{"id":1210,"date":"2022-10-16T20:45:24","date_gmt":"2022-10-16T18:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/bayern\/?page_id=1210"},"modified":"2023-10-07T02:31:20","modified_gmt":"2023-10-07T00:31:20","slug":"das-bayerische-hochland","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ewigerbund.org\/bayern\/geographie\/das-bayerische-hochland\/","title":{"rendered":"Das bayerische Hochland."},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"gb-headline gb-headline-6466ec8d gb-headline-text\">Kulisse M\u00fcnchens.<\/h2>\n\n\n\n<p>Steht man auf der Theresienwiese bei <a href=\"https:\/\/www.ewigerbund.org\/bayern\/geographie\/das-alte-und-das-heutige-muenchen\/\">M\u00fcnchen<\/a>, am Fu\u00dfe des Bavaria-Kolosses, \u00fcbers\u00e4ttigt von allen Herrlichkeiten dieser wahrhaft k\u00f6niglichen Stadt, und sieht, gewaltiger, als alle die Monumente, die unsere kunstbegeisterten Monarchen durch ihre gro\u00dfen K\u00fcnstler hervorriefen. Die ewigen unwandelbaren Denkmale einer unsichtbaren Hand &#8211; die riesigen Alpen. Dieses bayerische Hochland in seiner ganzen Ausdehnung, von der M\u00e4delegabel im Allg\u00e4u bis zum Watzmann bei Berchtesgaden und den Salzburger Bergen, gekleidet in ruhiges Blau, dazwischen eine schimmernde Felswand, dahinter ein wei\u00dfer Gletscher, aber in seltenen Momenten, an herrlichen Sommerabenden, getaucht in gl\u00fchendes Rot &#8211; dann f\u00fcllt sich die Brust mit unwiderstehlichem Sehnen nach ihren schwindelnden H\u00f6hen, zerkl\u00fcfteten Felsen, st\u00fcrzenden Bergw\u00e4ssern und gr\u00fcnen Seen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwar ist das bayerische Hochland keine Schweiz. Die Gebirgsst\u00f6cke sind dort h\u00f6her, ausgebreiteter, gewaltiger, die Gletscher h\u00e4ufiger, die Seen gr\u00f6\u00dfer, die F\u00e4lle st\u00fcrzen tiefer; doch erreichen hier die h\u00f6chsten Punkte die gewi\u00df respektable H\u00f6he von 2510 &#8211; 3140 Meter, wie die <a href=\"https:\/\/www.ewigerbund.org\/bayern\/geographie\/die-zugspitze-und-der-eibsee\/\">Zugspitze<\/a>, der Watzmann, M\u00e4dele, Karwendel und andere, man trifft alle Typen der Alpennatur, und der wahre Naturfreund, der sich nicht vom Namen und dem allgemeinen Fremdenzug bestimmen l\u00e4\u00dft, findet sich gewi\u00df hier ebenso befriedigt wie dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ist es f\u00fcr den einzelnen Reisenden, der dem Ger\u00e4usch gro\u00dfer St\u00e4dte f\u00fcr einige Zeit zu entsagen kommt, wohlthuend, hier nirgends den Z\u00fcgen reisender Engl\u00e4nder zu begegnen, die in der Schweiz allenthalben jene gro\u00dfartigen und teuren Gasth\u00f6fe da hervorgerufen haben, wo man L\u00e4ndlichkeit und Einfachheit besuchen m\u00f6chte, und nur ausl\u00e4ndischen Luxus f\u00fcr teures Geld findet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"gb-headline gb-headline-5fb51ccd gb-headline-text\">Land und Leute.<\/h2>\n\n\n\n<p>Wer das bayerische Hochland der Alpen durchreisen will, mu\u00df sich begn\u00fcgen, in einem einfachen Wirtshause beherbergt zu werden, wo er sich jedoch bei m\u00e4\u00dfigen Anspr\u00fcchen befriedigt und vor allem allenthalben Reinlichkeit finden wird, ohne da\u00df es ihm \u00fcbrigens bel\u00e4stigen d\u00fcrfte, wenn vielleicht am andern Tische Knechte und M\u00e4gde des Wirtes aus einer gemeinschaftlichen gro\u00dfen Sch\u00fcssel ihr einfaches Mahl einnehmen, w\u00e4hrend sich neben ihn einer jener schmucken stattlichen S\u00f6hne der Alpen setzt, wie sie von solcher Gr\u00f6\u00dfe und Muskelkraft weder Schweizer, noch Tiroler, ihrer Nachbarn, auszuweisen haben. Er darf sich nicht gekr\u00e4nkt f\u00fchlen, wenn ihn dieser in seiner treuherzigen schlichten Weise mit \u201eDu\u201c begr\u00fc\u00dft, darf jedoch durchaus nicht glauben, dadurch mit Zudringlichkeit bel\u00e4stigt zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hat der Mann einige \u201eHoalbi\u201c Bier getrunken, so wird er lebendig, und beginnt seine \u201eSchnattah\u00fcpf\u2019ln\u201c vorzutragen, kleine vierzeilige Lieder, die meist improvisiert werden, und ihr Wirtshaus-, Sch\u00fctzen- und Liebesleben besingen; nun r\u00fccken mehrere zusammen, und einer sucht es dem andern zuvorzuthun. Dabei wird in die H\u00e4nde geklatscht, mit den F\u00fc\u00dfen gestampft und gejodelt. Es findet sich dann gew\u00f6hnlich eine Zither vor, das Instrument, welches ausschlie\u00dflich den Alpen geh\u00f6rt, und hier fast von jedem ihrer S\u00f6hne gespielt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald