{"id":1216,"date":"2022-10-16T21:16:59","date_gmt":"2022-10-16T19:16:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/bayern\/?page_id=1216"},"modified":"2023-08-07T19:59:16","modified_gmt":"2023-08-07T17:59:16","slug":"die-zugspitze-und-der-eibsee","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/bayern\/geographie\/die-zugspitze-und-der-eibsee\/","title":{"rendered":"Die Zugspitze und der Eibsee."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nach H. Schmid u. K. Stieler.<\/p>\n\n\n\n<p>Den westlichen H\u00f6hepunkt der oberbayrischen Alpen bildet der Wetterstein. Er ist der K\u00f6nig im Westreich, wie der Watzmann im Osten, kein Haupt erhebt sich h\u00f6her, keine Krone tr\u00e4gt reicheres Felsengezack als die seine. Hier hat die Natur eine wilde Arbeit getan, als sie diese Gipfel schuf. Hier sind die Berge trotziger und rauer als rings im Land, es ist eine Versammlung von F\u00fcrsten, jeder von ihnen heischte seinen Thron und sein K\u00f6nigsgebiet. Am h\u00f6chsten aber ragt die Zugspitze hervor, die von dem \u00fcbrigen Stock des Wettersteins fast v\u00f6llig losgerissen ist. Zur Rechten r\u00fcckt der Eibsee an ihre W\u00e4nde heran, zur Linken hat sich die Isar den Weg gebahnt und bricht durch ein schmales Tal ins Flachland. Eine Welt von unnahbarer Wildheit liegt in diesen Felsen, meilenweite W\u00fcsten erstrecken sich durch das Gestein, kein Baum und keine Pflanze; urweltlich gro\u00df ist diese Einsamkeit. Drunten aber ist das Gefilde weithin eben und die hei\u00dfe Sonne wirft ihren Strahl auf die hohen Wiesen und das goldene \u00c4hrenfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Dicht an der Zugspitze liegt Partenkirchen, das schon die R\u00f6mer auf ihrem Wege ins deutsche Land erbaut haben; ihr Lager stand hier und ihre Herden weideten vor demselben. Auch sp\u00e4ter, als diese Zeiten l\u00e4ngst verwichen waren, f\u00fchrte die Stra\u00dfe aus Italien ins Reich hier vor\u00fcber und zahlreiche Handelskarawanen zogen im Mittelalter des Wegs. \u2014 Das heutige V\u00f6lkchen in diesen Gauen ist freilich von anderem Schlag, gleichweit entfernt vom kriegerischen Geist der R\u00f6mer, wie von dem Reichtum der alten St\u00e4dteb\u00fcrger. Nur wenige Gestalten zeigen den kr\u00e4ftigen Bau und die k\u00fchne Stirn des Hochl\u00e4nders, und wie ihrer \u00e4u\u00dferen Erscheinung das Sch\u00f6ne, so fehlt ihrem Wesen jener freie und herrschende Zug, welcher den Bergv\u00f6lkern einen nat\u00fcrlichen Adel verleiht. Es herrscht mehr Hang zum Stillsitzen als zum Herumschweifen, mehr Sinn f\u00fcr gewerblichen Flei\u00df als f\u00fcr Hirten- und J\u00e4gerleben. Nat\u00fcrlich finden sich auch solche Gestalten, die das Herkulische der Bergnatur an sich tragen; im Allgemeinen geh\u00f6ren diese aber zu den Seltenheiten. Alle Wildheit hat die Natur an die Landschaft verschwendet. \u2014 In der guten alten Zeit, da es noch der M\u00fche wert war, ging das Schmuggelhandwerk sehr lebhaft in diesen Bergen. Auf dem schmalen Pfade, der am Abgrunde hinf\u00fchrt, kletterte der verwegene Schw\u00e4rzer empor mit der zentnerschweren Last auf dem R\u00fccken, den geladenen Stutzen in der Faust. An den vorn\u00fcberh\u00e4ngenden Felsen kroch er vor\u00fcber, das zerbr\u00f6ckelte Gestein rollte unter seinem Fu\u00df, es war ein best\u00e4ndiges Wandeln zwischen Tod und Leben. Wo die Pfade gangbar werden, trug ein Saumpferd die versteckten Waren, und unter mancher Ladung, die scheinbar von der Alm herunterkam, waren fremde Kostbarkeiten eingeschmuggelt, die dann in den Felsen versteckt und zur Nachtzeit weiter bef\u00f6rdert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit von Partenkirchen liegt Garmisch. Zahllose Ausfl\u00fcge von ungemeiner Pracht bieten sich dem Fremden dar, die w\u00e4hrend der Sommermonate in beiden Orten Quartier nehmen. Da ist das Forsthaus von Graseck, die Partnachklam, das Rainthal und der Bauer am Eck, der den h\u00f6chsten, st\u00e4ndig bewohnten Hof in Bayern besitzt. Dringt man noch tiefer ins Rainthal vor, so liegt die blaue Gumpe vor uns, ein enger See, zu dem sich die Partnach aufstaut, ein Smaragd in Felsen gefa\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besteigung der Zugspitze selbst ist bedeutend erleichtert worden, seitdem eine M\u00fcnchener Familie mitten im Steinger\u00f6ll am Beginn des sogenannten \u201ePlattert\u201c die Knorrh\u00fctte hat errichten lassen. Neben der Lagerst\u00e4tte enth\u00e4lt sie einen kleinen Herd, dem ein W\u00fcrzburger Professor einen eisernen Ofen beigestellt hatte. Da\u00df ein jeder das Holz, dessen er bedarf, selber mitbringen mu\u00df, liegt auf platter Hand, da hier oben die Natur nicht mit