußische Kriegszucht. Friedrich verlor zwar einen großen Teils einer Geschütze, aber seine Soldaten, die durch den Donner der Kanonen aus dem Schlafe geweckt wurden, ordneten sich so schnell und kämpften mit so todesverachtender Tapferkeit, daß er sich ungehindert zurückziehen konnte. – Trotz der schweren Niederlage vermochte er Schlesien und Sachsen halten. – Im folgenden Kriegsjahre (1759) gelang es den Russen und Österrei-chern, sich zu vereinigen, so daß sie gemeinsam auf Berlin vordringen konnten. Um die Mark zu retten, stellte sich Friedrich ihnen bei K u n e r s d o r f in der Nähe von Frankfurt a. O. Entgegen. Seine Truppen, die schon seit 2 Uhr morgens auf dem Marschee waren, hatten anfangs Erfolg; jedoch an dem glühendheißen Augusttage erlahmte nach und nach ihre Kraft, und sie konnten den frischen feindlichen Truppen nicht mehr widerstehen. Seydlitz wurde schwer verwundet und mußte das Schlachtfeld verlassen. Mit Mühe gelang es dem Könige, mit einer Schar zusammengeraffter Soldaten unter eigener, höchster Lebensgefahr den Rückzug zu decken. 500 Offiziere, 18 000 Mann waren gefallen, der Rest des Heeres strömte aufgelöst nach der Oder zurück. Der preußische Staat schien verloren zu sein; der König selbst brach unter der Wucht des Unglücks körperlich und geistig zusammen und mußte den Oberbefehl abgeben. Aber schon drei Tage später hatte er sich wieder erholt. Die Uneinigkeit der Gegner wurde seine Rettung. Die Russen waren erzürnt, daß sich die Österreicher den Sieg von Kunersdorf allein zuschrieben, und ihr Feldherr weigerte sich, auf Berlin zu marschieren. Dadurch gewann Friedrich Zeit, sein Heer zu sammeln und zu ordnen. Aber noch weiteres Unglück sollte das Jahr 1759 bringen. Dresden fiel in die Hände der Österreicher und eine Heeresabteilung von 13 000 Mann wurde von Daun gefangen. Nur der hervorragenden Geschicklichkeit seines Bruders Heinrich, „des einzigen Generals, der nie einen Fehler gemacht hat“, hatte es Friedrich zu danken, daß Sachsen trotzdem gehalten wurde.

Im Jahre 1760 schlug Friedrich die Österreicher bei L i e g n i t z und bei T o r g a u, wo Zieten noch in später Nachtstunde die feindlichen Stellungen stürmte (Gedicht: Joachim Hans von Zieten); 1 7 6 1 aber war der König nicht stark genug, um den Feinden in

offener Schlaht entgegenzutreten. Er bezog in Schlesien ein festes Lager, in dem ihn die Feinde nicht anzugreifen wagten. In Sachsen standen sich Prinz Heinrich und Daun gegenüber, beide zu vorsichtig, um sich in eine Schlacht einzulassen. Friedrichs Lage wurde immer düsterer. Die wichtige Festung Schweidnitz ging verloren; Kolberg wurde von den Russen erobert, und zum ersten Male nahmen die feindlichen Truppen auf preußischen Boden ihre Winterquartiere ( 1761/62). Um das Unglück voll zu machen, trat England von dem Bündnissse mit Friedrich zurück. Preußen schien dem Untergange nahe zu sein.

1762 und 1763.

Da trat unvermutet eine Wendung ein: die Kaiserin Elisabeth von Rußland starb. Ihr Nachfolger, ein Bewunderer Friedrichs, schloß nicht nur sofort Frieden mit dem Könige, sondern stellte sogar die russischen Truppen, die bisher gegen Friedrich gefochten hatten, unter dessen Befehl. Der neue Herrscher wurde zwar bald darauf von seiner Gemahlin ermordet, aber diese erneuerte den Krieg gegen Preußen nicht, wenn sie auch von dem Bündnisse zurücktrat. – Friedrich schlug Daun bei B u r k e r s d o r f und eroberte Schweidnitz zurück. Prinz Heinrich siegte bei F r e i b e r g in Sachsen, wo Seydlitz sich wiederum glänzend hervortat. Preußische Reiter streiften nun weit in die feindlichen süddeutschen Staaten hinein, so daß auch diese einmal die schweren Lasten des Krieges kennen lernen und den Frieden herbeisehnten. Maria Theresia sah sich von ihren Verbündeten verlassen; ihr Land war durch den Krieg furchtbar verschuldet, während Friedrich „immer noch den letzten Taler in der Tasche behielt“. So mußte sie sich zum Frieden bequemen, der 1 7 6 3 in H u b e r t u s b u r g, einem Jagdschlosse bei Liepzig, endlich zustande kam. F r i e d r i c h b e h i e l t S c h l e s i e n m i t d e r G r a f s c h a f t G l a t z; P r e u ß e n s W a f f e n g i n g e n a u s d e m l a n g e n K a m p f e g e g e n E u r o p a u n b e s i e g t h e r v o r.

Friedrich als Landesvater.

a) D e r a l t e F r i t z.

Die furchtbaren Aufregungen und Anstrengungn des Siebenjährigen Krieges hatten den König vorzeitig alt gemacht. In abgetragenem blauen Rocke, mit hohen Stiefeln, ein dreieckiges Hütchen auf dem Kopfe und mit dem Krückstocke in der Hand sahen ihn die Berliner auf seinem Schimmel durch die Straßen reiten. Er hielt seinen kleinen hageren Körper ein wenig nach vorn geneigt, und seine großen, blauen Augen schienen jedem bis auf den Grund der Seele zu schauen. So steht er noch bis heute als „der alte Frietz“ dem preußischen Volke vor Augen. Mit eiserner Pflichttreue, einfach sparsam und gerecht, arbeitete er für das Wohl vor seines Staates, dessen „erster Diener er sein wollte.“ Als ihm die Gicht den Gebrauch der rechten Hand erschwerte, lernte er im Alter noch mit der linken schreiben. Alle Teile der Staatsverwaltung standen unter seiner strengen Aufsicht.

b) D e r G r o ß g r u n d b e s i t z.

Friedrich wünschte, daß jeder Untertan in seinem Stande bleiben sollte, weil er so für den Staat und sich selbst am nützlichsten wirken könnte. Der Bauer sollte das Feld bearbeiten, der Bürger Handel oder Gewerbe treiben, der Edelmann als Großgrundbesitzer sich mit Landwirtschaft beschäftigen und als Offizier oder Verwaltungsbeamter dem Staate dienen. Die Söhne des Adels hatten sich in den Kriegen als hervorragende Offiziere erwiesen; manche Familie hatte 20 und mehr ihrer Glieder auf dem Schlachtfelde verloren. Daher wurden den Edelleuten, denen der König das regste Ehrgefühl zutraute, die Offizierstellen vorbehalten; nichtadelige Offiziere duldete Friedrich höchstens bei der Artillerie. Er verbot den Verkauf von Rittergütern an Bürger und sah es ungern, wenn Edelleute bürgerliche Frauen heirateten. Um den Adel, der durch den Krieg verarmt war, auf den großen Gütern zu erhalten, gewährte er ihm Darlehen gegen geringe Verzinsung.

A c k e r b a u.

Zunächst galt es für Friedrich, seinem Lande das in dem langen Kriege gewaltige Opfer an Gut und Blut gebracht hatte, wieder aufzuhelfen. Er schenkte bedürftigen Bauern die Abgaben und ließ viele Militärpferde, die nach dem Kriege überflüssig geworden waren, sowie Saatkorn umsonst verteilen. Um Arbeitskräfte für den Ackerbau zu beschaffen, entließ er viele Landeskinder aus dem Heere und stellte dafür Fremde ein. – Aus Holland wurde gutes Rindvieh bezogen. Besondere Mühe gab sich der König in den sandigen Gegenden der Mark und Hinterpommerns den Kartoffelbau einzubürgern. Nur den Zwange gehorchend, pflanzten die Bauern das neue Gewächs, dessen Wert sie in einem schlechten Getreidejahr endlich schätzen lernten. Sumpfige Landstriche wurden entwässert und dadurch in fruchtbares Ackerland verwandelt. Im Oderbruche entstanden 40 neue Dörfer mit 1200 Familien. Im ganzen hat Friedrich mehr als 1000 Dörfer gegründet und dafür 40 Millionen Taler ausgegeben. Daher konnte er mit berechtigtem Stolze sagen, er habe „mitten im Frieden eine Provinz erobert.“ Auf den königlichen Gütern erleichterte der König das Los der Bauern; Edelleute, die die Bauern übel behandelten, strafte er schonungslos und ohne Ansehen der Person.

H a n d e l u n d G e w e r b e.

Schon vor dem Siebenjährigen Kriege hatte sich der König eifrig bemüht, den Handel zu heben. Da es damals weder Eisenbahnen noch feste Straßen gab, konnte man große Mengen von Gütern nur auf den Flüssen und Kanälen fortschaffen. Auf Friedrichs Befehl entstand der Plauesche Kanal zwischen Elbe und Havel, sowie der Finow-Kanal zwischen Oder und Havel. Alles, was die Bewohner Preußens gebrauchten, sollte im Lande selbst hervorgebbracht werden. Um mit den englischen Tuchwaren den Wettbewerb aufzunehmen, ließ der König das spanische Merinoschaf einführen, das feinere Wolle trägt. Papiemühlen, Samt- und Seidenwebereien wurden angelegt und zur Zucht der Seidenraupe zahlreiche Maulbeerbäume angepflanzt. In Berlin gründete Friedrich die Königliche Porzellanmanufaktur, die bald einen Weltruf erlangte. – Die Schlesier konnten, seitdem sie Preußen geworden waren, ihre Leinwaren nicht mehr wie bisher nach Österreich verkaufen; der Absatz nach Brandenburg und Pommern ersetzte aber den Ausfall nicht. Da verwies sie Friedrich auf den Seehandel. Er ließ die Swine schiffbar machen und Swinemünde bauen; Stettin wurde der Hafen für die Ausfuhr. Bald ging schlesische Leinwand in alle Welt. Außerdem gründete Friedrich für den Verkehr mit den überseeischen Ländern die preußisch-ostindische Handelsgesellschaft in Emden (Emden war 1744 mit Ostfriesland durch Erbschaft an Preußen gefallen). Leider ging im Siebenjährigen Kriege der eben erblühende Seehandel wieder zugrunde.

Daß der König die K r i e g s f l o t t e nicht erneuert hatte, sollte sich im Siebenjährigen Kriege hart bestrafen. Da die verbündeten Engländer trotz ihres Versprechens keine Schiffe zum Schutze der preußischen Küsten nach der Ostsee sandten, vernichteten Schweden und Russen den preußischen Seehandel vollständig. Die Engländer selbst rissen den preußischen Seeverkehr an sich und knüpften sogar mit Friedrichs Feinden , den Russen, Handelsverbindungen an. Letztere schnitten die von ihnen belagerte Festung Kolberg durch ihre Schiffe vom Meere ab, so daß sie sich aus Mangel an Zufuhr ergeben mußte; die Schweden konnten ungehindert ihre Truppen, die gegen Preußen fechten sollten, über die Ostsee senden. Der König versuchte während des Krieges schnell eine Flotte zu schaffen: er kaufte zwölf Handelsschiffe, bemannte sie aus Mangel an Seeleuten zum Teil mit Landtruppen und wollte mit ihnen die Odermündungen verteidigen. Aber in einer Seeschlacht wurde die kleine Flotte mit den ungeeigneten Fahrzeugen und ungeübten Mannschaften vernichtet. Trotz der Tapferkeit der Besatzungen wurden zehn Schiffe genommen oder in die Luft gesprengt. – Das Versäumte ließ sich nicht nachholen.

S t e u e r w e s e n.

Auf Tabak, Kaffee und Salz legte friedrich hohe Abgaben. Zur Leitung des Steuerwesens berief er Franzosen, die darin besondere Erfahrungen besaßen. Nur der Staat durfte Kaffee, Tabak und Salz verkaufen, wer von andern kaufte und z. B. heimlich selbst Kaffee brannte, verfiel in Strafe. Die Steuerbeamten waren sehr verhaßt und wurden zum Spott „Kaffeeriecher“ genannt. – Auch der Postverkehr wurde streng beaufsichtigt; zur Beförderung von Briefen durfte nur die staatliche Post benutzt werden.

R e c h t s p f l e g e.

Bis zu Friedrichs Zeit erhielten die Richter die Gerichtskosten. Sie zogen daher nicht selten die Prozesse in die Länge, damit die Gebühren recht hoch wurden. Friedrich der Große verminderte die Zahl der Richter, gab ihnen Gehälter und bestimmte, daß jeder Rechtsstreit in einem Jahre erledigt werde. Die Kosten flossen in die Staaskasse. Friedrich ließ auch, „das allgemeine preußische Landrecht“, ein Gesetzbuch, ausarbeiten, das bis 1900 in Geltung geblieben ist. Vor dem Gesetze waren alle Preußen gleich; auch der König stellte sich unter das Recht. So schuf Friedrich der Große den preußischen Richterstand und machte Preußen zu einem Rechtsstaate (Erzählung vom Müller zu Sanssouci).

S c h u l e.

Durch ein Gesetz, das „General-Land-Schulreglement“, wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt und die Schulaufsicht geordnet. Für die Heranbildung eines tüchtigen Lehrerstandes sorgte Friedrich durch Gründung von Lehrerseminaren. In einzelnen Fällen stellte er auch alte Soldaten als Lehrer an; sie mußten aber ihre Befähigung durch eine Prüfung nachweisen.

Erwerbung Westpreußens.

Das Königreich Polen (Hauptstadt Warschau) war von inneren Streitigkeiten und häufigen Bürgerkriegen zerrissen. Der zahlreiche übermütige Adel hielt die gänzlich verkommenen Bauern in Knechtschaft; einen Bürgerstand gab es nicht. Da der nicht mehr lebensfähige polnische Staat eine Gefahr für die Nachbarn war, kamen Rußland, Österreich und Preußen überein, die an ihre Länder grenzenden Gebiete Polens in Besitz zu nehmen und nur einen Teil als Königreich weiterbestehen zu lassen. Bei dieser Teilung Polens (1772) fiel Westpreußen außer Danzig und Thorn, sowie das Gebiet an der Netze Friedrich dem Großen zu, so daß zwischen Ostpreußen und Brandenburg-Pommern nunmehr die Verbindung hergestellt war (Karte!). Da nun das ehemalige Ordensland Preußen fast ganz zu seinem Staate gehörte, nannte sich Friedrich von dieser Zeit an „König von Preußen“.

Das neuerworbene Gebiet befand sich freilich in jammervollem Zustande. Ganze Landstriche waren unbebaut; Wölfe machten im Winter nicht selten den Verkehr unmöglich. Die Häuser lagen selbst in den Städten in Schutt und Trümmern, und die Menschen wohnten nicht selten zusammen mit ihren Haustieren in Kellern und Erdhöhlen. Ohne Schulen, ohne ordentliches Gericht, ohne Post, ohne Ärzte und Apotheken lebte das Volk in fast tierischer Roheit stumpf dahin. Unter der Fürsorge Friedrichs, der sofort eine geordnete Verwaltung einführte, blühte das Land schnell auf. Der Netzebruch wurde entwässert; bald verband der Bromberger-Kanal Weichsel und Oder; Straßen wurden gebaut, Schulen errichtet und deutsche Handwerker in das Land gezogen. In wenigen Jahren wendete Friedrich 7 Millionen Taler zu Verbesserungen auf. Seine Arbeit hatte so sichtbare Erfolge, daß benachbarte polnisch gebliebene Landschaften ihn baten, auch preußisch werden zu dürfen. Deutsches Wesen und deutsche Bildung, die durch die lange Polenherrschaft fast vernichtet worden waren, zogen auf diese Weise jetzt von neuem in das alte Ordensland ein. – Westpreußen verdankt sein Blühen und Gedeihen einzig und allein der preußischen Verwaltung.

Friedrich der Große und das deutsche Reich.

Noch einmal mußte Friedrich gegen Österreich das Schwert ziehen. Als die Kurfürsten von Bayern ausstarben, wollte der Kaiser das Land an sich nehmen. Friedrich erhob dagegen Einspruch und rückte mit seinen Truppen in Böhmen ein. Ehe es aber zu Feindseligkeiten kam, gab der Kaiser nach, und Bayern fiel an die Verwandten des verstorbenen Kurfürsten. Später schlossen sich mehrere deutsche Fürsten mit Friedrich zu einem Bunde zusammen, um unter Preußens Führung Schutz gegen die Erweiterungsgelüste des Kaisers zu finden.

Friedrichs Lebensende.

Friedrich der Große war ein einsamer Mann geworden. Seine alten Freunde waren gestorben; seine Gemahlin Christine lebte entfernt von ihm und hat bei seinen Lebzeiten Sanssouci nie betreten. Auch das geliebte Flötenspiel hatte Friedrich aufgeben müssen.

Trotz körperlicher Leiden sorgte er aber von früher Morgenstunde an mit eisernem Fleiße für sein Land. „Jedermann wußte, daß er sein ganzes Leben an diese Arbeit gesetzt und sie seit 45 Jahren noch nicht einen einzigen Tag versäumt hatte.“ Im August 1786 verschied der große König. – Der Staat hatte sich unter Friedrichs Regierung um die Hälfte vergrößert und zählte sechs Millionen Einwohner. Das Heer war auf 200 000 Mann angewachsen; in der Staatskasse befand sich ein Schatz von 54 Millionen Talern. – Die S t a a t e n d e s d e u t s c h e n R e i c h e s s p a l t e- t e n s i c h s e i t d e r Z e i t F r i e d r i c h s d e s G r o ß e n b i s z u m 1866 i n z w e i G r u p p e n. D i e e i n e s c h l o ß s i c h a n d a s h a b s b u r g i s c h e K a i s e r h a u s, d i e a n d r e a n d a s K ö n i g s h a u s d e r H o h e n z o l l e r n a n.

Friedrich Wilhelm II. 1786-1797

Sein Wesen und seine Neigungen.

Da Friedrich der Große keine Kinder hinterließ, folgte ihm sein Neffe Friedrich Wilhelm II. In der Regierung. Er hatte eine stattliche Gestalt und ein wohlwollendes, offenes Wesen. Wegen seiner Freundlichkeit war er bei seinen Untertanen sehr beliebt. Er redete die Leute nicht mehr wie

bisher üblich gewesen war, mit „Er“ an, sondern gebrauchte das höflichere „Sie“. – Den Staatsgeschäften war er fern geblieben und verstand wenig von ihnen; es fehlte ihm aber auch an Willenskraft und Beharrlichkeit. Daß er sogleich die Tabak- und Kaffeezölle beseitigte und die französischen Beamten entließ, erregte viel Freude; freilich mußte er die verhaßten Steuern später wieder einführen. – Am Hofe zu Berlin entwickelte sich bei äußerlicher Frömmigkeit bald ein fröhliches Genußleben. Der König überließ die Geschäfte unwürdigen Günstlingen, die ihm zu

schmeicheln und seine Freigebigkeit auszubeuten verstanden. – Der Wissenschaft und Kunst jedoch widmete er große Fürsorge. Durch ihn gelangte auf dem Theater, in dem bisher nur französische Schauspiele gegeben worden waren, die deutsche Dichtung zur Herrschaft. Die Musik liebte er sehr und spielte selbst das Cello. Der König ließ auch das schöne Brandenburger Tor errichten, auf dem die Siegesgöttin auf einem von vier Rossen gezogenen Wagen dargestellt ist. – Unter seiner Regierung wurden die ersten festen Landstraßen (Chausseen) in Preußen gebaut.

Erwerbungen.

Das Königreich Polen wurde zur Zeit Friedrich Wilhelms II. völlig aufgeteilt. Preußen erhielt neben den für den Handel wichtigen Städten Danzig und Thorn weitere polnische Gebiete. Sie waren jedoch bei ihrem verkommenen Zustande und der deutschfeindlichen Bevölkerung kein rechter Gewinn. Preußen, das bisher ein rein deutsches Land gewesen war, wurde dadurch ein deutsch slawisches Mischreich. Es war daher kein Schade, daß die meisten polnischen Besitzungen nach Friedrich Wilhelms Tode wieder verloren gingen.

Die französische Revolution.

Der französische Staat war durch das üppige Hofleben der Herrscher in ungeheure Schulden geraten. Adel und Geistlichkeit, in deren Händen sich der weitaus größte Teil des Landbesitzes befand, waren von den allgemeinen Lasten frei. Auf dem Bürger- und Bauernstande dagegen ruhte ein unerträglicher Steuerdruck. Ludwig XVI., der damalige König, der mit einer Tochter Maria Theresias vermählt war, bemühte sich vergeblich, die unglücklichen Zustände zu bessern. Im Jahre 1789 brach in Paris unter den unzufriedenen Volksmassen ein Aufruhr aus. Edelleute und Geistliche waren bald ihres Lebens nicht mehr sicher und mußten aus Frankreich flüchten. Auch die königliche Familie wollte sich nach Deutschland in Sicherheit bringen, wurde aber unterwegs erkannt und zur Umkehr gezwungen. Ehrgeizige Männer bemächtigten sich der Herrschaft und bald entstand in Paris eine blutige Schreckensherrschaft. Der König wurde für abgesetzt und Frankreich zur Republik erklärt.