ist nun auch ein \u201eDeandl\u201c (M\u00e4dchen) bei der Hand, und nun wird \u201eLandler\u201c getanzt, dieser gem\u00fctliche und zugleich grazi\u00f6se Nationaltanz, der auf unsern B\u00e4llen noch keine Gnade finden konnte, w\u00e4hrend man Polka, Mazurka u. a. von fremden Nationen entlehnt. \u2014 Leider folgen dann auch manchmal ernstliche H\u00e4ndel, wie dies bei Naturkindern, die sich von ihren Leidenschaften blind beherrschen lassen, leicht m\u00f6glich ist. Es werden die st\u00e4hlernen Schlagringe gedreht, die sie am Finger tragen, und selten legt sich der Kampf, bis er sein Opfer gefordert. Doch haben die Leute Takt genug, in Gegenwart Fremder sich zu beherrschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beachtenswert sind die Symbole, die die Decken der Gastlokale zieren. Liegt das Dorf an einem der Seen, und sind daselbst K\u00e4hne zum Gebrauch f\u00fcr Reisende, so h\u00e4ngt von der Decke herab das Modell eines Kahnes mit einer Puppe als F\u00e4hrmann; au\u00dferdem Fleischer- und in gl\u00e4sernen Beh\u00e4ltern ein Frachtwagen in Duodez, wenn hier Einkehr der Fuhrleute stattfindet. Es deutet das, sowie die mit geschnitzten Fig\u00fcrchen bedeckten Maib\u00e4ume, die zahlreichen bunten Heiligenbilder u. a. m., gewi\u00df auf ein schon s\u00fcdlicheres, dem Italienischen verwandteres Element des Volkes hin, das, gen\u00e4hrt durch das Bilderreiche des katholischen Kultus, sinnige, farbige und plastische Anschauungen als Br\u00fccke zur Vermittelung seines Ideeenganges mit den aufzunehmenden Begriffen bedarf.<\/p>\n\n\n\n<p>Denselben Grund m\u00f6gen die dramatischen Spiele dieser Gebirgsleute haben, die, ebenso originell als alt, nur Szenen aus der christlichen Legende oder Jesusgeschichte darstellen, und uns so einen Begriff von der B\u00fchne des Mittelalters geben. Hat irgendwo eine Gemeinde ein derartiges Schauspiel beschlossen, dann wird es durch Anschlagzettel in allen benachbarten D\u00f6rfern bekannt gemacht. Die Auff\u00fchrung geht in einer Scheune vor sich, und hat ein zahlreiches und aufmerksames Auditorium. <\/p>\n\n\n\n<p>Das bayerische Hochland hat noch eine andere eigent\u00fcmliche Volkssitte vorzuzeigen &#8211; das \u201eHaberfeldtreiben\u201c. Hat jemand durch Wucher, Geiz, Unsittlichkeit oder sonst ein Laster, das von den Gerichten nicht direkt bestraft werden kann, den \u00f6ffentlichen Unwillen erregt, so versammelt sich vor seinem Hause des Nachts ein vermummter Haufe bei Fackelbeleuchtung mit Waldteufeln, Pfeifen, metallenen Becken, alten T\u00f6pfen, mit denen sie, unterst\u00fctzt von Geschrei und Gejohle, einen H\u00f6llenl\u00e4rm so lange vollf\u00fchren, bis der zitternde Misset\u00e4ter in dem Haufen erscheint. Hier werden ihm von einem Sprecher seine Vergehen vorgehalten, und mit dem Versprechen der Besserung beruhigt, gehen die Leute auseinander.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"gb-headline gb-headline-02aa35da gb-headline-text\">Bergsteigen, Wildern und Schmuggeln.<\/h2>\n\n\n\n<p>Bergsteigen und Wildern ist ihnen, wie allen Bergbewohnern, angeborene Leidenschaft, dabei lockt auch die nahe \u00f6sterreichische Grenze zur Schmuggelei, und alles ist ihnen lockend, was Gefahren bringt, die hier weit gr\u00f6\u00dfer sind, als irgendwo, wozu sich aber auch hier weit mehr Schlupfwinkel bieten. In vielen Familien erbt sich dieses Gesch\u00e4ft vom Gro\u00dfvater auf den Urenkel fort; und manche hat schon im Kampfe mit den Grenzw\u00e4chtern ihr Oberhaupt eingeb\u00fc\u00dft. Aber in stetem Kampf mit den Elementen und dem Gesetz, geht der bayerische \u00c4lpler gest\u00e4hlt und ausdauernd daraus hervor, mit scharfem Blick und feinem Geh\u00f6r jede Gefahr erkennend und sie mit athletischer Kraft bek\u00e4mpfend; er ist einer jener S\u00f6hne der Natur mit allen ihren schlimmen, aber auch, vortrefflichen Eigenschaften, die in unsern Tagen nur noch schirmende Berge oder d\u00fcrre Steppen vor dem unaufhaltsamen Strom der Kultur, die alle Welt beleckt, bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Geographische Bilder. Darstellung des Wichtigsten und Interessantesten aus der L\u00e4nder- und V\u00f6lkerkunde. Nach den besten Quellen bearbeitet und herausgegeben f\u00fcr Lehrer und Lernende, sowie f\u00fcr Freunde der Erdkunde von U. Mauer. Erster Band. Vierzehnte Auflage. Langensalza, Schulbuchhandlung von F. G. L. Gre\u00dfler. 1889. Seite 241-243.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulisse M\u00fcnchens. 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