Buchenscheiten zu Markte sitzt; doch ist es jedermann unbenommen, auch die h\u00f6lzerne Th\u00fcr der H\u00fctte als solches zu betrachten. \u00dcber Sommer liegt sogar ein Fremdenbuch in dem Gemach. Neben der H\u00fctte sprudelt ein Quell hervor, der sich zu allen landes\u00fcblichen Diensten verwenden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gipfel der Zugspitze tr\u00e4gt ein eisernes Kreuz von 4 1\/2 Meter H\u00f6he und ist im Jahre 1820 zum ersten Male erstiegen worden. Die Fernsicht, die er er\u00f6ffnet, reicht von K\u00e4rnten bis in die Schweiz, von der Donau bis an die italienische Grenze. Tief drinnen sehen wir den Einschnitt, den der Bernerpa\u00df bildet, in langen, mauerhohen Reihen stehen die Tauernkette, das Stubai und die Ortler-Gruppe vor unsern Augen \u2014 Schnee, Schnee, unerme\u00dfliche Welten des Schnees! Darunter glitzert das heitere Land \u2014 jedes Haus ein schimmernder Punkt, jeder See ein blanker Spiegel, jeder Flu\u00df ein silberner Faden!<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in Partenkirchen noch ein anderes Ziel, das in der Tiefe liegt, und wenn es sich auch an Gr\u00f6\u00dfe des Raumes mit jenem nicht vergleichen kann, so ist es ihm doch an Gr\u00f6\u00dfe des Stils gewachsen. \u2014 Wir stehen vor himmelhohen Felsen, die senkrecht in die Tiefe st\u00fcrzen, zerrissen, als ob die Verzweiflung sie geschaffen h\u00e4tte. Traurige Tannen umklammern ihren Fu\u00df, tr\u00fcmmerhaftes Gestein liegt ringsumher verschleudert \u2014 und dazwischen eine Flut so schmerzhaft tief, so unergr\u00fcndlich dunkel, als ob es keinen Lenz und keinen Segen mehr auf der Erde g\u00e4be! Das sind die Ufer des Eibsees, den der Absturz des Wettersteins vor Jahrtausenden gebildet hat; aber noch heute steht die ungeheure Tat gleichsam versteinert vor unsern Blicken. Eine schauerliche Gestaltungskraft liegt \u00fcber diesem Bilde, etwas furchtbar Verh\u00e4ngnisvolles liegt in dieser Landschaft; sie ist hoch wie der Himmel, tief wie die H\u00f6lle, uralt und steinern wie die Ewigkeit. Wer an diesen W\u00e4nden emporschaut, 3184 1\/2 Meter hoch, dem ist, als seien finstere Geister hier in die Tiefe gest\u00fcrzt, als st\u00e4nde er vor ihrem Kerker, mitten in ihrem Reich. Sie sind nicht vernichtet durch ihren Fall, denn der Geist ist unsterblich; sie leben noch und ihre Qual hat sich den Felsen aufgepr\u00e4gt. Wenn der Wind in den fernen Schluchten tost, dann st\u00f6hnen sie, dann bebt eine stumme Ersch\u00fctterung durch den Abgrund des Sees.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eibsee ist die H\u00f6lle der Natur \u2014 etwas gro\u00dfartig Schauerliches liegt in dieser Flut. Nur wenige morsche H\u00e4user stehen am Rande des schwarzen Gew\u00e4ssers, und die Bewohner derselben sind nicht minder herabgekommen als ihr d\u00fcsteres Gem\u00e4uer. Zwischen dem sp\u00e4rlichen Gras klettern die Ziegen umher und nagen an dem struppigen Gestr\u00e4uch, welches zwischen den Felsbl\u00f6cken wuchert. Wenn die Fremden im Sommer hierher kommen, dann nehmen sie in diesen H\u00e4usern einen F\u00e4hrmann, um auf die zahlreichen Inselbl\u00f6cke hin\u00fcberzusetzen. Halbnackte Kinder kommen dann gelaufen mit Erdbeeren und Alpenrosen und nehmen die ihnen gereichten Gaben entgegen. Wie \u00e4rmlich, wie winzig ist das Treiben dieser Gestalten neben den Kolossalgestalten der Natur; wie anders ist das Herz des dunkeln Sees umnachtet, als das Herz dieser Menschen! Wie erhaben ist sein Kummer und jener wie k\u00fcmmerlich! Mit vergn\u00fcgten, hellen Augen schauen die Fremden in die ungl\u00fcckliche schwarze Tiefe und f\u00fchlen nicht, da\u00df hier Welten \u00fcbereinander krachten, sondern schie\u00dfen eine Pistole los, um am Krachen des Echos k\u00fcnstlich zu erschrecken. Aber aus den grollenden Stimmen des Echos hallt es zur\u00fcck, als riefen die Geister des Berges aus der Tiefe: \u2014 spielt nicht mit unserm Schicksal! Jedoch die Menschen sind klein, sie haben f\u00fcr das Gro\u00dfe keine Ehrfurcht und f\u00fcr das Wunder nichts als Neugier!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Geographische Bilder. Darstellung des Wichtigsten und Interessantesten aus der L\u00e4nder- und V\u00f6lkerkunde. Nach den besten Quellen bearbeitet und herausgegeben f\u00fcr Lehrer und Lernende, sowie f\u00fcr Freunde der Erdkunde von U. Mauer. Erster Band. Vierzehnte Auflage. Langensalza, Schulbuchhandlung von F. G. L. Gre\u00dfler. 1889. Seite 241-243.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach H. Schmid u. K. Stieler. Den westlichen H\u00f6hepunkt der oberbayrischen Alpen bildet der Wetterstein. 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