Wer in den Verdacht kam, ein Freund des Königs oder des Adels zu sein, wurde mit dem Fallbeile hingerichtet, so daß Tausende ihr Leben verloren. Österreich und Preußen wollten dem unglücklichen Könige zu Hilfe kommen und erklärten an Frankreich den Krieg. Sie konnten aber nicht hindern, daß Ludwig XVI. Und seine Gemahlin 1793 auf dem Blutgerüste hingerichtet wurden. – Die Einrichtungen des französischen Staats wurden durch die Revolution schnell und gewaltsam umgestaltet. Leibeigenschaft und Frondienste wurden abgeschafft, alle Vorrechte und Steuerfreiheiten aufgehoben. Die Bürger waren vor dem Gesetze gleich und konnten zu allen Ämtern in Staat und Heer gelangen. Sie besaßen volle Religionsfreiheit und das Recht, in Wort und Schrift ihre Meinung offen zu äußern. Die Zünfte wurden aufgehoben, Gewerbe- und Handelsfreiheit eingeführt. Das Volk nahm durch gewählte Abgeordnete an der Regierung des Landes teil. Da diese „bürgerliche Freiheit“ aber plötzlich und gewaltsam eingeführt wurde, entstanden in Frankreich lange und blutige Bürgerkriege. Unzählige unschuldige Menschen verloren dabei ihr Leben oder Hab und Gut (Lied von der Glocke: der Aufruhr). Auch mit allen benachbarten Völkern wurden die Franzosen durch die Revolution in schwere Kriege verwickelt.

In den andern Staaten Europas führte man die bürgerliche Freiheit allmählich und auf friedlichem Wege ein. Gegen die deutschen Heere wurde in Frankreich das ganze Volk zu den Waffen gerufen. Junge, verwegene Generale erfochten gegen die wohlgeschulten deutschen Truppen Siege, indem sie eine neue Fechtart anwendeten. Bei dieser gingen dichte Schützenschwärme in Unordnung vor den geschlossenen Truppenteilen her und brachten den Gegner durch ihr Gewehrfeuer in Unordnung. – Friedrich Wilhelm II. trat bald von den Bündnissen mit Österreich zurück und schloß in Basel mit Frankreich Frieden. Er willigte dabei sogar in die Abtretung seiner Besitzungen am linken Rheinufer und erhielt dafür das Versprechen, daß er für diesen Verlust auf andre Weise entschädigt werden sollte. Seit dem Frieden von Basel warf man den Preußen, dessen früheres Ansehen bedenklich gesunken war, undeutsches Verhalten vor.

Preußen beim Tode Friedrich Wilhelms II.

Als Friedrich Wilhelm II. starb, ging der preußische Staat dem Verfalle entgegen. Bei Heer und Beamten, die an strenge Aufsicht durch den Herrscher gewöhnt waren, zeigten sich Unsicherheit und Unzuverlässigkeit. Trotz der stetig drohenden Kriegsgefahr und der angewachsenen Bevölkerung war die Armee nur wenig vermehrt worden. Obgleich die Truppen der französischen Republik durch ihre Siege bewiesen, daß ein von Vaterlandsliebe erfülltes Heer die glänzendsten Heldentaten zu verrichten vermochte, und daß die bisherige Kriegsführung (der Angriff in enggeschlossenen Reihen) veraltet war, hielt man in Preußen an dem Hergebrachten hartnäckig fest. Die Soldaten bestanden noch zum größten Teile aus landfremden Söldnern, die durch den Stock in Zucht gehalten wurden und nebenher meist ein Handwerk betrieben. Die Offiziere waren stolz auf die Siege Friedrichs des Großen, hielten das preußische Heer für unüberwindlich und sahen hochmütig auf die andern Stände herab. An der Spitze der Armee standen greise Generale, denen es an Tatkraft fehlte. Der Staatsschatz war aufgezehrt, und Schulden drückten das Land.

Unfähige und willensschwache Männer, die allen Fortschritten und Verbesserungen abgeneigt waren, nahmen hohe Stellungen in der Verwaltung ein. Die Bevölkerung wurde von den Behörden ängstlich bevormundet. Die alte Einfachheit der Sitten und die Bereitwilligkeit, für das Vaterland Opfer zu bringen, waren allmählich im preußischen Volke geschwunden. An ihre Stelle war die Sucht nach bequemem Lebensgenusse und der Eigennutz getreten. Die Bürger standen dem Staatsleben, an dem sie nicht teilnehmen durften, gleichgültig gegenüber. Die Bauern waren, wie fast überall im deutschen Reiche, noch den Edelleuten erbuntertänig.

Deutsche Zustände am Ende des 18. Jahrhunderts.

Am Ende des 18. Jahrhunderts trug Franz II. Die Krone. Er war der letzte Kaiser des gänzlich verfallenen deutschen Reiches. Die Herrscher der zahllosen kleinen Länder wachten eifersüchtig über ihre Selständigkeit und bemühten sich, teils die prunkvolle Hofhaltung der französischen Könige, teils das soldatische Wesen Friedrich des Großen nachzuahmen. Der Adel eiferte in Lebensweise, Benehmen und zierlicher Tracht den Franzosen nach. – Der Bürgerstand hatte bei der Ohnmacht des Reiches die Freude an dem gemeinsamen deutschen Vaterlande verloren und suchte dafür Ersatz in der Pflege des Geistlebens. Ihm verdankt Deutschland jene großen Männer, die durch ihre unsterblichen Werke eine noch nie erreichte Blüte der Dichtkunst und Musik hervorriefen. Der kunstsinnige Herzog K a r l A u g u s t v o n W e i m a r vereinigte an seinem Hofe eine Anzahl von Dichtern, unter denen S c h i l l e r und G o e t h e dem deutschen Volke am liebsten geworden sind. In Wien lebten die großen Musiker M o z a r t und B e e t h o v e n.

Napoleon I. und der Untergang des Deutschen Reiches.

Napoleon I.

Unter den Generalen der jungen französischen Republik ragte besonders Napoleon Bonaparte hervor. Er wurde auf der Insel Korsika als Sohn eines Rechtsnwalts geboren, erhielt seine Erziehung auf einer Kriegsschule und wurde dann Artillerieoffizier. Aus Ehrgeiz schloß er sich der Revolution an und brachte es schon im Alter von 27 Jahren zum General. Er war von kleiner Gestalt und finsterer, verschlossener Gemütsart. – Als Österreich im Bunde mit Rußland und England gegen die französische Republik kämpfte, wurde Bonaparte Befehlshaber in Norditalien, besiegte dort die Österreicher und zwang sie zum Frieden. – Bald darauf entbrannte ein zweiter Krieg. Bonaparte, der inzwischen unter dem Titel „Erster Konsul“ an die Spitze der französischen Republik gestellt worden war, schlug die Österreicher wiederum und nötigte sie, das linke Rheinufer an Frankreich abzutreten. – Begeistert durch seine Siege wählten ihn die Franzosen zum Konsul auf Lebenszeit. Wenige Jahre später (1804) machte sich Bonaparte mit kluger Benutzung seiner hohen Stellung und mit Hilfe der Armee, die ihn schwärmerisch verehrte, unter dem Namen „Napoleon I.“ zum erblichen Kaiser der Franzosen. – In einem dritten Kriege Frankreichs gegen Österreich, Rußland und England eroberte Napoleon I. Wien

Und schlug die Österreicher und Russen (1805) in der furchtbaren Dreikaiserschlacht bei Austerlitz (Franz II., Alexander I. von Rußland und Napoleon I.). Die eroberten Länder schenkte er seinen Verwandten und Günstlingen, die er zu Königen oder Herzögen machte und mit Prinzessinnen aus den alten Fürstenfamilien verheiratete.

Der Untergang des deutschen Reiches.

Diejenigen deutschen Fürsten, die ihre linksrheinischen Besitzungen an Frankreich abgetreten hatten, sollten durch andre Gebiete entschädigt werden. Im Jahre 1803 kam es daher zu einer Verteilung des Reichsgebietes, wobei aber Frankreich bestimmenden Einfluß ausübte. Die geistlichen Fürsten, außer dem Erzbischofe von Mainz, verloren ihre Länder gänzlich, und viele Reichsstädte wurden zu Landstädten gemacht. Im ganzen wurden 112 kleine Staaten eingezogen. Preußen erhielt davon die Bistümer Hildesheim und Paderborn, Teile von Münster und Mainz, sowie die Reichsstädte Goslar, Nordhausen und Mühlhausen i. Th. – Nach der Schlacht bei Austerlitz schlossen sechzehn westdeutsche Fürsten den „Rheinbund“. Sie stellten sich unter den Schutz Napoleons, dem sie den Befehl über ihre Truppen überließen, und sagten sich vom deutschen Reiche los. Als Belohnung verschaffte ihnen Napoleon Gebietserweiterungen und verlieh ihnen Königs- und Großherzogstitel. Der Rheinbund, dem später noch Sachsen und andre Länder beitraten, zählte schließlich 40 Staaten: deutsche Fürsten dienten einem fremden Eroberer, der mit deutschen Truppen seine Siege erfocht. Da legte Franz II. die deutsche Kaiserwürde nieder und erklärte (1806) das heilige Römische Reich deutscher Nation für aufgelöst. S o g i n g d a s d e u t s c h e R e i c h n a c h f a s t t a u s e n d j ä h r i g e m B e s t e h e n r u h m l o s u n t e r .

Der Deutsche Bund und das neue deutsche Reich.

Friedrich Wilhelm III.

König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise.

Friedrich Wilhelm III. war unter der Aufsicht seines Großoheims, des „alten Fritz“, einfach und schlicht erzogen worden. Pflichttreu und sittlich ernst, von wortkargem, oft kurzem Wesen, bemühte er sich, gegen jedermann gerecht zu sein. In seiner Gemahlin, der schönen und liebenswürdigen Prinzessin Luise von Mecklenburg=Strelitz, besaß er eine kluge und willensstarke Lebensgefährtin, die ihn im Unglück durch ihr Gottvertrauen ermutigte und aufrichtete. — Dem glänzenden Leben am Hofe Friedrich Wilhelms II. waren Friedrich Wilhelm und Luise abgeneigt. Sie weilten ungern in dem vornehmen Stadtschlosse zu Potsdam, das ihnen der prachtliebende König als Wohnsitz zugewiesen hatte, und zogen sich oft nach dem Gute Paretz bei Potsdam zurück. Dort führte Friedrich Wilhelm mit seiner Gemahlin und seinen Kindern das einfache Leben eines Landedelmanns. Er nahm an den Freuden und Leiden der Dorfbewohner Anteil und ließ ſeine Luiſe gern die „gnädige Frau“, sich selbſt den „Schulzen von Paretz“ nennen. Beide tanzten fröhlich am Erntefeste unter der Dorflinde mit, und der gütigen Kronprinzessin machte es besonderes Vergnügen, bei solchen Gelegenheiten die zahlreichen Kinder des Ortes zu beschenken. Auch als Friedrich Wilhelm III. im Alter von 27 Jahren den Thron bestieg, blieb sein Familienleben den Untertanen ein leuchtendes Vorbild deutscher Zucht und Sitte.

Erste Regierungszeit.

Friedrich Wilhelm III. fand bei Übernahme der Regierung Preußen von schweren Schulden bedrückt. Durch sparsame Wirtschaft gelang es ihm aber, in acht Jahren die Hälfte davon abzutragen. Beim Heere freilich war diese Sparsamkeit nicht angebracht. Um keine Ruhe¬ gehälter zahlen zu müssen, ließ Friedrich Wilhelm viele alte Generale, die längst nicht mehr kriegstüchtig waren, in ihren Stellungen. Die Soldaten hatten sehr schweres Gepäck zu tragen, und die Gewehre waren schlecht und verbraucht. Trotzdem unterblieben Verbesserungen in Ausrüstung und Bewaffnung. Der König liebte Neuerungen überhaupt nicht, weil er sie auf die französische Revolution zurückführte. Daher wurde auch das Heerwesen in dem Zustande belassen, in dem es sich zur Zeit Friedrichs des Großen befunden hatte. Der König hoffte nämlich, durch Friedensliebe seinem Volke das Unglück eines Krieges ersparen zu können.

Jena und Auerstädt.

Als Österreich im Bunde mit Rußland und England 1805 zum dritten Male gegen Frankreich kämpfte, zogen französische Truppen durch preußisches Gebiet, obgleich Preußen am Kriege nicht beteiligt war. Der Gesandte, den Friedrich Wilhelm III. wegen dieser Rechtsverletzung zu Napoleon sandte, wurde mit Ausflüchten hingehalten, bis Österreicher und Russen bei Austerlitz geschlagen waren. Als dann Napoleon von diesen Feinden nichts mehr zu befürchten hatte, führte er gegen Preußen eine hochmütige Sprache, drängte ihm Hannover auf, bot aber bald darauf dieses Land England an. So zwang er durch Hinterlist und verächtliche Behandlung Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1806 zum Kriege, als dieser gegen ihn allein stand. Mit großer Zuversicht zogen die preußischen Offiziere, die längst schon den Krieg gegen den übermütigen Eroberer gewünscht hatten, ins Feld. Zwei Heere unter Ferdinand von Braunschweig und dem Fürsten Hohenlohe traten den Franzosen und den Truppen des Rheinbundes, die überraschend schnell über den Thüringer Wald vordrangen, entgegen. Die preußische Vorhut unter Prinz Louis Ferdinand von Preußen wurde am 10. Oktober 1806 bei S a a l – f e l d geschlagen; Louis Ferdinand starb im Kampfe mit französischen Reitern den Heldentod.

Am 14. Oktober kam es zur Entscheidungsschlacht. Fürst Hohenlohe unterlag bei J e n a den kriegsgewohnten, leicht beweglichen Truppen und dem überlegenen Feldherrngeschicke Napoleons. Ferdinand von Braunschweig wurde an demselben Tage bei A u e r s t ä d t unvermutet angegriffen und verlor gleich bei Beginn der Schlacht durch einen Schuß beide Augen. Bald befand sich die Armee trotz der Tapferkeit einzelner Abteilungen in voller Flucht: das preußische Heer, das zur Zeit des großen Friedrichs der ganzen Welt Trotz geboten und bisher für unbeſiegbar gegolten hatte, war geſchlagen.

Der Zusammenbruch des preußischen Heerwesens.

Die alten Generale wurden von furchtbarem Schrecken befallen und verloren völlig Ruhe und Beſinnung. Die starken Feſtungen Erfurt, Magdeburg, Spandau, Küstrin, Stettin, die den Feind lange Zeit hätten aufhalten können, wurden mit Kriegsvorräten und Besatzungen ohne Schwertstreich übergeben. Schon zehn Tage nach der Schlacht bei Jena konnte Napoleon in Berlin als Sieger einziehen, und nur mit Mühe brachte der Minister von Stein die Staatskasse in Sicherheit. Hohe Kriegssteuern wurden dem besetzten Lande aufgelegt. Viele Kunst- schätze, u. a. die Siegesgöttin vom Brandenburger Tore, ließ Napoleon nach Paris bringen; auch Hut und Degen Friedrichs des Großen wurden als Siegesbeute weggeführt. –

Die Trümmer der preußiſchen Armee ergaben ſich bei Prenzlau. Der General B l ü c h e r aber wahrte den alten preußiſchen Waffenruhm. Er schlug sich tapfer mit einer kleinen Abteilung bis Lübeck durch, mußte sich jedoch schließlich aus Mangel an Lebensmitteln und Pulver gleichfalls gefangen geben. In K o l b e r g hinderte die Bürgerschaft unter Führung des alten, entschloſſenen Schiffskapitäns N e t t e l b e c k den altersschwachen Kommandanten, die Stadt zu übergeben. Auf ihre Bitte sandte der König den M a j o r von G n e i s e n a u zur Leitung der Verteidigung. Dieser hielt die Festung, trotzdem sie furchtbar beschossen wurde, bis zum Friedensschlusse, kräftig unterstützt von den Bürgern und dem tapfern Husarenrittmeister von Schill. Zuch einige andre kleine Festungen wurden wacker verteidigt: in G r a u d e n z forderten die Franzosen den alten General v o n C o u r b i è r e auf, die Feſtung zu übergeben; denn „es gäbe keinen König von Preußen mehr“. Er antwortete stolz: „So gibt es wenigstens noch einen König von Graudenz“ und hielt die ihm anvertraute Feſte. Die Treue und Tüchtigkeit einzelner mutiger Männer konnte jedoch das Unglück nur wenig aufhalten.

Aber nicht nur im Heere, auch bei einem großen Teile des preußischen Volkes schienen Vaterlandsliebe und Mannesmut geschwunden zu sein. Statt zu versuchen, dem Feinde Widerstand zu leisten und die Schmach von Jena auszulöschen, zeigte die Bevölkerung dem geschlagenen Heere gegenüber offene Schadenfreude und unterwarf sich willig der französischen Herrschaft. Deutsche Zeitungen druckten Siegeslieder der Franzosen und Lobreden auf ihre Feldherren. Man buhlte sogar offen um die Gunst Napoleons, indem man ihn in den Städten feierlich empfing.

Die Flucht der königlichen Familie.

Die königliche Familie war nach der Niederlage von Jena und Auerstädt nach Graudenz geflohen. Da die Franzosen aber schnell bis zur Weichsel vordrangen, mußte sie die Flucht nach Königsberg und schließlich bis nach dem entlegenen Memel fortsetzen. Es war Winter; Nässe und Kälte machten die Reise, die oft in einfachen Bauernwagen zurückgelegt wurde, besonders auf der rauhen Kurischen Nehrung sehr beschwerlich. Nach langer Fahrt in dichtem Schneegestöber mußte die Königin in einer Bauernhütte, durch deren zerbrochene Fensterscheiben Wind und Kälte eindrangen, übernachten. Obgleich die edle Frau durch das Unglück gebeugt und körperlich leidend war, verlor sie Mut und Gottvertrauen nicht. Häufig ermahnte sie ihre beiden ältesten Söhne Friedrich Wilhelm und Wilhelm, die alt genug waren, um das Unglück Preußens zu verstehen, tüchtige Männer zu werden, damit sie das Vaterland aus der Erniedrigung einst zu erretten vermöchten

Preußisch=Eylau und Friedland.

Im Anfange des Jahres 1807 war ein russisches Heer zur Unterstützung Preußens herangerückt. Es kam bei Preußisch=Eylau zu einer hartnäckigen, zweitägigen Schlacht, in welcher der preußische General Scharnhorst durch seine Geschicklichkeit verhinderte, daß Napoleon den Sieg erstritt. Das blutige Ringen blieb unentschieden, und Napoleon bot nach der Schlacht dem Könige Friedrich Wilhelm III. Frieden an, wenn er sich von Rußland trenne. Der König war aber zu ehrenhaft, um den Kaiser Alexander im Stich zu lassen. Denn dieser hatte zu ihm gesagt: „Nicht wahr, keiner von uns fällt allein? Entweder beide zusammen oder keiner!“ Er lehnte daher Napoleons Vorschläge ab. – Einige Monate später wurde aber das russische Heer bei Friedland von Napoleon vernichtet.

Der Friede zu Tilsit.

Entmutigt durch die Niederlage von Friedland brach Kaiser Aexander sein Wort. In einer Unterredung, bei der ihm Napoleon die Teilung der Weltherrschaft zwischen Rußland und Frankreich in Aussicht stellte, gab er Preußen der Rache des übermütigen Siegers preis. Furchtbar hart waren die Friedensbedingungen, die Napoleon Preußen auferlegte. Alle Besitzungen westlich der Elbe mußten abgetreten werden, so daß Friedrich Wilhelm III. nur die kleinere Hälfte seines Landes behielt. Die polnischen Gebietsteile wurden Preußen ebenfalls entrissen. Alexander I. scheute sich nicht, einen Teil davon an sich zu nehmen und so sein Reich auf Kosten seines bisherigen Ver¬ bündeten zu vergrößern. Napoleon forderte außerdem ungeheure Kriegskosten, die er später sogar noch willkürlich erhöhte. Bis zu ihrer Zahlung mußten 160 000 Mann französischer Truppen, die die preußischen Festungen besetzt hielten, ernährt werden. Über 1000 Millionen Mark wurden dem unglücklichen Lande in zwei Jahren abgenötigt. Um eine Wiedererhebung Preußens unmöglich zu machen, durfte Friedrich Wilhelm nur ein Heer von 42 000 Mann unterhalten. Die Königin Luise versuchte, durch ihre Bitten Napoleon zu milderen Bedingungen zu bewegen; sie wurde aber von ihm hochmütig zurückgewiesen. — Aus den Gebieten westlich der Elbe bildete Napoleon das Königreich Westfalen, dessen Hauptstadt Kassel wurde, und setzte einen seiner Brüder zum Könige ein.

Die Kontinentalsperre.

Das einzige Land, das Napoleon unbesiegt widerstand, war England. In zwei Seeschlachten war die französische Flotte von der englischen vernichtet worden, und kein französisches Schiff durfte wagen, den schützenden Hafen zu verlassen. Um das verhaßte Land zu schädigen, verbot Napoleon allen von ihm beherrschten Reichen, mit England Seehandel zu treiben. Auch Preußen und Rußland wurden genötigt, ihre Häfen den englischen Schiffen zu verschließen, so daß das gesamte europäische Festland für sie gesperrt war. Alle fremden Waren, wie Kaffee, Reis, Zucker, Tee, Gewürze usw., wurden dadurch unerschwinglich teuer, und alle Länder, die von der Kontinentalsperre betroffen wurden, erlitten großen Schaden. An den Meeresküsten entwickelte sich bald ein lebhafter Warenschmuggel.

Preußens Erneuerung.

Friedrich Wilhelm III. sah ein, daß alle Kräfte des preußischen Volkes aufgeboten werden mußten, wenn man eine Befreiung von dem Joche Napoleons erreichen wollte. Der Mann, der dem Könige bei dieser schweren Aufgabe als Ratgeber zur Seite stand, war der Reichsfreiherr v o n S t e i n. Er war wegen seiner vornehmen Gesinnung hochgeachtet, wegen seines schroffen Wesens aber auch gefürchtet. Mit klarem Blicke erkannte er, daß Vaterlandsliebe und Ehrgefühl im Volke von neuem geweckt werden mußten, daß es galt, den Bewohnern Preußens wieder Vertrauen auf die eigene Kraft einzuflößen und sie an selbständiges Handeln zu gewöhnen. Um dieses Ziel zu erreichen, änderte er durch eine Reihe wichtiger Gesetze die Einrichtungen des preußischen Staats. — Der B a u e r war bisher dem Edelmanne erbuntertänig, d. h. er durfte die Scholle, auf der er geboren war, nicht verlassen. Für die Benutzung des Ackers, der nicht sein Eigentum war, hatte er schon Fronden und Abgaben zu leisten. Seine Kinder brauchten, wenn sie in fremden Dienst treten oder heiraten wollten, erst die Erlaubnis des Gutsherrn. Um dem Bauer Liebe zur heimatlichen Erde einzupflanzen, hob F r e i h e r r v o n S t e i n die Erbuntertänigkeit auf. Dadurch machte er den Bauer zu einem freien Gutsbesitzer, der mit Lust auf seinem Lande tätig war und durch Arbeit nunmehr vorwärts kommen konnte. Auch dem Handel oder dem Handwerke durfte er sich zuwenden. — Für den B ür g e r s t a n d w u r d e die „S t ä d t e o r d n u n g“ gegeben. Bisher waren die Bürgermeister vom Könige ernannt worden, ohne daß man die Bewohner der Städte dabei fragte. Am liebsten nahm man ausgediente Offiziere, die aber für die Bedürfnisse und Wünsche der Einwohner oft wenig Verſtändnis beſaßen. Von nun an wählten die Bürger Männer aus ihrer Mitte zu Stadtverordneten, und diese wählten die Mitglieder der ausführenden Obrigkeit, des Magistrats. Sie berieten selbst über die Einrichtungen ihrer Stadt und führten ihre Beschlüsse auch selbständig aus; die Regierung behielt nur die Oberaufsicht. Durch die Städteordnung wurde bei der städtischen Bevölkerung Teilnahme für die Angelegenheiten von Stadt und Staat geweckt. — Bisher war in jedem Handwerke nur eine bestimmte Zahl von Meistern zugelassen. Dieser Zunftzwang wurde abgeschafft, und jeder tüchtige Mann konnte von nun an selbständig sein Handwerk betreiben. Mit dieser „G e w e r b e f r e i h e i t“ wurde der Grund für das Aufblühen der Industrie gelegt. Auch Grundbesitz konnte der Bürger von jetzt an erwerben; die Rittergüter blieben nicht mehr dem Adel vorbehalten. Der Edelmann anderseits durfte ungehindert Handel und Gewerbe treiben. Auf diese Weise wurden die Schranken zwischen den Gliedern des Volkes weggeschafft und alle Stände in den Dienst der Gesamtheit gestellt. — Durch Verkauf von Staatsländereien und durch äußerste Sparsamkeit gelang es dem Freiherrn von Stein, fast die ganze Kriegsschuld abzutragen, so daß Napoleon nach zwei Jahren den größten Teil seiner Truppen aus Preußen zurückziehen mußte.

Das Heerwesen wurde durch General v o n S c h a r n h o r s t umgestaltet. Er war eines Bauern Sohn und hatte es durch außergewöhnliche Tüchtigkeit zu seiner hohen Stellung gebracht. Die Soldaten wurden nicht mehr wie bisher angeworben, sondern jeder gesunde Preuße war wehrpflichtig. Nicht eine Strafe, sondern eine Ehre war es von nun an, des Königs Rock zu tragen. Die Prügelstrafe wurde abgeschafft und die Kleidung der Soldaten zweckmäßiger eingerichtet. Die „a l l g e m e i n e W e h r p f l i c h t“ konnte allerdings erst später völlig durchgeführt werden, da Preußen nur 42 000 Mann unter Waffen halten durfte. Um jedoch eine größere Zahl kriegstüchtiger Männer zur Verfügung zu haben, entließ Scharnhorst von jeder Kompanie monatlich 5—6 Mann und stellte dafür wieder Rekruten ein. Die Offizierstellen wurden jedem zugänglich gemacht, der sich im Frieden durch Bildung, im Kriege durch Tapferkeit auszeichnete.

I n g e i s t i g e r H i n s i c h t bereitete sich ebenfalls eine Erneuerung im Volke vor. Einsichtsvolle Männer, wie der Professor F i c h t e, der Prediger S c h l e i e r m a c h e r, der Dichter A r n d t ermahnten in eindringlichen Worten die deutsche Jugend, die Selbstsucht abzulegen und für das Vaterland Opfer zu bringen. Der Gymnasiallehrer J a h n richtete Turnplätze ein, um das heranwachsende Geschlecht durch körperliche Übungen zur Befreiung des Vaterlandes tüchtig zu machen. Hauptsitz dieser Bewegungen war die Universität zu Berlin, die 1810 von Frankfurt a. O. dahin verlegt wurde.Dem Kaiser Napoleon, der in Preußen zahlreiche Spione unterhielt, blieb dieses Er¬ wachen eines neuen Lebens nicht unbekannt. Als ein Brief des Freiherrn von Stein, in dem er sich über seine Zukunftspläne aussprach, in französische Hände geriet, zwang daher Napoleon den König Friedrich Wilhelm III., den verdienstvollen Minister zu entlassen. Stein floh vor Napoleons Zorn nach Rußland und gewann dort bald großen Einfluß auf den Kaiser Alexander.

Tod der Königin Luise.

Die königliche Familie wohnte nach dem Frieden von Tilsit in Königsberg. Die Hofhaltung war so einfach wie möglich eingerichtet; ein großer Teil des goldnen und silbernen Tafelgerätes, das noch aus Friedrichs I. Zeit stammte, wurde verkauft. Im Jahre 1809 kehrte die königliche Familie auf Wunsch Napoleons nach Berlin zurück, obgleich dort noch eine französische Besatzung lag. Die edle Königin, deren Gesundheit in den letzten Jahren schwer gelitten hatte, sah hier mit innerer Freude, daß ein neuer Geist über das preußische Volk gekommen war. — Als sie sich im Frühjahre zum Besuche ihres Vaters in Mecklenburg befand, brach ein altes Brustleiden wieder bei ihr aus. Da sich die Krankheit verschlimmerte, eilte der König mit seinen beiden ältesten Söhnen Friedrich Wilhelm und Wilhelm an ihr Krankenlager. In Gegenwart ihres Gemahls und der beiden Prinzen, die weinend an ihrem Bette knieten, hauchte Königin Luise ihre edle Seele aus. Im Schloßgarten zu Charlottenburg ließ der König seine unvergeßliche Gemahlin beisetzen. Das preußische Volk trauerte aufrichtig mit der königlichen Familie über den Tod von „Preußens Schutzengel“.

Napoleon auf der Köhe seiner Macht.

Im Jahre 1809 zog der Kaiser von Öster¬ reich zum vierten Male gegen Napoleon das Schwert. Zugleich verjagten die treuen Tiroler unter Anführung von A n d r e a s H o f e r die Feinde aus dem Lande. Jetzt glaubten in Preußen viele vaterlandsliebende Männer, die Zeit der Befreiung sei gekommen, und rieten dem Könige zum Kampfe. Aber Friedrich Wilhelm III. wußte, daß das Fortbestehen Preußens auf dem Spiele stand, wenn ein neuer Krieg unglücklich endete. — Da zog der Major v o n S c h i l l mit seinem Husarenregimente eigenmächtig aus Berlin, drang in das Königreich Westfalen ein und begann auf eigene Faust den Krieg. Aber die Volkserhebung in Norddeutschland, auf die er gehofft hatte, blieb aus. Er zog sich daher nach einigen glücklichen Gefechten vor der Übermacht nach Stralsund zurück, um sich dort nach England einzuschiffen. Die Stadt wurde jedoch von dem Feinde genommen, und Schill fiel im Straßenkampfe. Elf gefangene Offiziere ließ Napoleon in Wesel erschießen. Auch einige von den Schillschen Reitern erlitten in Braunschweig dasselbe Schicksal; die übrigen wurden nach Frankreich geschafft und wie Verbrecher mit Zwangsarbeiten beschäftigt (Gedicht: Die Opfer zu Wesel). — Österreich unterlag abermals und mußte einen schimpflichen Frieden schließen. Tirol wurde preisgegeben und von übermächtigen französischen und bayrischen Truppen besetzt. Andreas Hofer, der sich im Gebirge verborgen hatte, wurde verraten und in Mantua auf Napoleons Befehl erschossen (Gedicht: Zu Mantua in Banden). — Napoleon stand jetzt auf der Höhe seiner Macht. Sein Reich erstreckte sich von den Pyrenäen bis zur Ostsee; die Niederlande und die deutsche Nordseeküste waren Frankreich einverleibt. Der Rheinbund, dem sich sogar Mecklenburg hatte anschließen müssen, stand völlig unter seiner Herrschaft. Um seinen Thron zu sichern, wünschte Napoleon nun auch mit den alten Königsfamilien verwandt zu werden. Er ließ sich von seiner Gemahlin scheiden und vermählte sich mit der Tochter des Kaisers von Osterreich, den er kurz vorher in blutigen Kämpfen besiegt hatte. Als ihm ein Sohn geboren wurde, kannte seine Freude keine Grenzen, und er ernannte das Kind sogleich zum „Könige von Rom“.

Napoleons Zug nach Rußland.

Alexander I von Rußland hatte die Kontinentalsperre gegen England nicht aufrechterhalten und dadurch Napoleons Zorn erregt. Dieser beschloß daher, auch Rußland zu unterwerfen. Im Frühjahr 1812 setzte sich ein ungeheures Heer (300 000 Franzosen, 200 000 Rheinbundstruppen, 100 000 Italiener, Polen u. a.) gegen Rußland in Bewegung. Österreich mußte 30 000 Mann Hilfstruppen stellen, und Friedrich Wilhelm wurde gezwungen, die Hälfte seines Heeres mit gegen Rußland ins Feld zu senden. „Die große Armee“ zog durch Preußen, und wiederum wurden dem verarmten Lande große Lieferungen an Lebensmitteln, Pferden usw. auferlegt. An der russischen Grenze hielt Npoleon Musterung über das Heer, von jeder Abteilung mit dem donnernden Rufe: „Es lebe der Kaiser!“ begrüßt. Nur eine Truppe erwartete ihn schweigend und stolz: die Preußen unter General York. – Die russische Armee wurde in zwei mörderischen Schlachten besiegt und ging immer tiefer in das Innere des großen Reiches zurück. Bald zog Napoleon in Moskau, der alten Hauptstadt Rußlands, ein, wo sein Heer nach den langen Märschen während des Winters Erholung zu finden hoffte. Aber die Franzosen fanden die Stadt von der Bevölkerung verlassen. Damit sie nicht in Moskau überwintern konnten, wurde die Stadt wenige Tage später von den Russen angezündet und ging mit allen Vorräten in Flammen auf. Napoleon, der vergeblich versucht hatte, mit Alexander I. wegen des Friedens zu verhandeln, mußte den Rückzug befehlen. Da das Land bei dem ersten Durch¬ marsche schon ausgesogen war, litt das Heer große Not. Das Fleisch gefallener Pferde wurde ein gesuchter Leckerbissen. Bald gesellte sich zu dem Hunger ein noch grimmigerer Feind: der russische Winter. Durch Mangel an Nahrung und Kälte gingen viele Tausende von Kriegern elend zugrunde. Dazu wurde das zurückziehende Heer unaufhörlich von Scharen russischer Reiter beunruhigt, so daß sich jede Ordnung löste. Von der stolzen Armee erreichten noch ungefähr 30 000 Mann die preußische Grenze, ein Haufe von zerlumpten, völlig entkräfteten Bettlern. Napoleon war den Trümmern seines Heeres in einem Schlitten vorausgeeilt, um in Frankreich und in den Rheinbundstaaten neue Rüstungen anzuordnen. — Als der Untergang der großen Armee in Preußen bekannt wurde, beherrschte der Gedanke: „Das sind Gottes Gerichte!“ alle Volkskreise.

Die Befreiungskriege.

a) D e r V e r t r a g v o n T a u r o g g e n.

Die preußischen Truppen unter York, die in den russischen Ostseeprovinzen gefochten hatten, waren dem schrecklichen Lose der großen Armee entgangen. York glaubte jetzt die Zeit für Preußens Befreiung gekommen. Daher schloß er am Ende des Jahres 1812 in Tauroggen eigenmächtig mit den Russen einen Vertrag, nach dem seine Truppen nicht mehr für Frankreich fechten sollten. Die Provinz Ostpreußen begann unter seiner Leitung gewaltig gegen Napoleon zu rüsten. Friedrich Wilhelm III., der sich in Berlin im Bereiche der Franzosen befand, mißbilligte öffentlich Yorks kühnen Schritt, wenn er auch im Herzen seinem Generale zustimmte. Dank seinem vorsichtigen Verhalten konnte er sich ungehindert nach Breslau begeben, wo er Herr seiner Entschließungen war.

b) P r e u ß e n s E r h e b u n g.

Unter Scharnhorsts Leitung wurde eifrig zum Kriege gerüstet. Am 3. Februar 1813 erließ der König den „Aufruf zur Bildung freiwilliger Jägerkorps“, in die junge Männer eintraten, die selbst für ihre Ausrüstung sorgen konnten. Auch Freikorps bildeten sich, unter denen das des Majors von L ü t z o w das berühmteste wurde (Gedicht: Lützows wilde Jagd). In ihm dienten der Turnvater J a h n und der Freiheitsdichter T h e o d o r K ö r n e r , der noch in demselben Jahre den Heldentod starb.

Am 28. Februar schlossen Friedrich Wilhelm III. und Alexander I. ein Bündnis, um „Europa freizumachen“. Em Geburtstage der verstorbenen Königin Luise (10. März) stiftete der König den Orden vom Eisernen Kreuze, und am 17. März erließ er den berühmten „Aufruf an mein Volk“, in dem er alle Stände zu den Waffen rief. „Keinen andern Ausweg gibt es als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang“, heißt es darin. Eine gewaltige Begeisterung ergriff das preußische Volk, das durch die maßlosen Bedrückungen aufs äußerste erbittert war. Wer Waffen tragen konnte, trat in das Heer ein: der Handwerker verließ seine Werkstätte, der Beamte die Schreibstube. Die Universitäten und höheren Schulen verödeten; denn Lehrer und Schüler wollten ihre Pflicht gegen das Vaterland erfüllen. „Der König rief, und alle, alle kamen.“ Wer nicht waffenfähig war, half mit seinem Hab und Gut. Der Bauer gab sein letztes Roß her, der Bürger seinen Goldschmuck und sein Silbergeschirr. 150 000 goldene Trauringe wurden eingeliefert und zu Münzen geprägt; die Geber erhielten dafür eiserne mit der Inschrift „Gold gab ich für Eisen!““ Eine schlesische Jungfrau schnitt ihr schönes Haar ab, verkaufte es und schenkte den Erlös für die Befreiung des Landes. Die Dichter Arndt, Körner, Schenkendorf, Kleist und Rückert begeisterten Volk und Heer durch zündende Freiheitslieder. Preußen stellte bei 5 Millionen Einwohnern 270 000 Krieger ins Feld. Die militärisch nicht ausgebildeten Männer von 17—40 Jahren bildeten die „Landwehr“; sie trugen an der Wachstuchmütze ein Kreuz mit der Inschrift: „Mit Gott für König und Vaterland“. Anfangs waren sie nur mangelhaft mit Waffen und Kleidung ausgerüstet, erwiesen sich aber doch schon nach wenigen Monaten als brauchbare Feldtruppen. Der Oberbefehl über die Armee wurde auf Scharnhorsts Rat dem General Blücher übertragen, der später von den russischen Kriegern wegen seines ungestümen Vorgehens den Namen „Marschall Vorwärts“ erhielt.

c) L ü t z e n u n d B a u t z e n.

Die vereinten Preußen und Russen griffen Napoleon, der mit Hilfe des Rheinbundes ein überlegenes Heer zusammengebracht hatte, bei L ü t z e n (Großgörschen) an. Ein langes, blutiges Ringen entspann sich. Napoleon, der mit Staunen die Todesverachtung der preußischen Truppen sah, rief grimmig aus: „Diese Bestien haben etwas gelernt!“ Die Schlacht blieb ohne Entscheidung; aber am Abende beschlossen die Russen gegen den Willen Friedrich Wilhelms und der preußischen Generale den Rückzug. — (Scharnhorst war in der Schlacht schwer verwundet worden. Er reiste trotzdem im Dienste des Königs nach Österreich, um über ein Bündnis zu verhandeln. Unterwegs starb er jedoch.) — Drei Wochen später kam es bei B a u t z e n zu einer zweiten Schlacht, die ebenfalls mit dem Rückzuge der Preußen und Russen endete. Napoleon hatte den Sieg aber furchtbar teuer erkaufen müssen. „Keine Fahne, kein Geschütz, keine Trophäe; ist das ein Sieg!“ rief er zornig am Abende der Schlacht. Wegen seiner schweren Verluste bot er den Verbündeten einen Waffenstillstand an, der auch angenommen wurde. Unterdessen konnten die russischen Heere näher herankommen und die preußischen Landwehrtruppen eingeübt werden. Österreich, Schweden und England schlossen sich dem Bündnisse gegen Napoleon an.

d) D i e S c h l a c h t e n b e i G r o ß b e e r e n, a n d e r K a t z b a c h , b e i D r e s d e n u n d D e n n e w i t z.

Die Verbündeten, die nunmehr Napoleon an Truppenzahl überlegen waren, stellten drei Heere gegen ihn auf. Die H a u p t a r m e e, die aus Österreichern, Russen und einem preußischen Korps unter General von Kleist zusammengestellt war, wurde von dem österreichischen Fürsten Schwarzenberg befehligt. Bei ihr hielten sich die Kaiser von Rußland und Österreich und der König von Preußen auf. Die s c h l e s i s c h e Armee stand unter B l ü c h e r, bei dem sich Gneisenau und York befanden; sie war aus Preußen und Russen gebildet. Die N o r d a r m e e sollte Berlin decken und bestand aus Preußen unter Bülow und Tauentzien, sowie aus Schweden. Den Oberbefehl führte Bernadotte, ein Franzose, der früher unter Napoleon General gewesen war, und den die Schweden zum Thronfolger ihres kinderlosen Königs gewählt hatten. — Napoleon sandte einen seiner besten Generale, um Berlin zu nehmen. Bernadotte wollte die Stadt preisgeben und hinter die Spree zurückgehen, aber Bülow erklärte ihm: „Meine Knochen sollen vor

Berlin bleichen“ und griff mit den Preußen die französische Armee zwei Meilen südlich von Berlin, bei G r o ß b e e r e n an. Die pommerschen und brandenburgischen Landwehrleute, deren Flinten bei dem Regenwetter nicht losgingen, schlugen unter dem Rufe: „So flutscht es besser!“ mit dem Kolben auf den Feind los und trieben ihn nach einem hartnäckigen Kampfe in die Flucht. Die Schweden nahmen an der Schlacht nicht teil. Napoleon selbst hatte sich gegen Blücher gewendet. Dieser aber wich dem schlachten¬ kundigen Kaiser vorsichtig aus und ließ sich in keinen Kampf ein. Als Napoleon, der durch die Hauptarmee im Rücken bedroht wurde, den Oberbefehl aber an einen seiner Marschälle abgab und zurückeilte, änderte Blücher sein Verhalten. Er ließ (26. August 1813) einen Teil des französischen Heeres die Katzbach überschreiten, die durch starke Regengüsse hoch¬ angeschwollen war. Dann stürzte er sich ungestüm auf die durch den Fluß getrennten Feinde und drängte sie unwiderstehlich in die Katzbach und wütende Neisse. York vollendete durch rücksichtslose Verfolgung den glänzenden Sieg (Gedicht: Das Lied vom Feldmarschall).

— An demselben Tage hatte aber Napoleon der Hauptarmee bei Dresden eine schwere Niederlage beigebracht und sie in die böhmischen Grenzgebirge zurückgeworfen. Um sie völlig abzuschneiden, sandte er ihr eine Truppenabteilung in den Rücken. Diese wurde jedoch am folgenden Tage vom General von Kleist vollständig eingeschlossen, so daß sie sich gefangen geben mußte. — Napoleon machte noch einen zweiten Versuch, Berlin zu nehmen, und sandte seinen tüchtigsten Feldherrn gegen Bernadotte. Abermals suchte dieser einer Schlacht auszuweichen, aber Bülow und Tauentzien stellten sich bei D e n n e w i t z, nördlich von Wittenberg, den Franzosen entgegen und erfochten einen entscheidenden Sieg.

e) D i e V ö l k e r s c h l a c h t b e i L e i p z i g.

Nach der Schlacht an der Katzbach hatte Blücher bei Wartenburg, wo York in einem glänzenden Nachtgefechte den Übergang erzwang, die Elbe überschritten. Die Heere der Verbündeten bildeten nunmehr einen großen nach Westen offenen Halbkreis um Napoleon, der seine Truppen bei Leipzig zusammengezogen hatte. Hier kam es am 16. und 18. Oktober 1813 zur großen Entscheidungsschlacht, in der über ½ Million Soldaten fast aller Völker Europas um den Sieg rangen und über 1000 Kanonen gegeneinander donnerten. Im Süden von Leipzig entbrannte um das Dorf W a c h a u ein furchtbarer Kampf, und es gelang Napoleon wiederum, Erfolge zu erringen. Im Norden der Stadt aber, bei

M ö c k e r n , ,erfocht Blücher einen blutigen Sieg. Fünfmal wurde das Dorf von Yorks heldenmütigen Truppen, die hier ungeheure Verluste erlitten, genommen, aber erst beim sechsten Male konnten sie sich darin halten. Am 17. Oktober, einem Sonntage, ruhten die Waffen. Napoleon versuchte, mit seinem Schwiegervater, dem Kaiser von Österreich, zu unterhandeln, wurde jedoch abgewiesen. Der 18. Oktober brachte die Entscheidung. Die Verbündeten nahmen nach hartnäckigem Kampfe das stark besetzte Dorf P r o b s t h e i d a und warfen die Franzosen auf Leipzig zurück; Napoleon mußte den Rückzug antreten. Sächsische und württembergische Truppen, die nicht mehr für den fremden Eroberer ihr Blut vergießen wollten, waren während der Schlacht zu den Verbündeten übergetreten. Bayern hatte sich schon acht Tage vorher von Napoleon losgesagt. — Am 19. Oktober wurde Leipzig erstürmt; Königsberger Landwehr drang zuerst in die Stadt. Um die verbündeten Truppen aufzuhalten, befahl Napoleon, die Elsterbrücke zu sprengen. Sie flog aber zu früh in die Luft, und Tausende von Franzosen gerieten dadurch in Gefangenschaft oder fanden in den Fluten ihren Tod. Die drei Monarchen zogen unter dem Jubel der Bevölkerung in Leipzig ein. Alexander I. umarmte Blücher auf offenem Marktplatze und nannte ihn den „Befreier Deutschlands“. Friedrich Wilhelm III. beförderte den alten Helden zum Feldmarschall. — Napoleon floh mit der geschlagenen Armee dem Rheine zu. Ein baryrisches Heer versuchte, ihm den Weg zu verlegen, wurde aber von ihm zur Seite gedrängt. Der Rheinbund löste sich auf.

f) D a s K r i e g s j a h r 1 8 1 4. Nach der Schlacht bei Leipzig unterhandelte der Kaiser Franz mit Napoleon über den Frieden. Blücher und die preußischen Generale fürchteten, daß „die Feder verderben werde, was das Schwert errungen“. Aber die Verhandlungen scheiterten an Napoleons maßlosen Forderungen, und der Kampf wurde wieder aufgenommen. Blücher überschritt in der Neujahrsnacht bei C a u b den Rhein; die andern Heere folgten, und der Krieg wurde nach Frankreich hineingetragen. Napoleon zeigte sich noch oft als der alte Meister der Kriegskunst und brachte den verbündeten Heeren mehrere blutige Niederlagen bei. Nur dem Vorwärtsdrängen Blüchers war es zu danken, daß die Verbündeten Ende März 1814 vor Paris standen. Am 31. März 1814 zogen die drei Monarchen in Frankreichs Hauptstadt ein.

P r i n z W i l h e l m. Bei Bar sur Aube (bar ßür ohb), wo die Hauptarmee über die Franzosen einen Sieg erfocht, erhielt der siebzehnjährige Prinz Wilhelm, der zweite Sohn des Königs, die Feuertaufe. Ein russisches Regiment befand sich im heftigen Kampfe und erlitt starke Verluste. Da sandte der König seinen John Wilhelm mit einem Auftrage zu der kämpfenden Truppe. Der junge Prinz führte den Befehl mit großer Kaltblütigkeit aus und erwarb sich dadurch die Achtung der russischen Offiziere, die beifällig unter sich äußerten: „Das wird ein Prinz Heinrich!“ (S.92, c.) Der König verlieh ihm das Eiserne Kreuz.

g) N a p o l e o n s A b d a n k u n g.

Napoleon, der durch die fortwährenden Kriege seinem Volke ungeheure Opfer an Gut und Blut auferlegt hatte, wurde nach der Einnahme von Paris gezwungen, die Krone niederzulegen, und nach der Insel Elba verbannt. Den französischen Thron bestieg der Bruder des hingerichteten Königs unter dem Namen Ludwig XVIII.

h) D e r e r s t e P a r i s e r F r i e d e.

Beim Friedensschlusse wurde Frankreich sehr milde behandelt. Preußen verlangte zwar, ihm die ungeheuren Kosten zu erstatten, die der Durchzug der Franzosen 1 8 1 2 verursacht hatte, es wünschte ferner, daß die alten deutschen Lande Elsaß und Lothringen an Deutschland zurückgegeben würden. Diese Forderungen wurden jedoch von den andern Mächten abgelehnt. Frankreich zahlte keine Kriegskosten und brauchte nicht einmal alle geraubten Kunstschätze herauszugeben. Die Siegesgöttin vom Brandenburger Tor, sowie der Hut und der Degen Friedrichs des Großen wurden indessen nach Berlin zurückgebracht. — Zur Neuordnung Europas sandten alle Staaten Vertreter zu einer großen Versammlung nach Wien (Wiener Kongreß).

i) Napoleons Rückkehr.

In Frankreich war das Volk mit Ludwig XVIII., der alle Anhänger Napoleons ihrer Ämter entsetzte, nicht zufrieden. Besonders die alten Soldaten Napoleons, von denen die meisten bitterer Armut ausgesetzt waren, ersehnten seine Herrschaft zurück. Auf dem Wiener Kongresse brachen unter den verbündeten Fürsten wegen der Neuordnung der Länder Streitigkeiten aus, die fast zum Kriege führten. — Napoleon hatte von Elba aus alles beobachtet. Er entwich unvermutet von der Insel, landete an der französischen Küste und bemächtigte sich, mit Jubel von seinen alten Kriegern begrüßt, in wenigen Tagen wieder der Herrschaft. Die Nachricht von seiner Rückkehr machte die Mächte einig, und ein neuer Krieg gegen ihn wurde beschlossen.

k) B e l l e A l l i a n c e (1815).

Die Preußen unter Blücher und Gneisenau und die Engländer unter Wellington waren zuerst auf dem Platze und wollten sich in Belgien vereinigen. Ehe dies aber gelang, warf sich Napoleon auf Blücher und besiegte ihn in einer blutigen Schlacht. Im Kampfgetümmel stürzte der greise Feldmarschall mit seinem Pferde und wäre beinahe in Gefangenschaft geraten. Napoleon glaubte, die Preußen würden sich nach dem Rheine zurückziehen; Blücher faßte jedoch den kühnen Entschluß, mit seinen geschlagenen Truppen seitlich in der Richtung auf das englische Heer zurückzugehen, und sagte Wellington Unterstützung zu. — Am 18. Juni 1815 griff Napoleon die Engländer bei W a t e r l o o an. Wellington kam bald in eine so ernste Lage, daß er, als fast die Hälfte seiner Krieger tot oder verwundet das blutige Feld bedeckte, die Nacht oder Blücher herbeiwünschte. — Die Preußen waren schon seit frühem Morgen auf dem Marsche. Sie kamen aber, durch die unerhörten Anstrengungen der vergangenen Tage ermüdet, nur mühsam vorwärts, da die Wege durch langen Regen aufgeweicht waren. Blücher mahnte mit den Worten: „Ich habe es meinem Bruder Wellington versprochen!“ immer wieder zur Eile, obschon er selbst an seinem Oberschenkel, der durch den Sturz vom Pferde gequetscht worden war, arge Schmerzen litt. Als Wellingtons Not auf das Höchste gestiegen war, konnten die preußischen Truppen in die Schlacht eingreifen, und bald löste sich das feindliche Heer zu wilder Flucht auf. Bei dem Gutshofe Belle Alliance (schöne Vereinigung) trafen Wellington und Blücher freudig bewegt zusammen. Gneisenau aber, der die Verfolgung leitete, setzte „den letzten Hauch von Mann und Roß“ daran, das geschlagene französische Heer nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Napoleon selbst entging mit Mühe der Gefangennahme; sein Wagen fiel preußischen Reitern in die Hände. Dieser eine Sieg entschied den Feldzug. Zum zweiten Male zogen die verbündeten Monarchen an der Spitze ihrer siegreichen Heere in Paris ein.

1) D e r z w e i t e P a r i s e r F r i e d e u n d N a p o l e o n s E n d e.

Frankreich mußte 560 Millionen Mark Kriegskosten zahlen und alle geraubten Kunstschätze herausgeben. Elsaß-Lothringen behielt es aber. Der König Ludwig XVIII. kehrte auf den Thron zurück. — Napoleon wurde von neuem zur Abdankung gezwungen und auf Beschluß der verbündeten Mächte nach der kleinen Felseninsel St. Helena (westlich von Afrika) verbannt. Dort ist er bis zu seinem Tode (1821) von den Engländern sorgfältig bewacht worden.

Der Wiener Kongreß und der Deutsche Bund.

Auf dem Wiener Kongresse trat wieder das Bestreben Österreichs hervor, Preußen nicht zu Macht und Ansehen kommen zu lassen. Obgleich es in den Befreiungskämpfen die größten Opfer gebracht hatte, erhielt es weniger Gebiet, als es vor 1806 besessen hatte. Es mußte Ansbach=Bayreuth an Bayern und Ostfriesland an Hannover abtreten. Dafür bekam es die Hälfte von Sachsen, sowie den größten Teil der jetzigen Provinzen Westfalen und Rheinland. Gegen das Herzogtum Lauenburg a. E. tauschte es das schwedische Vorpommern ein, so daß seit 1 8 1 5 ganz Pommern preußisch ist. (S.87 u. Karte!) Von seinen polnischen Besitzungen wurden ihm nur Danzig, Thorn und Posen zurückgegeben; der Rest fiel an Rußland. Preußen war durch Hannover, Kurhessen und andre Staaten in eine große östliche und eine kleine westliche Hälfte gespalten, so daß ihm ein Krieg, in dem diese Länder sich feindlich verhielten, große Gefahr bringen konnte. Es war aber durch den Wiener Kongreß wieder ein vorwiegend d e u t s c h e s Land geworden. — Das deutsche Kaiserreich wurde nicht wieder aufgerichtet. An seine Stelle trat der „Deutsche Bund“, zu dem Österreich, die fünf Königreiche Preußen, Bayern, Württemberg, Hannover und Sachsen, sowie dreißig Kleinstaaten und vier freie Städte, im ganzen 40 Glieder, gehörten. Die Angelegenheiten Deutschlands sollten durch Vertreter der Regierungen aller deutschen Länder gemeinsam beraten werden. Dieser „Bundestag“, in dem Österreich den Vorsitz führte und den meisten Einfluß besaß, trat in Frankfurt a. M. zusammen. S o b l i e b D e u t s c h l a n d o h n e E i n h e i t u n d O b e r h a u p t i n v i e l e s e l b s t ä n d i g e S t a a t e n z e r r i s s e n , u n t e r d e n e n d i e b e i d e n a l t e n G e g n e r, Ö s t e r r e i c h u n d P r e u ß e n, d e n V o r r a n g z u g e w i n n e n t r a c h t e t e n.

Die heilige Allianz.

Das deutsche Volk war durch diese Gestaltung des Reiches enttäuscht. Als auch das Versprechen, eine Verfassung zu geben, d. h. das Volk durch gewählte Abgeordnete an der Regierung der Staaten teilnehmen zu lassen, nur von wenigen Fürsten gehalten wurde, stieg die Unzufriedenheit unter den gebildeten Bevölkerungs- schichten in hohem Maße. Alexander I., Franz I. und Friedrich Wilhelm III. hatten während der Befreiungskriege ein Bündnis, die „heilige Allianz“, geschlossen, in dem sie „Regierung ihrer Länder in christlichem Geiste“ gelobten. Der österreichische Minister Metternich benutzte diesen Bund, um alle Bestrebungen zu unterdrücken, die auf freiheitliche Einrichtungen und auf Deutschlands Einigung hinzielten. Uber 30 Jahre übte er in ganz Deutschland einen unheilvollen Einfluß aus. Er verhinderte, daß Friedrich Wilhelm III. eine Volksvertretung berief, so daß es in Preußen nur zur Bildung von Provinzialständen kam. Vereine von Turnern und Studenten, sowie Versammlungen wurden verboten und die Zeitungen unter strenge Aufsicht gestellt. Männer, die den Wünschen des Volkes Ausdruck zu geben wagten, wurden verfolgt und in die Gefängnisse geworfen; selbst Arndt, Jahn u. a., die sich um Deutschlands Befreiung verdient gemacht hatten, blieben nicht verschont.

Friedrich Wilhelms III. Sorge für sein Land.

a) V e r w a l t u n g.

Nach den Befreiungskämpfen waren in Preußen große Aufgaben zu lösen. Schulden, die durch den Krieg entstanden waren, mußten gedeckt, die neuen Landesteile in den Staat eingegliedert werden. Der König ließ die Verwaltung in sparsamster Weise führen und setzte die Ausgaben für den Hof auf eine bestimmte Jahressumme fest. Das Land wurde in acht Provinzen (Preußen, Pommern, Brandenburg, Sachsen, Posen, Schlesien, Westfalen und Rheinland) geteilt, an deren Spitze je ein Oberpräsident stand. Jede Provinz zerfiel wieder in Regierungsbezirke, die von Präsidenten verwaltet wurden, und in Kreise unter Landräten. Vertreter des Grundbesitzes und der Städte bildeten den Provinziallandtag, der die Angelegenheiten der Provinz beriet.

b) D a s H e e r w e s e n.

In jeder Provinz wurde ein Armeekorps aufgestellt, das ein kommandierender General befehligte. Als neuntes Armeekorps trat die Garde in Berlin und Potsdam hinzu, die aus allen Provinzen ihre Soldaten erhielt. Die allgemeine Wehrpflicht wurde durchgeführt und an der Einrichtung der Landwehr festgehalten. Jeder Preuße mußte drei Jahre bei der Truppe, zwei Jahre in der Reserve und je sieben Jahre in der Landwehr ersten und zweiten Aufgebots dienen. Die Heerführer der Befreiungskriege hatte der König durch Standeserhöhungen belohnt. Bülow, Tauentzien, York, Kleist und Gneisenau wurden in den Grafenstand erhoben; Blücher war zum „Fürsten von Wahlstatt“ ernannt worden.

c) S c h u l e u n d K i r c h e.

Damit zur Durchführung der allgemeinen Schulpflicht eine hinreichende Anzahl geeigneter Lehrer angestellt werden konnte, ließ Friedrich Wilhelm III. neue Seminare einrichten. — Die Universität Wittenberg wurde nach Halle verlegt und im Westen des Landes die Universität Bonn gegründet. — Als im Jahre 1817 die dritte Jahrhundertfeier der Reformation begangen wurde, vereinigten sich die lutherische und die reformierte Kirche auf Veranlassung des Königs unter einer gemeinsamen Oberbehörde. Die Gemeinden, die sich dieser „Union“ (Vereinigung) anschlossen, nannten sich „evangelisch“.

d) L a n d w i r t s c h a f t.

Seit der Befreiung der Bauern entwickelte sich in der Landwirtschaft ein reges Streben. Die Gemeindeländereien wurden unter die zur Benutzung Berechtigten verteilt und die Äcker so zusammengelegt, daß jeder Bauer bequem und ohne durch den Nachbar behindert zu werden, sein Land bewirtschaften konnte. Auch die Viehzucht machte große Fortschritte. Die alte Dreifelderwirtschaft hörte nach und nach auf; Kartoffel- und Kleebau verbreiteten sich allgemein. Die Landwirte fingen an, die Lehren der Naturwissenschaft auf den Ackerbau anzuwenden und die Felder künstlich zu düngen. Man kam auch allmählich zu der Einsicht, daß der Landbau regelrecht erlernt werden müßte. Bei Berlin entstand die erste landwirtschaftliche Hochschule.

e) H a n d e l u n d V e r k e h r.

Die deutsche Vielstaaterei war der Entwicklung des Handels sehr hinderlich. Jedes Land erhob von den Waren, die der Kaufmann hindurch- führen wollte, hohe Zölle, so daß es fast unmöglich war, auf weitere Entfernungen Handel zu treiben. Da gründete Friedrich Wilhelm III. 1 8 3 4 den Deutschen Z o l l v e r e i n, dem trotz der Abmahnungen Österreichs bald viele deutsche Staaten beitraten. Sie bildeten zusammen mit Preußen ein einheitliches Zollgebiet, in dem die Waren nur einmal versteuert werden mußten. Das Geld, das dadurch einkam, wurde unter die beteiligten Länder nach der Bevölkerungszahl verteilt. Der Zollverein führte einen großenAufschwung des Handels herbei; er brachte auch die deutschen Staaten einander näher und hat so die spätere Einigung Deutschlands vorbereitet. — Ein völliger Umschwung des wirtschaftlichen Lebens vollzog sich mit der Einführung der Dampfmaschine.

Die ersten Fabriken entstanden; Ein Eisenbahnzug im Jahre 1840 zwischen Berlin und Potsdam wurde 1838 die erste preußische Eisenbahn gebaut. Auf den Strömen begannen Dampfschiffe zu verkehren, und auch der Seehandel fing wieder an sich zu beleben. – In der langen Friedenszeit, die auf die Befreiungskriege folgte, strebte der deutsche Bürgerstand mächtig empor und übernahm in Wissenschaft und Kunst, in Handel und Gewerbe die Führung. Neben den drei alten Ständen (Adel, Bürger, Bauern) begann sich durch die zahlreicher werdenden Fabriken ein neuer, vierter Stand, der Arbeiterstand, zu bilden.

Friedrich Wilhelm IV. 1840 —1861.

Des Königs Wesen.

Friedrich Wilhelm IV. war der älteste Sohn Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise. Ausgestattet mit hohen Geistesgaben, hatte er sich eine gelehrte Bildung angeeignet, so daß er „sein Brot als Professor hätte erwerben“ können. Dabei besaß er ein tiefes Verständnis für die Kunst und war ein witziger, gewandter Redner. Er wollte das Beste seines Volkes; für die unruhvolle Zeit, in die seine Regierung fiel, war er jedoch nicht tatkräftig genug. — Mit seiner Gemahlin Elisabeth lebte er in kinderloser, aber glücklicher Ehe. Sie unterstützte ihn getreulich bei allen Werken der Barmherzigkeit und pflegte ihn in den Tagen der Krankheit mit aufopfernder Liebe.

Der Verfassungskampf in Preußen.

Der Wunsch nach einer»Verfassung« wurde, wie überall in Deutschland, so auch in Preußen allgemein gehegt. Das Volk wollte bei der Gesetzgebung und Rechtsprechung mitwirken, und keinem Bürger sollte es verwehrt sein, in Versammlungen und Zeitungen frei seine Meinung zu äußern. Friedrich Wilhelm IV. suchte den Hoffnungen des Volkes entgegenzukommen und berief 1847 einen „vereinigten Landtag“, der aus Vertretern der acht preußiſchen Provinzen bestand. Der Landtag konnte sich jedoch mit der Regierung über die Rechte, die ihm eingeräumt werden sollten, nicht einigen und ging auseinander. — Als nun 1848 in Frankreich eine Revolution ausbrach, wurden auch in Deutschland die Gemüter heftig bewegt, und in Berlin besprach man in Versammlungen die Wünsche des Volkes. Große Freude entstand daher, als Friedrich Wilhelm IV. versprach, eine Verfassung zu gewähren, und Friedrich eine riesige Volksmenge zog vor das Königliche Schloß.

Bei dem Wilhelm IV. Menschengewühle versuchte das Militär die Ordnung aufrecht zuerhalten, und es kam dabei zwischen Bürgern und Soldaten zu Streitigkeiten. Als auf bisher unaufgeklärte Weise zwei Schüsse fielen, glaubte die Menge, es werde auf das Volk geschossen, und geriet in wilde Erregung. Aus umgestürzten Wagen, zusammengehäuften Pflastersteinen u. dgl. wurden Barrikaden gebaut, die die Straßen versperrten und zwischen dem Volke und den Truppen brach an den folgenden Tagen ein offener Kampf aus. Um dem Blutvergießen Einhalt zu tun, befahl der König auf Bitten der Bürger, daß das Militär, von dem die meisten Barrikaden erstürmt worden waren, aus Berlin abzog. Er selbst stellte sich unter den Schutz der Bürgerschaft. Aber die Anordnungen hielten wochenlang an; allerlei Gewalttaten wurden verübt, das Zeughaus wurde geplündert und großer Schaden angerichtet. Da berief der König tatkräftige Männer an die Spitze der Regierung. Das Militär rückte wieder in Berlin ein, und bald war die Ordnung hergestellt. Im Jahre 1850 gab dann Friedrich Wilhelm IV. dem preußischen Volke eine Verfassung, die noch jetzt in Kraft steht.

Die preußische Verfassung.

Die Königswürde ist im Mannesstamme des Hohenzollernhauses erblich. Der König ernennt und entläßt die Minister; er beruft und schließt alljährlich den Landtag. Gesetze gibt er in Gemeinschaft mit dem Landtage und sorgt für ihre Ausführung. Er hat den Oberbefehl über das Heer und ernennt die Staatsbeamten. Die Verfassung wird von ihm beschworen. — Der Landtag besteht aus dem Herrenhause und dem Hause der Abgeordneten. Mitglieder des H e r r e n h a u s e s sind die volljährigen Prinzen des Königshauses, die Häupter der früher selbständigen Fürstenfamilien, Vertreter des Adels, der Städte und der Universitäten Die Mitgliedschaft ist entweder erblich, oder die Berufung erfolgt durch den König. Die Mitglieder des A b g e o r d n e t e n h a u s e s werden vom Volke gewählt. Von einigen Ausnahmen abgesehen, ist jeder Preuße, der ein Alter von 24 Jahren erreicht hat, wahlberechtigt. Die Wähler sind nach der Höhe ihrer Steuern in drei Klassen eingeteilt. Sie wählen zunächst die „Wahlmänner“ (Urwahlen), von denen dann die Abgeordneten auf fünf Jahre gewählt werden. Die Wahl ist mündlich und öffentlich. Das Abgeordnetenhaus zählt 433, das Herrenhaus ungefähr 275 Mitglieder. Beide beraten gemeinsam mit der Regierung die Gesetze und beschließen über Einnahmen und Ausgaben des Landes. — Es besteht allgemeine Schul- und Wehrpflicht. — Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich und können Staatsämter bekleiden. Sie genießen Freiheit des religiösen Bekenntnisses, sowie das Recht, Versammlungen abzuhalten und ihre Meinung frei zu äußern

Deutsche Einigungsversuche.

Das deutsche Volk hatte seine Hoffnungen auf ein einiges mächtiges Reich mit einem Kaiser an der Spitze noch nicht aufgegeben und suchte sie selbst zu verwirklichen. Schon als 1840 ein Krieg mit Frankreich drohte, war das Gefühl der Zusammengehörigkeit mächtig emporgelodert, und die Lieder „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ und „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“ wurden mit Begeisterung gesungen. Im Jahre 1848 traten zahlreiche Männer in Frankfurt a. M. zusammen und forderten das ganze deutsche Volk auf, Abgeordnete zu wählen und nach Frankfurt zu einer N a t i o n a l v e r s a m m l u n g zu senden. Der Bundestag (§. 111, 12) konnte die Wahlen nicht hindern, und die einzelnen Staaten ließen sie zu. Ungefähr 600 Abgeordnete versammelten sich in der Paulskirche in Frankfurt. Der Bundestag wurde für aufgelöst erklärt und eine Reichsverfassung beraten, nach der das geeinte Deutschland regiert werden sollte. Auch eine deutsche Kriegsflotte wurde aus freiwilligen Beiträgen gegründet. — Bald aber bildeten sich in der Nationalversammlung zwei Gruppen, von denen die eine Österreich, die andre Preußen die Führung des Reichs übertragen wollte. Schließlich erlangte die preußische Partei die Oberhand, und man wählte den König von Preußen zum erblichen deutschen Kaiser. Friedrich Wilhelm IV. lehnte die Kaiserkrone jedoch ab, weil sie ihm ohne das Einverständnis der Fürsten vom Volke allein angetragen wurde. Die von der Nationalversammlung beratene Reichsverfassung wurde von den meisten deutschen Staaten nicht angenommen. Das Volk wollte die Regierungen dazu zwingen, und in Sachsen und Baden brachen deshalb große Aufstände aus, die wurden aber mit Hilfe preußischer Truppen bald unterdrückt. Die Nationalversammlung löste sich schließlich auf; ihr Versuch, eine Einigung Deutschlands herbeizuführen, war gescheitert. Die Schiffe der kaum gegründeten deutschen Kriegsflotte wurden öffentlich versteigert.

Friedrich Wilhelms IV. Einigungsversuch.

Da versuchte Friedrich Wilhelm IV. dem deutschen Volke zu seiner Einigung behilflich zu sein. Er berief deshalb eine neue, aus Volkswahlen hervorgegangene Abgeordnetenversammlung nach Erfurt und lud die deutschen Fürsten zu einer Beratung nach Berlin ein. Aber Österreich arbeitete ihm mit den süddeutschen Staaten entgegen. Es suchte den Bundestag, sowie die alten Zustände, die der Wiener Kongreß geschaffen hatte, wiederherzustellen. Als Friedrich Wilhelm dem hessischen Volke, dessen Kurfürst die Verfassung seines Landes schmählich mißachtete, zu seinen Rechten verhelfen wollte, drohte ihm Österreich mit Krieg. Der König fühlte sich aber nicht stark genug, den Waffengang zu wagen. Im V e r t r a g e z u O l m ü t z beugte er sich vor Österreich, willigte ein, daß der Bundestag wiederhergestellt wurde, und gab die Versuche, Deutschland zu einigen, endgültig auf. So endeten des Königs Bemühungen mit einer schweren Demütigung Preußens. Seit dem Vertrage von Olmütz verzichtete Friedrich Wilhelm IV. darauf, eine führende Stellung in Deutschland einzunehmen. Der alte Gegensatz zwischen Österreich und Preußen blieb; die süddeutschen Staaten schlossen sich an Österreich, die norddeutschen Kleinstaaten an Preußen an. — Zum Vertreter Preußens beim Bundestage ernannte der König den Herrn v o n B i s m a r c k.

Schleswig-Holstein.

Seit Jahrhunderten waren die dänischen Herrscher zugleich Herzöge von Schleswig-Holstein. Es war diesen deutschen Ländern indessen gelobt worden, daß sie selbständig verwaltet werden und „auf ewig ungeteilt“ bleiben sollten. Im Jahre 1848 versuchten aber die Dänen, Schleswig ihrem Lande einzuverleiben und den Bewohnern die dänische Sprache aufzudrängen. Da griffen die Schleswig- Holsteiner mutig zu den Waffen. Preußen unterstützte sie und ließ Truppen einrücken, von denen die Dänen mehrmals besiegt wurden. Bald mischten sich jedoch fremde Staaten ein, und Preußen wurde im Vertrage zu Olmütz von Österreich gezwungen Schleswig-Holstein seinem Schicksale zu überlassen.

Friedrich Wilhelm IV. gründet eine preußische Flotte.

Während des Kampfes gegen Dänemark waren preußische Handelsschiffe von der dänischen Flotte weggenommen worden, ohne daß es Preußen hatte hindern können. Da beschloß Friedrich Wilhelm IV., eine Kriegsflotte zu gründen. Weil jedoch der Ausgang aus der Ostsee in den engen dänischen Meeresstraßen gesperrt werden konnte, Preußen aber nicht an die Nordsee heranreichte, kaufte er von Oldenburg den Jadebusen und baute dort einen Kriegshafen. Ein Vetter des Königs, Prinz Adalbert, wurde Admiral der jungen preußischen Flotte.

Fortschritte im Handel und Verkehr.

Die Veränderung im Verkehrswesen, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, schritt weiter fort. Ein Netz von Eisenbahnen überzog bald ganz Deutschland. Zwischen den deutschen Hafenstädten und Amerika entstanden regelmäßige Dampfschiffsverbindungen, so daß der Verkehr große Ausdehnung gewann. der elektrische Telegraph wurde eingeführt und ermöglichte die schnelle Übermittlung von Nachrichten.

Erwerbung von Hohenzollern.

Seit dem Anfange des 13. Jahrhunderts blühte noch in Süddeutschland ein Zweig des Hohenzollernhauses. Unter Friedrich Wilhelm IV. übergab der Fürst von Hohenzollern die Verwaltung seines Landes an Preußen und schloß sich enger an das königliche Haus an.

Kunst und Wissenschaft.

Friedrich Wilhelm IV. ließ in Berlin das Opernhaus, das neue Museum und die Schloßkapelle erbauen. Der Bildhauer Rauch schuf das herrliche Denkmal Friedrichs des Großen, das in der Straße „Unter den Linden“ seinen Standort erhielt. Die Stammburg des Hohenzollerngeschlechts und die stolze Marienburg, der alte Sitz des deutschen Ritterordens, wurden wiederhergestellt. Getreu seinem Wahlspruche: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ ließ Friedrich Wilhelm IV. über 400 neue Gotteshäuser in Preußen errichten. Der Bau des Kölner Doms, der seit Jahrhunderten unvollendet stand, wurde wieder aufgenommen. Die Vollendung dieses Meisterwerks der gotischen Baukunst (s. Abb. S. 49) hat der König jedoch nicht mehr erlebt. In seinen letzten Lebensjahren wurde Friedrich Wilhelm IV. von einer schweren Gemütskrankheit befallen, so daß er seine Herrscherpflichten nicht mehr erfüllen konnte; 1861 wurde er durch den Tod abgerufen.

Napoleon III.

In Frankreich war 1848 eine Revolution ausgebrochen, durch die die Königsfamilie vertrieben wurde. Die Franzosen erklärten das Land zur Republik und wählten einen Neffen Napoleons I. zum Präsidenten. Diesem gelang es nach einigen Jahren, sich unter dem Namen Napoleon III. zum Kaiser zu machen. Um der Ruhmsucht des französischen Volkes zu schmeicheln, mischte er sich 1853 in einen Streit zwischen Rußland und der Türkei und besiegte die Russen auf der Halbinsel Krim im Schwarzen Meere (Krimkrieg). — Dem italienischen Volke, das sich zu einem einheitlichen Staate zusammenschließen wollte, half Napoleon III., indem er die Österreicher besiegte und sie nötigte, die Lombardei abzutreten. So entstand 1861 das Königreich Italien. (Venetien, das bei Österreich blieb, und der vom Papste beherrschte Kirchenstaat, den Napoleon bestehen lassen wollte, gehörten noch nicht dazu.) Durch diese Siege wurde Napoleon III. der mächtigste Herrscher Europas.

Wilhelm I., der erste deutsche Kaiser aus dem Hause Hohenzollern. 1861—1888.

Der Prinz Wilhelm.

Dem kinderlosen Friedrich Wilhelm IV. folgte sein Bruder Wilhelm auf dem Throne. Er wurde am 22. März 1797 geboren und war der zweite Sohn Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise. Seine Kinderjahre fielen in die traurige Zeit von Preußens Erniedrigung. Mit Eltern und Geschwistern mußte er vor den Franzosen nach Memel fliehen. Als Knabe von 13 Jahren kniete er am Sterbebette seiner Mutter. Diese hatte stets seinen einfachen und pflichttreuen Sinn gerühmt. Er ist auch sein Leben lang in Wesen und Lebensweise einfach geblieben und hat bis zum Tode durch eiserne Pflichttreue seinem Volke ein leuchtendes Vorbild gegeben.

Von Jugend an zeigte Wilhelm I. der Prinz eine Vorliebe für den Soldatenstand und erwarb sich bald eine gründliche Kenntnis des militärischen Dienstes. Im Jahre 1814 begleitete er seinen Vater in den Krieg und zog zweimal mit in Paris ein. Als er älter geworden war, nahm er in der Armee bald eine führende Stellung ein. Im Jahre 1829 vermählte er sich mit der geistvollen Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar. Die Ehe wurde mit zwei Kindern gesegnet, dem nachmaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und der Prinzessin Luise, die sich später mit dem Großherzoge von Baden vermählte. — An der Spitze der preußischen Truppen warf Prinz Wilhelm 1848 den in Baden ausgebrochenen Volksaufstand nieder. Als Friedrich Wilhelm IV. 1858 in Krankheit verfiel, übernahm er unter dem Titel „Prinzregent“ für ihn die Regierung und bestieg 1861 nach dem Tode seines Bruders den preußischen Königsthron. Er ließ sich mit seiner Gemahlin in Königsberg feierlich krönen.

Verbesserung des Heeres.

Wenn Preußen das alte Ansehen, das es durch den Vertrag von Olmütz eingebüßt hatte, wiedererlangen wollte, so bedurfte es eines starken Heeres. Seine erste Aufgabe erblickte König Wilhelm daher in der Verbesserung und Vermehrung der Truppen, deren Anzahl nicht mehr im rechten Verhältnisse zu der angewachsenen Bevölkerung stand. Die Anzahl der Regimenter wurde verdoppelt; die Fußtruppen wurden mit dem Zündnadelgewehre bewaffnet; die Artillerie erhielt gezogene Hinterladekanonen. Um das Heer schneller kriegsbereit machen zu können, trennte der Kriegsminister von R o o n, der den König in diesen Fragen beriet, die Landwehr von den jüngeren Soldaten und bildete aus ihr besondere Truppenteile. Die dreijährige Dienstzeit wurde streng durchgeführt. — Bei diesen Plänen stieß der König aber auf den Widerstand des Abgeordnetenhauses, das die dazu nötigen Geldmittel nicht bewilligen wollte. Um die schwierigen Verhandlungen mit der Volksvertretung zu führen, wurde der bisherige Gesandte in Paris, O t t o v o n B i s m a r c k, vom Könige an die Spitze der Regierung berufen.

Otto von Bismarck,

geboren 1815 in Schönhausen, stammte aus einer Adelsfamilie der Altmark. Er besuchte in Berlin das Gymnasium zum grauen Kloster und studierte in Göttingen und Berlin die Rechte. Dann trat er in den Staatsdienst, verließ diesen aber wieder und bewirtschaftete seine väterlichen Güter an der Elbe. In der Heimat erwarb er sich bald Vertrauen und wurde zum Deichhauptmann gewählt, dem die Oberaufsicht über die schützenden Elbdämme oblag. 1847 kam er als Abgeordneter in den Landtag, wo er mit großer Schärfe die Rechte des Königs vertrat. Er wurde deshalb auch von Friedrich Wilhelm IV. zum Gesandten beim Bundestage in Frankfurt ernannt. Dort erkannte Bismarck, daß eine Einigung des deutschen Vaterlandes nie möglich sein werde, solange beide Großmächte, Österreich und Preußen, zu Deutschland gehörten. Später wurde Bismarck Gesandter in Petersburg und darauf in Paris. Als ihn König Wilhelm zum Ministerpräsidenten ernannte, sprach es Bismarck offen aus, daß Deutschland nicht durch Verhandlungen und Verträge, sondern nur durch „B l u t u n d E i s e n“ geeinigt werden könne. Er besaß das volle Vertrauen des Königs und war felsenfest von der Notwendigkeit der Heeresvermehrung überzeugt. Daher führte er mutig und mit zäher Willenskraft trotz aller Anfechtungen den schweren Streit mit dem Abgeordnetenhause.

Der Deutsch-Dänische Krieg 1864.

Die Dänen hatten ihre Bemühungen, Schleswig ihrem. Lande einzuverleiben, fortgesetzt. Sie sandten dänische Beamte und Lehrer nach Schleswig und belegten jeden, der seine deutsche Gesinnung offen zeigte, mit Geld- und Gefängnisstrafen. Im Jahre 1864 zwangen sie sogar ihren König, die Vereinigung Schleswigs mit Dänemark durch Gesetz zu erklären. Da nahmen sich Österreich und Preußen der bedrängten Schleswiger an und ließen Truppen in Schleswig-Holstein einrücken. Die Preußen wurden von einem Neffen König Wilhelms, dem Prinzen F r i e d r i c h K a r l befehligt; den Oberbefehl über alle Truppen führte der alte preußische Feld- marschall W r a n g e l.

Die Dänen wurden gezwungen, das Danewerk, einen langen Erdwall, der sich quer durch das Land zog, zu räumen, und gingen in die starken Düppler Schanzen zurück, die den Übergang nach der Insel Alsen deckten. Diese Schanzen bestanden aus zehn hohen Erdwerken, die durch Gräben, Pfahlwerk u. dgl. unzugänglich gemacht und mit schweren Geschützen besetzt waren. Während die Österreicher weiter nach Jütland vordrangen, begannen die preußischen Truppen die Düppler Schanzen zu belagern, und am 18. April 1864 früh 10 Uhr erfolgte unter dem Klange des Düppler Marsches der allgemeine Sturm auf die Wälle. Den Angriffskolonnen gingen Pioniere voran, die das Pfahlwerk sprengten und die Gräben mit Sandsäcken ausfüllten. Trotz des furchtbaren Feuers und der tapfersten Gegenwehr der Dänen flatterten schon nach einer Viertelstunde auf sechs eroberten Schanzen die preußischen Fahnen. Am Nachmittage fielen auch die letzten Befestigungen, und die Dänen flüchteten auf einer Schiffbrücke, die sie hinter sich abbrachen, nach Alsen. Bei der Schwäche der preußischen Flotte glaubten sie, hier vor einem Angriffe geschützt zu sein. Prinz Friedrich Karl ließ jedoch heimlich Kähne zusammenbringen; eine preußische Truppenmacht setzte in der Nacht nach Alsen über und brachte die Insel in ihre Gewalt. Die dänischen Schiffe erschienen zu spät, um den Übergang hindern zu können. Da sahen die Dänen ein, daß sie auch auf ihren Inseln nicht sicher waren. Sie traten im Frieden zu Wien Schleswig-Holstein, sowie das Herzogtum Lauenburg a. d. Elbe an Österreich und Preußen ab.

Der deutsche Krieg 1806.

a) A n l a ß.

Österreich verlangte, daß aus Schleswig-Holstein ein neuer Staat gebildet und der Herzog von Augustenburg, der alte Erbrechte besaß, an seine Spitze gestellt würde. König Wilhelm war einverstanden, forderte jedoch, daß sich der Herzog mit Heer- und Postwesen an Preußen anschlösse: denn ein neuer Staat im Norden war sonst für Preußen gefährlich. Dies wollten aber weder Österreich noch der Herzog. Durch einen Vertrag, den Bismarck zustande brachte, wurde der Streit vorläufig beigelegt. Schleswig sollte durch Preußen, Holstein durch Österreich verwaltet werden; Lauenburg wurde gegen eine Geldentschädigung Preußen überlassen. Für das Zustandekommen des Vertrags erhob König Wilhelm Bismarck in den Grafenstand. — Da der österreichische Statthalter die Anhänger des Herzogs von Augustenburg in Holstein frei gewähren ließ, hörten die Streitigkeiten wegen der beiden Herzogtümer jedoch nicht auf. Auf Bismarcks Beschwerden rief Österreich die Entscheidung des Bundestags an, und dieser beschloß, das Bundesheer kriegsbereit zu machen, um Preußen zum Nachgeben zu zwingen. Der Krieg zwischen den deutschen Stämmen war unvermeidlich geworden. Auf Österreichs Seite standen die süddeutschen Staaten, Hannover, Kurhessen, Nassau und die freie Stadt Frankfurt; die norddeutschen Kleinstaaten dagegen schlossen sich Preußen an. — Vorher schon hatte Bismarck mit Italien, das Venetien zu gewinnen hoffte, ein Bündnis geschlossen.

D i e B e s e t z u n g N o r d d e u t s c h l a n d s.

Nach einem Plane, den General v. M o l t k e aufgestellt hatte, rückten die preußischen Truppen überraschend schnell in Hessen, Sachsen und Hannover ein. Der Kurfürst von Hessen wurde gefangen genommen; seine Truppen hatten sich aber am Maine mit den Süddeutschen vereinigt. Der sächsischen Armee gelang es, nach Böhmen zu den Österreichern zu entkommen. Der König von Hannover suchte mit seinem Heere Bayern zu erreichen, wurde aber bei L a n g e n s a l z a von schwachen preußischen Abteilungen angegriffen und festgehalten. Die tapfere hannöversche Armee errang bei Langensalza zwar den Sieg, mußte sich aber einige Tage darauf gefangen geben, da sie von herbeigeeilten preußischen Streitkräften umstellt war. Dem Könige von Hannover wurde erlaubt, sich nach Österreich zu begeben.

D e r E i n m a r s c h i n B ö h m e n.

Das preußische Heer, das den Kampf gegen Österreich führte, war in drei Armeen eingeteilt. Die Elbarmee befehligte der General Herwarth von Bittenfeld, die I. Armee Prinz Friedrich Karl, die II. Armee der Kronprinz Friedrich Wilhelm. Sie sollten einzeln die Sudeten überschreiten und sich bei Gitschin in Böhmen vereinigen. Die Elbarmee und die I. Armee drangen von Norden her über das Gebirge und stellten die Verbindung unter sich her, nachdem sie die ihnen entgegentretenden feindlichen Abteilungen geschlagen hatten. Schwerer war die Aufgabe des Kronprinzen. Er mußte wegen der Enge der schlesischen Gebirgspässe drei voneinander entfernte Straßen benutzen, auf denen seine Truppen einzeln angegriffen und in das Gebirge zurückgeworfen werden konnten. Eine Heeresabteilung wurde auch wirklich von den Österreichern zurückgedrängt; aber die auf der mittleren Straße marschierende Garde wetzte die Scharte aus, indem sie am Tage darauf den Feind bei T r a u t e n a u besiegte. Glänzend löste General v. S t e i n m e t z, der mit seinem Korps die südöstlichste Straße eingeschlagen hatte, seine Aufgabe. Aus dem Gebirge heraustretend zertrümmerte er an drei hintereinander folgenden Tagen drei verschiedene österreichische Armeekorps, die sich ihm einzeln entgegenstellten. (Nach dem Orte der ersten Schlacht erhielt er den Ehrennamen „D e r L ö w e v o n N a c h o d“.) Die Verbindung der drei preußischen Armeen war nun hergestellt. König Wilhelm begab sich mit Moltke, Roon und Bismarck nach Böhmen und übernahm den Oberbefehl.

D i e S c h l a c h t b e i K ö n i g g r ä t z.

Der österreichische Oberbefehlshaber riet nun seinem Kaiser dringend, sofort Frieden zu schließen, da das österreichische Heer dem preußischen nicht gewachsen sei. Er erhielt jedoch den Befehl, eine Entscheidungsschlacht zu schlagen. Daher nahm er nordwestlich der Festung K ö n i g g r ä t z eine Verteidigungsstellung ein, die er noch befestigte; besonders stark besetzte er die Höhe von C h l u m. König Wilhelm beschloß, mit den beiden ersten Armeen sofort anzugreifen, und noch in später Nacht erhielt der Kronprinz Befehl, zu Hilfe zu kommen. Am 3. Juli 1 8 6 6 entbrannte die Schlacht. Besonders schwer litten die Magdeburgischen Regimenter unter General v. F r a n s e c k i, die in den „Swiepwald““ eingedrungen waren. Als ein weiteres Vorwärtskommen unmöglich war, setzten sich die tapferen Truppen am Waldrande fest, und General Fransecki stieß seinen Degen in die Erde mit den Worten: „Hier sterben wir!“ Im Kampfe mit mehr als vierfacher Übermacht und unter furchtbarem Geschützfeuer hielten die zusammengeschossenen Bataillone ihre Stellung fest. Endlich kam der Kronprinz mit seinem Heere auf dem Schlachtfelde an. Unablässig war die II. Armee gegen Flanke und Rücken des Feindes marschiert, und am Nachmittage erstürmte die preußische Garde die Höhe von Chlum. Um nicht abgeschnitten zu werden, mußte der tapfere Gegner den Rückzug antreten. Die blutigste und größte Schlacht seit der großen Völkerschlacht bei Leipzig war geschlagen worden. Auf der Höhe von Chlum traf König Wilhelm mit dem Kronprinzen zusammen, schloß ihn tief bewegt in die Arme und schmückte ihn mit dem höchsten preußischen Kriegsorden. — Die preußischen Heere drangen nun unaufhaltsam gegen Wien vor, so daß der Kaiser von Österreich schleunigst Friedensverhandlungen anknüpfte.

D e r M a i n f e l d z u g.

Die Streitkräfte, die gegen Süddeutschland zu fechten bestimmt waren, drängten die Bayern in mehreren siegreichen Gefechten über den Main und besetzten Frankfurt. Später überschritten die preußischen Truppen unter dem Befehle des Generals v. Manteuffel den Main und schlugen die Süddeutschen noch an der Tauber.

D e r F r i e d e n s s c h l u ß.

Die Friedensbedingungen, die dem besiegten Kaiserstaate auferlegt wurden, waren sehr milde. Bismarck wollte zwar Österreich aus Deutschland hinausdrängen, um die deutsche Einigung zu ermöglichen, es aber nicht zu einem unversöhnlichen Gegner machen. Auch galt es, durch einen schnellen Friedensschluß zu verhindern, daß Napoleon III. sich zum Schiedsrichter zwischen Österreich und Preußen aufwarf und als Lohn dafür deutsches Gebiet erlangte. Daher forderte Bismarck keine Landabtretung von Österreich; auch Sachsen blieb in ganzem Umfange erhalten. (Venetien freilich mußte Österreich an Italien überlassen, obgleich die Italiener zu Wasser und zu Lande geschlagen worden waren.) Österreich schied aus Deutschland aus, zahlte 60 Millionen Mark Kriegsentschädigung und verzichtete zugunsten Preußens auf Schleswig-Holstein. — Die süddeutschen Staaten zahlten ebenfalls geringe Kriegskosten. Sie schlossen auf Bismarcks Veranlassung mit Preußen ein geheimes Bündnis, nach dem sie im Falle eines Krieges ihre Truppen unter den Oberbefehl König Wilhelms stellten. — Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau, Hessen-Homburg und die freie Stadt Frankfurt a. M. wurden Preußen einverleibt.

E r g e b n i s s e d e s K r i e g e s.

Aus den erworbenen Gebieten wurden die drei Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover und Hessen-Nassau gebildet. Damit war der Zusammenhang zwischen den östlichen und westlichen Landesteilen Preußens, sowie der Zugang zur Nordsee hergestellt. — Alle Länder nördlich des Mains vereinigten sich unter Führung Preußens zu dem N o r d d e u t s c h e n B u n d e und bildeten ein einheitliches Militär-, Post-, Telegraphen-, Zoll- und Handelsgebiet. Der König von Preußen war der Präsident und Graf Bismarck der Kanzler des Bundes. Die Fürsten und freien Städte wurden bei der Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten durch Bevollmächtigte vertreten, die zu einem „Bundesrate“ zusammentraten; ein Reichstag, dessen Mitglieder vom Volke gewählt wurden, beriet mit dem Bundesrate die Gesetze. Ein gewaltiger Schritt zur Errichtung des ersehnten einigen deutschen Reiches war damit getan.

Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71.

A n l a ß.

Die Franzosen hatten die preußischen Ruhmestaten und die fortschreitende Einigung Deutschlands mit Besorgnis verfolgt. Napoleon befürchtete seinen Thron zu verlieren, wenn er nicht durch einen ruhmvollen Feldzug gegen Preußen sein wankendes Ansehen bei dem ehrgeizigen Volke befestigte. Ein Vorwand zum Kriege war bald gefunden. — Die Spanier boten 1 8 7 0 dem Prinzen Leopold von Hohenzollern die Königskrone an. Obgleich dieser Fürſt, der dem süddeutschen Zweige des Hohenzollerngeschlechtes angehörte, der Familie Napoleons näher verwandt war als dem preußischen Königshause, erklärte die französische Regierung, sie werde nicht dulden, daß ein Hohenzoller den spanischen Thron besteige, weil darin eine Bedrohung Frankreichs liege. Prinz Leopold verzichtete daraufhin auf die spanische Krone. Aber nun verlangte der französische Botschafter, König Wilhelm solle an Napoleon einen entschuldigenden Brief schreiben und versprechen, daß er auch für die Zukunft dem Prinzen Leopold die Annahme der spanischen Krone verbieten werde. Diese Zumutung, sich vor Napoleon zu demütigen, wies König Wilhelm, der in Ems zur Kur weilte, würdevoll zurück und erklärte, für ihn sei die Angelegenheit durch den Verzicht des Prinzen erledigt. Als der französische Botschafter neue Unterredungen nachsuchte, um seine Forderung zu wiederholen, ließ ihm der König sagen, er habe ihm nichts weiter mitzuteilen. In der französischen Volksvertretung waren inzwischen heftige Reden gegen Preußen gehalten worden, und in Paris zogen aufgeregte Menschenmassen mit dem Rufe: „Nach Berlin!“ durch die Straßen. Als Bismarck die telegraphische Nachricht von der Abweisung des französischen Botschafters in Ems veröffentlichte, stieg die Erregung in Paris auf den Gipfel. Der französische Kriegsminister teilte der Volksvertretung mit, zu einem Feldzuge sei alles völlig bereit, und so wurde der Krieg an Preußen erklärt. — König Wilhelm reiste, von brausendem Jubel des Volkes auf allen Bahnhöfen begrüßt, nach Berlin und befahl, das Heer kriegsbereit zu machen. Am Todestage seiner Mutter besuchte er die Gräber seiner Eltern und erneuerte dann den Orden vom Eisernen Kreuze. — Die süddeutschen Staaten, auf deren Abfall Napoleon III. gerechnet hatte, stellten dem Bündnisse getreu ihre Truppen unter König Wilhelms Befehl. Die wehrhaften Männer aller deutschen Stämme eilten unter dem Gesange der „Wacht am Rhein“ zu den Waffen. Alldeutschland nahm den Kampf auf.

D i e A u f s t e l l u n g d e r H e e r e.

In 14 Tagen und ohne Störung vollzog sich nach den Plänen des Generals von Moltke der Aufmarsch der deutschen Heere. Drei große Armeen wurden gebildet. Die I. Armee sammelte sich zwischen Koblenz und Trier; sie stand unter dem Befehle des Generals v. Steinmetz. Die II. Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl nahm in der Rheinpfalz Aufstellung. Die III. Armee setzte sich aus den süddeutschen Truppen und drei preußischen Korps zusammen; sie wurde in der Gegend von Mannheim zusammengezogen und von dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen befehligt, dem wie 1866 General v. Blumenthal als Berater beigegeben war. Zur Verteidigung der Seeküsten gegen die überlegene französische Flotte waren 90 000 Mann bestimmt. König Wilhelm begab sich mit Moltke, Roon und Bismarck an die Westgrenze und übernahm den Oberbefehl über die drei Armeen. — Die Franzosen hatten zwei Heere gebildet. Das eine, unter Bazaine (basähn), stand bei Metz, das andre, unter Mac Mahon, bei Straßburg. Zu diesem gehörten auch die Turkos, mohammedanisch-arabische Truppen, die aus Algier hergeholt worden waren. Napoleon hatte die Regierung seiner Gemahlin, der Kaiserin Eugenie, übertragen und sich der Armee Bazaines angeschlossen.

D i e S c h l a c h t e n a n d e r G r e n z e.

Der Aufmarsch der französischen Truppen ging trotz der stolzen Versicherung des Kriegsministers nur unter Schwierigkeiten von- statten; die Regimenter waren nicht vollzählig und ihre Ausrüstungen unvollständig. Trotz- dem drängte Napoleon zum Kampfe. Ein französisches Korps überschritt am 2. August die Grenze und griff die schwache Besatzung der preußischen Stadt S a a r b r ü c k e n lebhaft an. Die preußischen Truppen gingen vor der Übermacht tapfer kämpfend zurück, so daß die Franzosen in Saarbrücken einrücken konnten. Dieses unbedeutende Grenzgefecht wurde in Paris als großer Sieg gefeiert. Nachdem der Aufmarsch der Deutschen vollendet war, überschritt der Kronprinz mit der III. Armee zuerst die Grenze. Seine Truppen, Bayern und Preußen, griffen die Vorhut Mac Mahons am 4. August bei W e i ß e n b u r g an und erstürmten den dahinterliegenden steilen Geisberg. Zwei Tage darauf kam es mit Mac Mahons Hauptmacht bei W ö r t h zur Schlacht. Die Franzosen, die mit glänzender Tapfer- keit fochten, wurden von den Höhen des Flüßchens Sauer nach furchtbarem Kampfe ver- trieben. Um die Schlacht zu retten, warf Mac Mahon dem unaufhaltsam vordringenden deutschen Fußvolke seine Reitergeschwader entgegen; aber die stolzen Regimenter brachen unter dem vernichtenden Gewehrfeuer der Deutschen zusammen. In Unordnung flutete die geschlagene französische Armee zurück. — An demselben Tage griffen Teile der beiden andern Armeen die von den Franzosen besetzten S p i c h e r e r H ö h e n südlich von Saarbrücken an. Das preußische Fußvolk erkletterte unter schweren Verlusten die steilen Hänge und schlug die Franzosen in die Flucht.

D i e S c h l a c h t e n b e i M e t z.

Bazaine, der den Deutschen allein nicht mehr entgegenzutreten wagte, beschloß nun, weiter zurückzugehen und sich mit Mac Mahon, der seine geschlagene Armee ordnete und ergänzte, zu vereinigen. Er wurde aber von Steinmetz ungestüm angegriffen und gegen Metz gedrängt. Von hier standen ihm zwei Straßen, eine südliche und eine nördliche, zum Rückzuge zu Gebote. Die deutsche Heeresleitung wollte jedoch Bazaines Abmarsch verhindern. Die II. Armee überschritt deshalb südlich von Metz die Mosel, und das dritte Korps (Brandenburger), das sich an der Spitze befand, griff am 16. August die abziehenden Franzosen bei M a r s l a T o u r- V i o n v i l l e an. Wohl wurde der Feind dadurch am Weitermarsche gehindert, aber das eine preußische Korps wurde von der französischen Übermacht fast umklammert und erlitt furchtbare Verluste. Die preußische Reiterei versuchte durch mehrere große Angriffe das Fußvolk zu unterstützen und erfocht sich blutige Lorbeeren (Gedicht: Die Trompete von Mars la Tour). Endlich, als die Kräfte der braven Brandenburger fast erschöpft waren, kam die ersehnte Hilfe. Die nördliche Abmarschstraße war für Bazaine noch offen geblieben; er änderte jedoch seinen Plan und bezog westlich von Metz feste Stellungen. Hier traf ihn am 18. August von Süden und Westen her bei G r a v e l o t t e – St. P r i v a t der Angriff der I. und II. Armee. König Wilhelm führte selbst den Oberbefehl. Das zwölfte (königl. sächsische) Korps und die Garde umgingen in weit ausholendem Marsche den französischen rechten Flügel und erstürmten die Dörfer St. Marie und St. Privat. Mit diesem Erfolge war die Schlacht, die blutigste des ganzen Krieges, entschieden: Bazaine wurde in die Festung Metz hineingedrängt und darin von allen Seiten eingeschlossen. Napoleon hatte vor der Schlacht das Heer verlassen und war zu Mac Mahon geflohen. — Prinz Friedrich Karl belagerte nun mit der I. und II. Armee Metz. Drei Korps, nämlich die Garde, das vierte (Prov. Sachsen) und das zwölfte (Kgr. Sachsen), wurden aber ausgeschieden und als IV. Armee unter den Befehl des Kronprinzen Albert von Sachsen gestellt.

S e d a n.

Mac Mahon wollte mit seiner neu geordneten Armee Bazaine befreien und suchte auf einem Umwege von Norden her nach Metz zu gelangen. Die deutsche Reiterei stellte jedoch seine Bewegungen fest; die III. und IV. Krmee schwenkten in einem großen Bogen nach Norden, um ihm den Weg zu verlegen, und erreichten ihn im Tale der Maas, unfern der belgischen Grenze. Auf den Hochebenen östlich und südlich der kleinen Festung S e d a n hatte Mac Mahon sein Heer aufgestellt. Die deutschen Armeen griffen ihn hier am 1. September an und schlossen im Laufe des Tages weit um Sedan herum einen undurchdringlichen Ring. Trotz tapferster Gegenwehr wurden die Franzosen überall zurückgeworfen, und am Nachmittage fluteten die geschlagenen Truppen von allen Seiten in die überfüllte enge Stadt hinein. Dort waren sie dem Feuer der deutschen Geschütze widerstandslos preisgegeben. Jeder weitere Kampf war nutzlos. Napoleon hatte vergeblich versucht, auf dem Schlachtfelde einen ehrenvollen Soldatentod zu finden. Als er sah, daß seine Armee unrettbar verloren war, richtete er ein Schreiben an König Wilhelm, in dem es hieß: „Da es mir nicht vergönnt war, inmitten meiner Truppen zu sterben, so lege ich meinen Degen in die Hände Eurer Majestät!“ Daß sich Napoleon bei Mac Mahon befand, war im deutschen Heerlager unbekannt gewesen; um so größerer Jubel erhob sich nun, als die Nachricht von seiner Gefangennahme bekannt wurde. Der Rest der französischen Armee, 100 000 Mann, mußte sich am Tage nach der Schlacht dem Sieger ergeben. Tief ergriffen von den gewaltigen Ereignissen, telegraphierte König Wilhelm seiner Gemahlin: „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Napoleon wurde auf Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel bis zum Friedensschlusse gefangen gehalten; wenige Jahre danach ist er in England gestorben.

D e r B e l a g e r u n g s k r i e g.

Auf die Nachrichten von den Ereignissen in Sedan brach in Paris die Revolution aus. Napoleon wurde für abgesetzt und Frankreich zur Republik erklärt; die Kaiserin floh nach England. Aber keinen Fuß breit seines Landes, keinen Stein seiner Festungen wollte Frankreich dem Sieger überlassen. Es setzte, obgleich die deutschen Heere (III. und IV. Armee) Paris belagerten, den Krieg entschlossen fort: das ganze Volk wurde zu den Waffen gerufen. In den von den Deutschen besetzten Landesteilen bildeten sich bewaffnete Banden (Franktireurs), die kleinere deutsche Abteilungen überfielen. Die deutschen Truppen wurden durch die Belagerung von Straßburg, Metz, Paris und vieler kleineren Festungen festgehalten. Den zum Entsatze von Paris herbeieilenden französischen Volksheeren konnten daher nur schwache bayrische Abteilungen unter General von der Tann entgegengestellt werden. Diese schlugen die Franzosen in der Gegend von O r l e a n s in zahlreichen Gefechten und hielten sie so lange von Paris fern, bis andre deutsche Truppen frei wurden. — Straßburg, das sehr tapfer verteidigt wurde, mußte belagert und beschossen werden, ehe es sich Ende September dem General v. Werder ergab. Dieser begann darauf die Belagerung von Belfort. — In Metz hielt sich Bazaine noch längere Zeit. Er suchte durch mehrere große Ausfälle den Ring zu sprengen, der ihn einschloß. Als alle Lebensmittel aufgezehrt waren, mußte er jedoch die Festung und sein ganzes Heer von 180 000 Mann Ende Oktober übergeben.

D e r K a m p f g e g e n d i e R e p u b l i k.

Durch den Fall von Metz wurde das Heer des Prinzen Friedrich Karl frei. Dieser eilte zur Unterstützung der Bayern an die Loire und vernichtete das dort stehende große französische Entsatzheer in den Schlachten bei O r l e a n s u n d L e M a n s. — Eine andre französische Armee suchte von Norden her der bedrängten Hauptstadt zu Hilfe zu kommen, wurde aber bei St. Q u e n t i n ebenfalls geschlagen und zerstreut. — Ein drittes Heer sollte Belfort befreien und in Deutschland eindringen. General v. Werder hielt es jedoch in dreitägigen harten Kämpfen lauf, bis General v. Manteuffel zu seiner Unterſtützung herangekommen war. Dieser drängte die Franzosen sodann in das Juragebirge und zwang sie, in die Schweiz überzutreten. Dort wurden sie, noch 80 000 Mann stark, entwaffnet und bis zum Schlusse des Krieges gefangen gehalten. — Während dieser Kämpfe blieb Paris von den deutschen Truppen eingeschlossen; König Wilhelm leitete von Versailles aus, wo er in dem glänzenden Schlosse Ludwigs XIV. wohnte, die Belagerung der Stadt und die Bewegungen der Heere.

D i e K a i s e r p r o k l a m a t i o n z u V e r s a i l l e s.

Nach so herrlichen Ruhmestaten, die von allen deutschen Stämmen gemeinsam auf Frankreichs Erde vollbracht worden waren, konnte der Main nicht länger eine Grenzlinie zwischen Nord- und Süddeutschland bilden.

Im Laufe des Winters 1870/71 traten die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bunde bei, und Graf Bismarck bewog den König Ludwig von Bayern, im Namen aller deutschen Fürsten den greisen König Wilhelm zu bitten, die deutsche Kaiser- würde anzunehmen. Für das deutsche Volk sprach eine Abordnung des Norddeutschen Reichstages dieselbe Bitte aus. Am 18. J a n u a r 1871 w u r d e K ö n i g W i l h e l m v o n P r e u ß e n, u m g e b e n v o n e i n e r A n z a h l d e u t s c h e r F ü r s t e n u n d v o n s e i n e n s c h l a c h t e n e r p r o b t e n K r i e g e r n, i m S c h l o s s e z u V e r s a i l l e s z u m D e u t s c h e n K a i s e r a u s g e r u f e n. Ein mächtiges Deutsches Reich unter dem Kaiserhause der Hohenzollern war erstanden. Kronprinz Friedrich Wilhelm, der sich große Verdienste um die Erneuerung der Kaiserwürde erworben hatte, schrieb am Abende des unvergeßlichen Tages: „Die langjährigen Hoffnungen unsrer Voreltern, die Träume deutscher Dichtungen, sind erfüllt!“

D e r E i n z u g i n P a r i s.

In Paris, das sich noch immer hartnäckig ver- teidigte, war die Not auf das Höchſse gestiegen. Alle Vorräte waren aufgezehrt, die Hoffnungen auf Befreiung geschwunden. Die stolze Hauptstadt Frankreichs mußte dem deutschen Heere ihre Tore öffnen, und an der Spitze seiner tapferen Krieger zog Kaiser Wilhelm am 1. März 1 8 7 1 als Sieger ein.

D e r K a m p f z u r S e e.

Zu Beginn des Krieges erschienen große französische Geschwader in der Nord-und Ostsee und versperrten die Häfen, da die schwache preußische Flotte den Kampf auf offener See mit ihnen nicht wagen konnte. Nach den Niederlagen des französischen Heeres kehrten aber die feindlichen Schiffe nach Frankreich zurück, wo ihre Besatzungen als Landtruppen verwendet wurden. Bei Habana (Westindien) bestand das preußische Kanonenboot „Meteor“ ein siegreiches Gefecht mit einem französischen Kriegsschiffe, das schwer beschädigt in den fremden Hafen fliehen mußte.

D e r F r i e d e z u F r a n k f u r t.

Fast 400 000 französische Soldaten waren in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und 100 000 Mann über die belgische und schweizerische Grenze getrieben worden. Die Festungen des Landes, mehr als 7000 Geschütze und 110 Fahnen befanden sich in den Händen der Deutschen. Frankreich war völlig niedergeworfen und mußte um Frieden bitten. Er kam zu Frankfurt a. M. zustande. Frankreich trat Elsaß (ohne Belfort), sowie Deutsch-Lothringen ab und zahlte eine Kriegsentschädigung von 4000 Millionen Mark, bis zu deren Entrichtung französisches Gebiet besetzt blieb. — Elsaß-Lothringen wurde unmittelbares deutsches Reichsland. (Karte!) — Die Verdienste seiner getreuen Helfer Bismarck, Moltke und Roon erkannte Kaiser Wilhelm an, indem er Bismarck in den Fürstenstand, Moltke und Roon in den Grafenstand erhob; den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den Prinzen Friedrich Karl und Moltke ernannte er zu Generalfeldmarschällen.

M o l t k e u n d R o o n. H e l l m u t h v. M o l t k e wurde im Jahre 1800 in Mecklenburg geboren. Er war erst dänischer Offizier, trat aber dann in preußischen Dienst, wo er zum General emporstieg. Die Pläne der Feldzüge 1864, 1866 und 1870/71 sind von ihm entworfen worden, und daher gebührt ihm an den großen Erfolgen ein Hauptverdienst. Er war ein hagerer Mann und erhielt wegen seines ernsten und wortkargen Wesens den Beinamen „der große Schweiger“. Bis 1888 stand er an der Spitze der Armee. Er starb 1891 in Berlin. — A l b r e c h t v. R o o n, geboren 1803, verbesserte als Kriegsminister Einrichtung und Bewaffnung der preußischen Armee. Durch die von ihm durchgeführte Vermehrung des Heeres, das nach seinen Händen in 14 Tagen kriegsbereit gemacht werden konnte, schuf er die Vorbedingungen, durch die die Siege der drei Feldzüge ermöglicht wurden. Er starb 1879.

Die deutsche Reichsverfassung.

Das Deutsche Reich bildet einen Bundesstaat, zu dem vier Königreiche, sechs Großherzogtümer, fünf Herzogtümer, sieben Fürstentümer, drei freie Städte und das Reichsland Elsaß-Lothringen, zusammen also 26 Staaten, gehören (s. II, S. 39). An seiner Spitze steht der König von Preußen als e r b l i c h e r D e u t s c h e r K a i s e r. Er ist Oberbefehlshaber über Heer und Flotte, erklärt Krieg, schließt Frieden, vertritt das Reich dem Auslande gegenüber und ernennt die Reichsbeamten. Der Bundesrat besteht aus 58 Mitgliedern, die von den einzelnen Regierungen ernannt werden. (Preußen hat 17 Stimmen, Bayern 6 usw.) Er bereitet die Gesetze vor, die der Reichstag beraten soll. — Der Reichstag zählt 379 Mitglieder, die auf fünf Jahre gewählt werden; die Wahl erfolgt durch Stimmzettel und ist geheim. Jeder deutsche Mann, der 25 Jahre alt ist, darf wählen und gewählt werden. Der Reichstag gibt in Gemeinschaft mit dem Bundesrate Gesetze und bestimmt über Einnahmen und Ausgaben des Reiches. — Der R e i c h s k a n z l e r, der vom Kaiser ernannt wird, leitet alle Angelegenheiten des Reiches.

Die Friedenszeit.

D e u t s c h l a n d s W e l t s t e l l u n g.

„Allezeit Mehrer des Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an Gütern und Gaben des Friedens“ hatte Kaiser Wilhelm am 18. Januar 1871 in Versailles versprochen. Siebzehn Jahre hat er an der Spitze des Reiches gestanden, für die ganze Welt ein Schirmherr des Friedens. Beraten von seinem großen Kanzler, dem Fürsten Bismarck, wahrte er dem deutschen Volke die geachtete Stellung, die es sich unter blutigen Opfern erkämpft hatte. Auf Einladung Deutschlands traten Gesandte aller gebildeten Völker zusammen und gründeten 1 8 7 4 den W e l t p o s t v e r e i n. Durch ihn wurde es ermöglicht, für billigen Preis Briefe usw. nach allen Teilen der Erde zu senden. — Als nach einem Feldzuge Rußlands gegen die Türkei 1877/78 wegen der Friedensbedingungen zwischen den Völkern Europas Krieg auszubrechen drohte, lud Fürst Bismarck Vertreter der europäischen Staaten zu dem B e r l i n e r K o n g r e s s e ein. Hier wurden unter seinem Vorsitze die Verhältnisse der Balkanhalbinsel geordnet und die Streitigkeiten beigelegt. — Unablässig war der große Kaiser bemüht, das H e e r und die neugegründete kaiserliche F l o t t e , in der die preußische Kriegsflotte aufgegangen war, schlagfertig zu erhalten. Die Festungen Metz und Straßburg wurden durch Außenwerke verstärkt, die Kriegshäfen Kiel und Wilhelmshafen ausgebaut. — Mit Österreich schloß Fürst Bismarck 1879 ein Bündnis, dem später auch Italien beitrat. Dieser D r e i b u n d erwies sich im Laufe der Jahre als ein mächtiger Hort des Friedens. — Unter dem Schutze des Reiches nahm der Seehandel einen ungeheuern Aufschwung. Um den Verkehr zwischen Nord- und Ostsee zu erleichtern und in Kriegszeiten der deutschen Flotte eine schnelle Vereinigung zu ermöglichen, wurde der Bau des N o r d o s t s e e – K a n a l s in Angriff genommen. — Im Jahre 1883 erwarb Deutschland seine ersten Kolonien und suchte damit nachzuholen, was es in der traurigen Zeit der deutschen Uneinigkeit versäumt hatte. Wenn auch die wertvollsten überseeischen Länder sich schon in den Händen andrer Völker befanden, so besitzt Deutschland doch in Togo, Kamerun, Südwestafrika, Ostafrika, Neuguinea und den Südseeinseln Gebiete, die eine große Zukunft versprechen.

D e r i n n e r e A u s b a u.

Mit der Sorge um Deutschlands Weltstellung ging der innere Ausbau des Reiches Hand in Hand. Eine einheitliche G e r i c h t s v e r f a s s u n g wurde eingeführt und als oberster Gerichtshof das R e i c h s g e r i c h t in Leipzig eingesetzt. — In Preußen wurden die Eisenbahnen, soweit sie sich noch im Besitze von Gesellschaften befanden, vom Staate gekauft und unter einheitliche Verwaltung gestellt. —

Mit der fortschreitenden Gründung von Fabriken wuchs die Zahl der Menschen, die in ihnen Beschäftigung fanden; die Arbeiterklasse wurde durch Zuzug vom Lande allmählich die zahlreichste im Reiche. Da der Absatz der Ware oft Schwankungen unterworfen ist und bei geringem Verkaufe nicht selten Leute entlassen wurden, so geriet der Arbeiter mit seiner Familie in eine unsichere Lebenslage und mußte besonders in Tagen der Krankheit oft Not leiden. Da richtete Kaiser Wilhelm 1881 an den Reichstag die Aufforderung, zur Besserung der Lage der Arbeiterklasse besondere Gesetze zu beraten. So entstanden das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz.

Wichtige Gesetze des neuen deutschen Reichs.

1) G e s e t z ü b e r d i e F r e i z ü g i g k e i t (1868): Jeder Deutsche darf innerhalb des Reichs seinen Wohnsitz nehmen, wo er will.

2) G e s e t z ü b e r d e n U n t e r s t ü t z u n g s w o h n s i t z (1870): Wer in eine hilflose Lage gerät, muß von der Gemeinde, in der er zuletzt ununterbrochen 2 Jahre lang gewohnt hat, unterstützt werden.

3) H a f t p f l i c h t g e s e t z (1871): Wenn jemand beim Betriebe der Eisenbahnen, Bergwerke und Fabriken verletzt oder getötet wird, so ist der Unternehmer haftpflichtig und muß den Verletzten oder die Familie des Getöteten mit Geld entschädigen. Nur dann ist er nicht haftpflichtig, wenn der Unfall durch eigenes Verschulden des Geschädigten oder durch höhere Gewalt, z. B. Blitzschlag, verursacht worden ist.

4) K r a n k e n v e r s i c h e r u n g s g e s e t z (1883): Erkrankten Arbeitern und Arbeiterinnen wird freie ärztliche Behandlung und freie Medizin, sowie vom dritten Tage der Erkrankung an bis zur Dauer von 13 Wochen die Hälfte des durchschnittlichen Tagelohnes als Krankengeld gewährt. Stirbt der Kranke, so erhalten die Hinterbliebenen Sterbegeld. Zu den Krankenkassen haben die Arbeiter 2/3 (in der Regel 2% des Tagelohnes), die Arbeitgeber 1/3, der Beiträge zu zahlen.

5) U n f a l l v e r s i c h e r u n g s g e s e t z

(1884): Erleidet ein Arbeiter einen Betriebsunfall, so haben während der ersten 13 Wochen die Krankenkassen für ihn einzutreten. Don der 14. Woche an erhält er außer den Kosten des Heilverfahrens eine Rente, bis er wieder erwerbsfähig ist. Bleibt der Verletzte vollständig erwerbsunfähig, so beträgt die Rente 2/ 3 seines Arbeitsverdienstes; stirbt er, so empfängt seine Familie neben dem Sterbegelde eine dauernde Rente. — Die Beiträge werden von den Arbeitgebern gezahlt.

In Preußen sind seit 1883 alle Einwohner, die weniger als 900 Mk. Einkommen jährlich haben, von der Staatssteuer befreit; 1889 wurde das Schulgeld an den öffentlichen Volksschulen aufgehoben. (Vgl. auch S. 134!) Um die Erinnerung an die Ruhmestaten der Väter auch in den kommenden Geschlechtern wach zu erhalten, errichtete man das Nationaldenkmal auf dem Niederwalde bei Rüdesheim, das im Beisein des greisen Kaisers feierlich enthüllt wurde.

Kaiser Wilhelms Lebensabend.

Kaiser Wilhelm blieb trotz der großen Erfolge, an denen sein langes Leben so reich war, anspruchslos und bescheiden. Ein eisernes Feldbett war seine Lagerstatt, und seine Zimmer in Babelsberg bei Potsdam, wo er gern im Sommer weilte, zeigten eine schlichte Ausstattung. In Berlin bewohnte er ein einfaches Gebäude am Opernplatze, das er schon als Prinz bezogen hatte. In dem zu ebener Erde gelegenen geräumigen Eckzimmer erledigte er bis in sein hohes Alter hinein die Regierungsgeschäfte. Mittags um 1 Uhr, wenn die Schloßwache mit klingendem Spiele vorüberzog, pflegte er sich von seinem Schreibtische zu erheben und an das Eckfenster zu treten. Da diese Gewohnheit bekannt war, sammelten sich täglich zur Mittagszeit Hunderte von Menschen dem „historischen Eckfenster“ gegenüber, um den greisen Helden zu sehen. Mit freundlichem Gruße erwiderte der alte Kaiser die Huldigungen der Menge, ehe er in das Zimmer zurücktrat. — Im Jahre 1879 feierte Kaiser Wilhelm unter herzlicher Teilnahme seines Volkes mit seiner treuen Lebensgefährtin, der Kaiserin Augusta, das Fest der goldenen Hochzeit; 1882 wurde sein erster Urenkel, der jetzige Kronprinz, geboren. Mit den fröhlichen Worten: „Hurra, vier Kaiser“ empfing er die freudige Nachricht. — Die große Verehrung, die Kaiser Wilhelm in der ganzen Welt genoß, zeigte sich besonders, als er seinen 90. Geburtstag feierte. Fast 100 Fürsten aus Deutschland und vielen andern Staaten kamen in Berlin zusammen, um ihn, den ältesten Herrscher der Erde, zu beglückwünschen. — Aber auch das Leid verschonte den hochbetagten Kaiser nicht. Von tiefem Schmerze wurde er ergriffen, als sein einziger Sohn an einem schweren Halsleiden B i l d Heilung erkrankte und in dem milderen Klima Italiens Heilung suchen mußte.

Greisenalter hinein hatte Gott dem Kaiser die Rüstigkeit erhalten. Noch als hoher Achtziger konnte Wilhelm I. das Roß besteigen, um seine Truppen zu besichtigen; schließlich aber machte sich doch die Schwäche des Alters geltend. Nach seinem 90. Geburtstage kränkelte Kaiser Wilhelm häufig, und im März 1888 nahte das Ende. Da sein Sohn noch in Italien weilte, besprach er im Beisein des Fürsten Bismarck mit seinem Enkel, dem Prinzen Wilhelm, die Zukunft des Reiches und gab ihm seine Ratschläge.

Auf die Bitte, sich zu schonen, äußerte er: „Ich habe keine Zeit, müde zu sein!“ Noch auf dem Sterbebette unterschrieb er ein wichtiges Schriftstück, das ihm Fürst Bismarck vorlegte. Am 9. März 1888 schloß Kaiser Wilhelm im Glauben an seinen Erlöser für immer die Augen. Mit banger Befürchtung hatte man im ganzen deutschen Vaterlande die Berichte vom Krankenlager erwartet und tiefe Trauer ergriff bei der Todesnachricht die Herzen. Die Erinnerung an die ehrwürdige Greisengestalt Kaiser Wilhelms I. wird im deutschen Volke unauslöschlich fortdauern. „Lebe wohl, alter Kaiser!“ stand oben am Brandenburger Tore angeschrieben, als der Zug mit der Leiche des ersten Deutschen Hohenzollernkaisers die Stadt Berlin verließ.

Kaiserin Augusta.

Kaiserin Augusta war ihrem Gemahle in Freud und Leid eine verständnisvolle Gefährtin, ihrem Volke eine echte Landesmutter. Ihre schönste Aufgabe erblickte sie darin, Not zu lindern und Tränen zu trocknen. Armen-, Kranken- und Waisen- häuser, Volksküchen und viele andre Wohltätigkeitsanstalten sind auf ihre Veranlassung errichtet worden. Eine besonders rege Liebestätigkeit entfaltete sie während der Feldzüge, als es galt, den Tausenden von Verwundeten und Kranken Hilfe zu spenden. Um die Pflege im Kriege in feste Ordnung zu bringen, gründete sie den V a t e r l ä n d i s c h e n F r a u e n ve r e i n, der bei Ausbruch eines Krieges Lazarette, Ärzte und Krankenpflegerinnen in das Feld sendet. Schon 1870 hat er außerordentlich segensreich gewirkt und dazu beigetragen, daß viele verwundete und kranke Soldaten die Gesundheit wiedererlangt haben. — Am liebsten hielt sich die Kaiserin Augusta in Koblenz auf, wo sie am Rheine schöne Gartenanlagen geschaffen hat. In ihrem hohen Alter traf sie mancherlei Leid; im Jahre 1888 verlor sie den unvergeßlichen Gemahl und wenige Monate später den einzigen Sohn. In Gottergebung hat sie das ihr auferlegte Geschick getragen, bis sie, zwei Jahre später, 78 Jahre alt, von der Erde abgerufen wurde. Sie liegt neben Wilhelm I. zu Charlottenburg begraben.

Friedrich III. 1888.

Jugendzeit.

Kaiser Friedrich III. Wurde am 18. Oktober 1831 geboren. Seine Eltern nannten ihn Fritz; als er aber nach der Thronbesteigung seines Vaters Kronprinz von Preußen wurde, führte er den Namen Friedrich Wilhelm. Er besuchte als erster preußischer Prinz, der seine Bildung auf einer Hochschule abschloß, die Universität Bonn.

Militärische Übungen und Unterricht in den Kriegswissenschaften wurden daneben nicht versäumt. In ihm vereinte sich die Kaiser Friedrich III. soldatische Art des Vaters mit der von der Mutter ererbten Liebe zu Kunst und Wissenschaft. Durch sein heiteres Wesen, seine Leutseligkeit und Herzensgüte erwarb er sich die Zuneigung aller, mit denen er in Berührung kam. Er wuchs zu einem stattlichen Manne mit mächtigem blonden Vollbarte heran.

Sein Familienleben.

Im Alter von 27 Jahren verheiratete sich Kronprinz Friedrich Wilhelm mit der Prinzessin Viktoria von England. Dem hohen Paare, das ein sehr glückliches Familienleben führte, wurden acht Kinder, vier Söhne und vier Töchter, geboren. Besonders gern verweilte die kronprinzliche Familie auf dem Gute Bornstedt bei Potsdam, wo die jungen Prinzen und Prinzessinnen oft in ungezwungenen Verkehr mit den Kindern des Dorfes traten.

Sein Wirken für das Vaterland.

Im Kriege gegen Dänemark 1 8 6 4 war der Kronprinz dem General Wrangel als Berater beigegeben, und im Jahre 1866 führte er die II. Armee. Als er sich in Schlesien befand und die Feindseligkeiten eröffnet werden sollten, erhielt er unerwartet die Nachricht von dem Tode eines seiner Söhne. (Ein andrer Sohn starb 1879.) Gern wäre er nach Berlin geeilt, um seiner Gemahlin in den Tagen der Trauer zur Seite zu stehen, doch die Pflicht gegen das Vaterland erlaubte es nicht. Der Kronprinz erwies sich als ein geschickter und kaltblütiger Heerführer, der seinen Truppen unbegrenztes Vertrauen einflößte. Durch sein rechtzeitiges Eingreifen entschied er die Schlacht bei Königgrätz. Große Verdienste erwarb er sich auch beim Friedensschlusse, indem er den Grafen Bismarck, der Österreich keine Gebietsabtretung auferlegen wollte, aber mit seiner Ansicht allein stand, erfolgreich unterstützte. — Im französischen Kriege 1870/71 befehligte der Kronprinz die süddeutschen Truppen (III. Armee), deren Zuneigung er sich bald in hohem Maße erwarb. Brausender Jubel erhob sich unter den Kriegern, wenn er sie mit einem freundlichen Worte begrüßte, oder wenn er, die kurze Pfeife im Munde, an ihrer Seite dahinritt. Der Sieg von Wörth, die gewaltigen Ereignisse von Sedan sind mit seinem Namen untrennbar verknüpft. Für die Einigung Deutschlands und die Erneuerung der Kaiserwürde ist er mit ganzer Seele eingetreten. Wilhelm I. war anfangs wenig geneigt, die Kaiserwürde zu übernehmen, mit der bei ihm die Erinnerung an die verunglückten Einigungsversuche seines Bruders Friedrich Wilhelms IV. verbunden war. Er wollte am liebsten nur König von Preußen bleiben; doch dem Kronprinzen gelang es im Verein mit dem eisernen Kanzler, alle Bedenken seines Vaters zu zerstreuen. Seinem herzgewinnenden Wesen ist es zu danken, daß die frühere Abneigung der Süddeutschen gegen Preußen schnell überwunden wurde.

Krankheit und Tod.

Im Jahre 1887 erkrankte der Kronprinz an einem Halsleiden, und bald vernahm man im deutschen Volke mit sorgenvoller Trauer, daß die Krankheit sich mehr und mehr verschlimmere. Die Ärzte sandten den kranken Fürsten, der seine Leiden mit großer Geduld und Ergebung trug, nach verschiedenen Kurorten und zuletzt nach Italien. Dort traf ihn die Nachricht von dem Tode seines Vaters. Als sterbenskranker Mann eilte er trotz des rauhen Winterwetters nach Deutschland, und übernahm als „Kaiser Friedrich III.“ die deutsche Kaiserwürde und die preußische Königskrone. Nur 99 Tage hat er die Regierung geführt. Fürst Bismarck blieb an der Spitze der Staatsleitung. Seine Dankbarkeit für treu geleistete Dienste bewies Kaiser Friedrich auch dadurch, daß er den General v. Blumenthal, der ihm 1866 und 1870/71 zur Seite gestanden hatte, zum Feldmarschall ernannte. — Die schreckliche Krankheit machte immer weitere Fortschritte. Kaiser Friedrich war bald nicht mehr imstande zu sprechen und mußte seine Wünsche schriftlich mitteilen. Mit heldenhafter Überwindung trug er alle Schmerzen; seinem ältesten Sohne, dem Kronprinzen Wilhelm, schrieb er einst auf einen Zettel: „Lerne leiden, ohne zu klagen!“ Mit wehmütiger Freude wohnte er der Vermählung seines zweiten Sohnes, des Prinzen Heinrich, bei und nahm auch noch, auf seinen Säbel gestützt im Wagen stehend, über die 2. Garde-Infanterie-Brigade, die der Kronprinz Wilhelm ihm vorführte, eine Parade ab.

Am 15. Juni 1888 machte ein sanfter Tod dem schweren Leiden des edlen Fürsten ein Ende. Wenn Kaiser Friedrich III., den man wegen seiner Gestalt und seines Schicksals mit dem Helden Siegfried verglichen hat, den deutschen Kaiserthron auch nur wenige Monate lang einnahm, so wird sein Name doch im Herzen des deutschen Volkes unauslöschlich fortleben. Mit der Geschichte der deutschen Einigung und der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches ist er für alle Zeiten verknüpft. – Kaiser Friedrichs Gemahlin starb im Jahre 1901 auf Schloß Friedrichshof im Taunus, wohin sie sich zurückgezogen hatte.

Wilhelm II.

Jugendzeit.

Wilhelm II., der älteste Sohn des Kaisers Friedrich, erblickte am 27. Januar 1859 das Licht der Welt. Wie bei allen Hohenzollernprinzen, so ging auch bei ihm die Ausbildung des Geistes und Körpers Hand in Hand. Als Knabe sah er Vater und Großvater in den Krieg ziehen, und Begeisterung erfüllte ihn, wenn er von den hohen Taten hörte, die unter ihrer Führung geschahen. Später wurde Prinz Wilhelm auf das Gymnasium zu Kassel gesandt; er war der erste Hohenzoller, der eine öffentliche Schule besuchte. Machdem er 1877 die Abgangsprüfung mit Ehren bestanden hatte, bezog er die Universität Bonn, um Rechts- und Staatswissenschaften zu studieren; mit Vorliebe beschäftigte er sich daneben mit Weltgeschichte. An dem fröhlichen Leben und Treiben der Studenten nahm der Prinz in frischer Jugendlust teil. Nach zwei Jahren des Studiums wurde er von dem Fürsten Bismarck in die Staatskunst eingeführt. — Mit Leib und Seele war Prinz Wilhelm Soldat. Den Dienst der verschiedenen Waffengattungen lernte er gründlich kennen, und es erfüllte ihn mit besonderer Freude, als ihn der berühmte Heerführer Prinz Kaiserin Auguste Viktoria Friedrich Karl einst wegen seiner geschickten Führung des Garde-Husarenregiments lobte.

Vermählung.

Im Jahre 1 8 8 1vermählte sich Prinz Wilhelm mit der Prinzessin Auguste Viktoria, der ältesten Tochter des Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Die junge Fürstin gewann sich durch ihre natürliche Anmut und große Herzensgüte bald die Zuneigung der kaiserlichen Familie und die Liebe des Volkes. — Am 6. Mai 1882 wurde dem Prinzen der erste Sohn, der jetzige Kronprinz Wilhelm, geboren. Noch fünf Söhne (die Prinzen Eitel Friedrich, Adalbert, August Wilhelm, Oskar, Joachim) und eine Tochter (die Prinzessin Viktoria Luise), die alle fröhlich gediehen, wurden dem jungen fürstlichen Ehepaare im Laufe der Jahre geschenkt. Ein inniges Band der Liebe umschlingt Eltern und Kinder zu einem glücklichen und vorbildlichen Familienleben.

Regierungsantritt.

Das Trauerjahr 1888 raubte dem deutschen Volke seine beiden ersten Hohenzollernkaiser. Im Alter von 29 Jahren übernahm Wilhelm II. die preußische Königskrone und die deutsche Kaiserwürde. In Gegenwart der deutschen Fürsten, die einmütig an seine Seite geeilt waren, eröffnete er den ersten Reichstag unter seiner Regierung. Wie sein großer Vorfahr Friedrich II. gelobte er, sich jederzeit als ersten Diener seines Staates zu betrachten. In dem Verhältnis des Reiches zu den andern Völkern trat keine Änderung ein. Der Dreibund blieb bestehen und wurde nach Ablauf seiner Geltungsfrist erneuert; Fürst Bismarck lenkte nach wie vor mit Meisterhand die Geschicke Deutschlands. Durch Besuche bei den Fürsten Europas suchte Kaiser Wilhelm Vertrauen zu erwerben und den Weltfrieden zu sichern.

Kaiser und Kanzler.

Schon in den ersten Jahren der Regierung Wilhelms II. zeigte es sich, daß die Ansichten des jungen Kaisers in vielen Dingen von denen des Fürsten Bismarck abwichen. Besonders in bezug auf die Arbeiter-Schutzgesetzgebung, die der Kanzler weniger weit auszudehnen beabsichtigte, ergaben sich tiefgehende Meinungsverschiedenheiten. Wohl erkannte der Kaiser die unvergänglichen Verdienste des Fürsten um Deutschlands Einigung und um das Reich freudig an. Der junge, tatkräftige Herrscher, der „sein eigener Kanzler“ sein wollte, wünschte jedoch mancherlei Regierunggeschäfte, die Fürst Bismarck bisher allein geführt hatte, selbst in die Hand zu nehmen. Daher wurde der alte Reichskanzler im Jahre 1890 unter Erhebung zum „Herzoge von Lauenburg“ entlassen und zog sich auf sein Gut Friedrichsruh im Sachsenwalde bei Hamburg zurück. — Später kam es zur Freude des deutschen Volkes wieder zu einer Annäherung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Fürsten; aber seinen Sachsenwald hat der große, eiserne Kanzler, „der getreue Eckart“ des deutschen Volkes, nicht wieder verlassen. In Friedrichsruh schloß er am 30. Juli 1898 die Augen zur ewigen Ruhe. Sein Grabmal trägt die von ihm selbst bestimmte Inschrift: „Fürst v. Bismarck, ein treuer, deutscher Diener Kaiser Wilhelms I“

Heer und Flotte.

Unermüdliche Arbeit verwendet Kaiser Wilhelm darauf, das Heer schlagfertig zu erhalten. Der wachsenden Volkszahl entsprechend, ist es vermehrt worden und zählt jetzt in Friedenszeiten über eine halbe Million Soldaten. Da die Dienstzeit bei den meisten Waffengattungen auf zwei Jahre herabgesetzt ist, muß mit erhöhtem Eifer an der Ausbildung der Soldaten gearbeitet werden. — Sodann hat sich Kaiser Wilhelm die besondere Aufgabe gestellt, eine achtunggebietende Flotte zu schaffen.

Das deutsche Gewerbe hat sich gewaltig entwickelt. Millionen von Arbeitern stellen nur Waren her, die nach dem Auslande verkauft werden, so daß Deutschland eine Welt- handelsmacht geworden ist. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser!“ Um den Absatz der Handelserzeugnisse in überseeischen Ländern zu sichern und die Machtstellung des Reiches zu erhalten, ist dem deutschen Volke eine Flotte „bitter not“. Der im Jahre 1895 fertiggestellte Kaiser Wilhelms-Kanal ermöglicht eine schnelle, ungehinderte Vereinigung der Nordsee- und Ostseegeschwader. Admiral Prinz Heinrich, der Bruder des Kaisers, ist von Jugend auf für den Seemannsberuf erzogen und nimmt in der Kriegsflotte die höchste Stellung ein; ein Sohn des Kaisers, Prinz Adalbert, gehört ebenfalls der Marine an.

Die Kämpfe in China.

Heer und Flotte haben auch in den letzten Jahren ihre Tüchtigkeit beweisen müssen. In Peking, der Hauptstadt Chinas, wurde 1900 der deutsche Gesandte meuchlerisch ermordet, und chinesische Soldaten schlossen die europäischen Gesandtschaften ein. Ein Entsatzversuch, der durch Truppen verschiedener europäischer Länder unternommen wurde, mißlang. Als die kleine Abteilung auf dem Rückzuge einmal in besonders gefährliche Lagen geriet, ertönte aus den Reihen der fremden Krieger der Ruf: „Die Deutschen an die Spitze!“ Der Tüchtigkeit deutscher Matrosen und ihres Führers war das Gelingen des Rückzugs vornehmlich zu danken. Später wurden die in Peking eingeschlossenen Europäer von einer größeren, aus Truppen verschiedener Länder zusammengesetzten Abteilung befreit. Unter Führung des deutschen Generals Grafen Waldersee, der mit 20 000 Mann nach Ostasien entsandt wurde, gelang es dann den europäischen Truppen, Friede und Ordnung wiederherzustellen. — Auch die Flotte erkämpfte sich in China Lorbeeren. Bei der Erstürmung der an der Meeresküste gelegenen chinesischen Befestigungen hielt das kleine Kanonenboot „Iltis“ trotz großer Verluste unerschütterlich in furchtbarem Geschützfeuer aus und trug zum Gelingen des Angriffs das meiste bei.

Die Kolonien.

Im Jahre 1890 tauschte das Reich gegen ostafrikanisches Gebiet von England die Insel Helgoland ein; 1897 wurde die Bucht von Kiautschou auf 99 Jahre von China gepachtet. Durch Kauf kamen die im Stillen Ozeane liegenden Karolinen, Ladronen und Palau-Inseln von Spanien an Deutschland, und später wurde noch die wertvolle Samoagruppe erworben. Die von wilden Völkerschaften bewohnten Kolonien bereiten dem Reiche nicht selten Schwierigkeiten. So brach in Südwestafrika 1904 ein blutiger Aufstand aus, zu dessen Unterdrückung ungefähr 15 000 Mann freiwillig hinauszogen. Bei den ungeheuern Schwierigkeiten des Feldzuges in dem wilden und wasserarmen Lande haben die deutschen Krieger glänzend bewiesen, daß die alten Tugenden der Väter: Tapferkeit, Kriegszucht und williges Ertragen von Anstrengungen in Heer und Flotte noch lebendig sind.

Handel und Verkehr.

In den letzten Jahrzehnten haben Handel und Verkehr eine ungeahnte Ausdehnung erhalten. Das Reich nimmt unter den Seehandel treibenden Völkern den zweiten Platz ein, und der Vermerk auf den Waren „In Deutschland angefertigt“ gilt in der ganzen Welt als Empfehlung. Durch die deutschen Dampfschiffahrtsgesellschaften, deren Schiffe wegen ihrer Seetüchtigkeit und Schnelligkeit berühmt sind, und durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes ist der Verkehr unendlich gewachsen. Auch hier sucht Kaiser Wilhelm anzuregen und zu fördern; er hat selbst ausgesprochen: „Wir stehen im Zeichen des Verkehrs!“

Wissenschaft und Kunst.

Wissenschaft und Kunst erfreuen sich in Deutsch- land hoher Blüte. Auf den Technischen Hochschulen, die durch Kaiser Wilhelm den Universitäten gleichgestellt sind, empfangen Baumeister und Ingenieure eine vorzügliche Ausbildung. An der Verbesserung der höheren Schulen, der Lehrerseminare, der Fort- bildungs- und Volksschulen wird unermüdlich gearbeitet, damit sie den veränderten Verhältnissen der neuen Zeit entsprechen. Künstler und Dichter erfahren machtvolle Förderung. Prachtvolle Bauwerke, wie das Reichstagsgebäude, das Herrenhaus, der neue Dom, die Kaiser Wilhelms- und Kaiser Friedrichs-Gedächtniskirche schmücken die Reichshauptstadt. In der Siegesallee ließ Kaiser Wilhelm die Marmorstandbilder der Könige von Preußen, sowie der Kurfürsten und Markgrafen von Brandenburg durch hervorragende Bildhauer errichten und machte sie der Stadt Berlin zum Geschenk. Vor dem Königsschlosse erhebt sich das Nationaldenkmal für Wilhelm I. und vor dem Reichstagsgebäude das gewaltige Standbild seines eisernen Kanzlers, des Schmiedes der deutschen Einigkeit.

Gesetzgebung.

Die Lage des Arbeiterstandes wurde durch das Alters und Invaliditätsversicherungsgesetz, sowie durch das Arbeiter- und Kinderschutzgesetz weiter verbessert, so daß die deutsche Gesetzgebung hierin für fremde Kronprinz Wilhelm. Völker vorbildlich geworden ist.

A l t e r s – u n d I n v a l i d i t ä t s v e r – s i c h e r u n g s g e s e t z (1889):

Versicherungspflichtig ist jeder Arbeiter, dessen Verdienst weniger als 2000 Mk. jährlich beträgt. Die Beiträge richten sich nach der Höhe des Lohnes (4 Lohnklassen) und werden von Arbeitgebern und Arbeitern je zur Hälfte getragen. Wer das 70. Lebensjahr erreicht und 30 Jahre Beiträge geleiſtet hat, empfängt eine Altersrente; wer dauernd erwerbsunfähig ist und mindestens 5 Jahre Beiträge gezahlt hat, eine Invalidenrente. Das Reich zahlt zu jeder Rente 50 Mk. Zuschuß jährlich. Die Altersrente beträgt in der höchsten Lohnklasse 191 Mk., in der niedrigsten 106 Mk. Die Höhe der Invalidenrente richtet sich nach den Lohnklassen und nach der Zahl der Jahre, während welcher Beiträge gezahlt worden sind. Sie erreicht in der höchsten Lohnklasse die Summe von 385 Mk.

E i n f ü h r u n g d e r G e w e r b e g e r i c h t e (1890):

Um gewerbliche Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu schlichten, wurden Gewerbegerichte eingeführt, deren Beisitzer je zur Hälfte aus Unternehmern und Arbeitern bestehen.

A r b e i t e r s c h u t z g e s e t z (1891):

Arbeiterinnen dürfen nicht zwischen 8 ½ Uhr abends und 5 ½ Uhr morgens beschäftigt werden; ihre Arbeitszeit soll 11 Stunden täglich nicht überschreiten. Es ist verboten, Kinder unter 12 Jahren in Fabriken arbeiten zu lassen. Die Sonntagsarbeit wird auf das notwendigste Maß beschränkt.

K i n d e r s c h u t z g e s e t z (1903):

Das Gesetz bestimmt, in welcher Zeit und in welchen Betrieben schulpflichtige Kinder arbeiten dürfen. Völlig verboten ist die Kinderarbeit bei Bauten, in Ziegeleien, in Bergwerken, beim Schornsteinfegergewerbe, beim Steinklopfen, bei der Beförderung von Gütern, beim Mischen und Mahlen von Farben und bei Arbeiten in Kellereien.

Bürgerliches Gesetzbuch (1900)

Im J a h r e 1900 trat das neue „B ü r g e r l i c h e G e s e t z b u c h“ in Kraft, das für das gesamte deutsche Vaterland Geltung besitzt. Die Einnahmen Preußens sind dadurch erheblich gestiegen, daß Leute mit hohem Einkommen stärker zur Steuer herangezogen werden und daß jeder, dessen Jahreseinnahmen über 5000 Mark betragen, sich selbst einschätzen muß.

Kaiser Wilhelms Fürsorge für das Reich.

Ei g e n e T ä t i g k e i t.

Ohne Rast und Ruhe arbeitet Kaiser Wilhelm daran, die machtvolle Stellung Deutschlands unter den Staaten der Erde zu erhalten und zu stärken. Er sorgt aber auch dafür, „daß das Deutsche Reich von allen Seiten das unbedingte Vertrauen als eines ruhigen, ehrlichen und friedlichen Nachbarn genießt“. Auf allen Lebensgebieten will er seinem Volke ein Führer sein, damit es „Gott vertrauend und in sich gefestigt, nach außen entschlossen, nach innen geschlossen“, für die Fortentwicklung menschlicher Gesittung und menschlichen Wissens arbeite. — Sammlung und Erholung sucht Kaiser Wilhelm am liebsten auf Seereisen nach Norwegen und dem Mittelmeere. — Die Kaiserin Auguste Viktoria unterstützt ihren hohen Gemahl in der Fürsorge für das deutsche Volk, indem sie den Bau von Gotteshäusern, sowie alle Werke der Wohltätigkeit und Krankenpflege eifrig fördert.

E r z i e h u n g s e i n e r K i n d e r.

Da Deutschlands Zukunft auf der Tüchtigkeit des heranwachsenden Geschlechtes beruht, bemüht sich Kaiser Wilhelm, seine Tochter zu einer echten deutschen Frau, seine Söhne zu pflichttreuen und charaktervollen Männern heranzuziehen.

Die Prinzen müssen sich neben einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung zugleich tüchtige militärische Kenntnisse aneignen, damit sie einmal als Führer des Heeres und der Flotte dem Vaterlande zu dienen fähig sind. Ein Freudenfest für das deutsche deutsche Volk war es, als der Kronprinz sich mit der jugendfrischen Herzogin Cecilie von Mecklenburg-Schwerin vermählte. Mit den herzlichsten Segenswünschen hat die Bevölkerung das hohe Paar, das dereinst den deutschen Kaiserthron einnehmen wird, bei seinem Einzuge in Berlin begrüßt. Am 4. Juli 1906 wurde dem Kronprinzen der erste Sohn, dem Kaiser und der Kaiserin also der erste Enkel, geboren. Er erhielt in der heiligen Taufe den Namen Wilhelm.

Auch der zweite Sohn Kaiser Wilhelms, Prinz Eitel-Friedrich, hat sich bereits verheiratet. Seine Gemahlin entstammt ebenfalls einem alten deutschen Fürstenhause.

D i e A u f g a b e n d e r d e u t s c h e n J u g e n d.

Seit dem deutschen Einigungskriege 1870/71 befindet sich Deutschland in einem ununterbrochenen wirtschaftlichen Aufschwunge. Der Wohlstand und die Volkszahl wachsen, die Lebenshaltung weiter Kreise ist reicher und besser geworden. Überall im Vaterlande ist der Fortschritt erkennbar. Das deutsche Volk hat alle Ursache, mit der Entwicklung des Reiches zufrieden zu sein und zu dem Hohenzollerngeschlechte, das Deutschland zu Einigkeit, Macht und Größe geführt hat, mit Vertrauen emporzublicken. „D i e J u g e n d a b e r“, so hat Kaiser Wilhelm II. es ausgesprochen, „s o l l h i n e i n w a c h s e n i n d a s n e u e R e i c h. Ihre Aufgaben werden sein: Stetig auszubauen; Streit, Haß, Zwietracht und Neid zu meiden, sich zu erfreuen an dem deutschen Vaterlande wie es ist; nicht nach Unmöglichem zu streben und sich der f e s t e n Ü b e r z e u g u n g h i n z u g e b e n , d a ß u n s e r H e r r g o t t s i c h n i e m a l s s o g r o ß e M ü h e m i t u n s e r m d e u t s c h e n V a t e r l a n d e u n d s e i n e m V o l k e g e g e b e n h ä t t e, w e n n e r u n s n i c h t n o c h G r o ß e s v o r b e h a l t e n h ä t t e !“

Zeittafel